Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Fenster in die Welt

Seit über vierzig Jahren kartografiert er aus dem Aargauer Wynental heraus Seelenlandschaften und nähert sich in Lyrik und Prosa den Grundfragen menschlicher Existenz. Eine Begegnung mit Klaus Merz, der diesen Monat den Basler Lyrikpreis 2012 erhält.

Von Anna Wegelin (Text)

Unterkulm im Dezember. Klaus Merz kommt uns auf dem Perron abholen, einen knallgelben Schirm in der Hand. Seit vierzig Jahren ist er hier daheim, unterbrochen durch längere Auslandsaufenthalte.

Ende Januar erhält der 66-jährige Merz den Basler Lyrikpreis 2012, für den die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige 10 000 Franken freistellt. Wie wenige DichterInnen bringe er das Kunststück fertig, lyrische Prinzipien auch in seiner Prosa umzusetzen, schreibt die Jury, die aus den gestandenen AutorInnen der Basler Lyrikgruppe besteht. Die Schauplätze seiner Texte seien «stets unspektakuläre Orte, an denen Merz mit wenigen Strichen und rhythmischen Lenkungen Charaktere und die rätselhafte Welt der Empfindungen aufscheinen lässt».

Gestern noch las er in Berlin, davor war er beruflich in London. Aber jetzt stellt Merz sich wieder den vielen Medienanfragen. Denn sein österreichischer Verlag hat die ersten zwei von sieben geplanten Bänden seines Gesamtwerks veröffentlicht: frühe Lyrik und Prosa, darunter längst vergriffene und noch unveröffentlichte Texte aus seinem «Vorlass» im Schweizerischen Literaturarchiv. Editor der Werkausgabe ist der Literaturvermittler Markus Bundi. Auf den Umschlägen prangen schlichte Vignetten des Burgdorfer Kunstmalers Heinz Egger, mit dem Merz seit den frühen achtziger Jahren zusammenarbeitet. «Wir nähren, jeder in seiner Art, ein ähnliches Seelenklima», so Merz zu dieser «Arbeitsfreundschaft». «Bilder bedeuten mir viel. Sie sind Fenster in die Welt, durch die man mehr sieht als nur den sichtbaren Ausschnitt.»

Abenteuer am Tisch

Und schon sind wir bei seiner Poetik angelangt, die sich bereits in der programmatischen Erzählung «Latentes Material» von 1978 manifestiert. So hat Merz’ Alter Ego Alfred A. vor seinem mysteriösen Tod auf dem Tonband festgehalten: «Als Fotograf muss man sich ja meist aus den Dingen heraushalten, um an sie heranzukommen.» Und weiter: «Viele meiner eigenen Fotografien entwickle ich nicht. Es genügt mir zu wissen, dass meine Filme nicht leer sind. So steckt auch in meinen schriftlichen Notizen vor allem ‹latentes Material›.» Im Gespräch sagt Merz: «Ich grapsche nicht nach Stoffen. Ich warte zu, bis meine Geschichten zu mir finden.» Wenn man dies möglichst absichtslos tue, bestehe man als Schriftsteller auch «Abenteuer am Tisch».

Klaus Merz wohnt mit seiner Frau, einer Psychotherapeutin, in einem funktionalen Pultdachhaus am Steilhang. Ihre beiden erwachsenen Kinder – die Tochter arbeitet in der Kinder- und Jugendhilfe, der Sohn ist Filmemacher – sind längst ausgezogen. Ein gemeinsamer Freund hatte den schlichten Terrassenbau entworfen, nachdem aus dem kollektiven Traum einer Gemeinschaftssiedlung nichts geworden war. «Es ist ‹gäbig› für Schreibende, wenn man nicht zu teuer wohnt», so Merz. Eine Anstellung als Lehrer war der Grund, weshalb er ins Dorf gekommen war, später stiess auch seine Frau dazu. Nach der Sekundarlehrerausbildung in Lausanne unterrichtete er sechs weitere Jahre. Als das Haus am Hang bezugsbereit war, kündigte er seine Stelle: «Es war eine sehr schöne, starke Unterrichtszeit.» Später, als Lehrbeauftragter für Sprache und Kultur an der Schweizerischen Bauschule Aarau, sollte Merz das Unterrichten nie mehr so intensiv erleben. «Die Schriftstellerei nahm immer mehr überhand.» Mehr als dreissig Titel – Lyrik, Prosa, Hörspiele, Theaterstücke, Kinder- und Künstlerbücher – sowie Kolumnen und Essays sind bis heute veröffentlicht worden.

Ob er ans Aufhören denkt? «Manchmal schon, dennoch arbeite ich jeden Tag.» Seine Frau sei seine «Primärleserin»: «Sie hat die Gabe und das Gespür, den Finger dorthin zu legen, wo es wehtut» – zum Beispiel dann, wenn man eine Formulierung weg- oder loslassen müsse, in die man sich verliebt habe, die aber überflüssig sei, sagt Merz, der wenn immer möglich so lange über seinen Texten brütet, «bis sie bei sich selbst angelangt sind».

Vom «Jakobsland» in die Luft

Wir stehen in der Stube vor dem Fernseher und haben uns soeben mit der Aktion «Jeder Rappen zählt» kurz nach Bangladesch gezappt – Merz’ Sohn führt Regie in der bangladeschischen Aussenstation der vorweihnachtlichen Benefizaktion. Dann zeigt der Dichter aus dem Fenster hinaus ins graue Nass dieses Tages. Dort am Rand, im Grenzland zwischen dem Reformierten und dem Katholischen, schon «fast im Luzernischen», sei er aufgewachsen, erzählt er. Wenn die Sicht klar sei, sehe man die Zentralschweizer Bergzacken leuchten.

Im oberen Wynental, ein paar Dörfer weiter, ist auch die Erzählung «Jakob schläft» von 1997 angesiedelt. Diese kleine, feine «Vermessung einer Welt», so Merz über den autobiografischen Text, der auch an der Ostsee oder in Wien verstanden werde, bescherte dem Autor den internationalen Durchbruch. Wie sehr er diesem Fleck im Mittelland verhaftet ist, hat er erst mit der Zeit erkannt. Als in den siebziger Jahren Otto F. Walter sein fiktives Dorf Jammers schuf, Gerhard Meier sein Amrain und Hermann Burger sein Schilten, habe er sich bewusst gegen einen solchen dichterischen Ausgangspunkt entschieden: «Ich dachte immer: Ich will nicht so verortet sein. Mir genügt es zu wissen, woher man abstösst, wenn man in die Luft kommen will.» Später habe er dann gemerkt, dass der Ort seiner Kindheit in den fünfziger Jahren halt eben doch ein «Epizentrum» für sein Schreiben war und ist.

Klaus Merz wuchs in Menziken auf. Seinem Vater, der im Dorf eine Bäckerei-Konditorei führte, sei immer das tägliche Brot am wichtigsten gewesen, erklärt der Schriftsteller. Das habe sich wohl literarisch bei ihm selbst niedergeschlagen: «Ich mache keine Pralinés. Ich möchte Seelenbrot backen, das nährt.» Wenn er damals mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Martin (1950–1983) durchs Dorf gegangen sei, habe das schon Kraft gekostet, erinnert er sich. Martin litt an einem «Wasserkopf», wie es im Volksmund heisst, und konnte nicht gehen, schrieb später aber auch Gedichte. Und da waren zudem noch die epileptischen Anfälle des Vaters, die zunehmende Schwermut der Mutter. «Wir mussten ein innerfamiliäres Widerstandsnest bilden, um zu bestehen», erinnert er sich. Dafür sei eine warme Backstube gar nicht so schlecht gewesen.

Er habe die sogenannt Abnormalen oft als die Normaleren erlebt als die sogenannt Normalen, sagte Merz in einer Radiosendung an seinem 65. Geburtstag. Daran habe sich bis heute nicht viel verändert.

Nie auf Befehl gebellt

«Wir leben auf wankendem Grund», meint der Schriftsteller, als wir auf die heutige Zeit zu sprechen kommen. Das Leben in dieser Welt sei ja oft «unheimlich ruppig». «Dass wir trotzdem miteinander auskommen, ist erstaunlich.» In Merz’ Texten sucht ein Ich darum oft nach einem Du, zum Beispiel im Gedicht «Zusammen» in der Sammlung «Aus dem Staub» von 2010: «Das Brot geteilt, die Nacht / den Blick ins dunkle / Gewässer. // Und wie jeden Morgen / die Einsamkeiten / neu vertäut.» Der Text entspringt einem liebenden, aber auch unverstellten Blick.

Manchmal ist es biografisches Material, das mehrere Jahre ruht, um sich dann unerwartet zu melden. So basiert die mit dem Schweizerischen Schillerpreis bedachte verstörend-betörende Erzählung «LOS» von 2005 über den verschollenen Gymnasiallehrer Peter Thaler («einer, der erst im Tod bei sich selber ankommt») auf einem traurigen Vorfall in Merz’ Freundeskreis. Und auch den Stoff für die Novelle «Der Argentinier» von 2009 über einen gewissen Johann Zeiter, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika «abgedampft» ist, «um wegzukommen aus der alten, auf Grund gelaufenen Welt», hatte der Autor längere Zeit bei sich ruhen lassen, bis die Geschichte nach Jahren danach verlangte, erzählt, also in Sprache verwandelt zu werden.

Klaus Merz reagiert das erste und einzige Mal während des Gesprächs genervt, als er gefragt wird, ob er sich als politischer Autor verstehe. Es ärgere ihn, wenn SchriftstellerInnen gebetsmühlenartig vorgeworfen werde, sie würden sich nicht mehr politisch äussern. «Ich habe nie auf Befehl gebellt», so Merz, der aus Neid auf seine beruflichen Meriten und/oder wegen unliebsamer politischer Aussagen schon verschiedentlich zur Zielscheibe diffamierender Attacken von «journalierenden Rechtsauslegern», wie er sagt, geworden ist. Im Übrigen seien an die Stelle einzelner exklusiver «Moralposthalter» zum Glück längst breiter abgestützte, gesellschaftskritische Organisationen wie zum Beispiel Greenpeace, WWF oder Amnesty International getreten. Und, so Merz: «Politisches Denken – nicht Lärmen – verstehe ich nach wie vor als Bürgerpflicht.»

Aber die Aufgabe der Kunst bestehe ja vielmehr darin, «das Wesen der Dinge erfahrbar zu machen» und andere Lesarten der vermeintlichen Realität vorzuschlagen. Dabei könne der Alltag auch unverhofft zum All-Tag werden, wie ihm der Maler Hugo Suter einmal geschrieben habe. Oder wie er im Gedicht «Milchstrasse» aus der Sammlung «Nachricht vom aufrechten Gang» von 1991 selbst schreibt: «Die Nachricht vom auf- / rechten Gang / verbreitet sich langsam / im All. // Du legst den Kopf / ins Genick / in der Küche löscht / die Tochter das Licht.» Da wird in starker Verdichtung das Fernste und das Nächste zusammengeführt: «Pneuma. Atem. Föhn.»

Es müsse eben in der Kunst wie bei Henri Matisse zu- und hergehen, erklärt Merz, dem das Museum Strauhof in Zürich 2007 die Ausstellung «Der gestillte Blick. Der Schriftsteller Klaus Merz und die Bilder» gewidmet hat. Matisse mache in einem «Ausschnitt» stets das Wesen des Ganzen sichtbar. Gerade durch die späten «Scherenschnitte» des alten Meisters habe er die «wirkliche» Natur noch besser sehen gelernt: «Sogar das Erlebte will zuerst beschrieben sein», hält er im Gedichtband «Garn» aus dem Jahr 2000 aphoristisch fest.

Zum Bleistift geworden

Klaus Merz könnte vermutlich ohne das Schreiben gar nicht leben: «Im Lauf der Zeit selber / zum Bleistift geworden / der auch ein Bleistift bleibt / wenn er nicht schreibt.», heisst es im Gedicht «Biographie» (in «Aus dem Staub»). Es ergeht ihm wohl wie seinem Fotografen Alfred A., der meint, es sei zwar anstrengend, «sich jeden Tag aufs Neue Boden unter die Füsse fotografieren, denken oder schreiben zu müssen. Dafür bleibt man aber bei dieser Art zu leben wahrscheinlich offener, schutzloser natürlich auch, als wenn man sich auf die Verteidigung eines Lebensplanes, fester Prinzipien eingestellt hat.»

Klaus Merz bringt uns zurück zur Bahnstation. Es hat aufgehört zu regnen. Der knallgelbe Schirm bleibt zu. Aber unsere Sinne haben sich ganz weit geöffnet.

Internationales Lyrikfestival Basel von Freitag, 27., bis Sonntag, 29. Januar, im Literaturhaus Basel. Merz erhält den Basler Lyrikpreis 2012 am Sonntag, 29. Januar. www.literaturhaus-basel.ch

 

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