Nr. 20/2005 vom 19.05.2005

Bewusste Bullen

Die älteste deutsche Krimiserie hat schon immer aktuelle Gesellschaftsthemen auf den Bildschirm gebracht. Wie politisch ist der «Tatort» nach 600 Folgen?

Von Christian Buss

Schreiben Sie doch einen «Tatort»! DrehbuchautorInnen, die sich bei einem der ARD-Landessender mit politisch aufgeladenen Stoffen vorstellen, hören häufig dieselbe Antwort. Im Ersten ist nicht mehr viel Platz für Filme, die direkt oder indirekt gesellschaftliche Phänomene reflektieren. Am Freitagabend regiert das Schmonzettentum, das die ARD-eigene Produktionsfirma Degeto perfektioniert hat. Hier sorgen der Geldadel und das Landarztwesen für eine reibungslose Abwicklung sozialer Belange. Und auch die Prime Time am Mittwoch, einst der Sendeplatz für schwierige Sujets, durchweht immer mehr die sanfte Brise des Eskapismus. Die «Degetoisierung» des Ersten schreitet unaufhaltsam voran.

Berlin politisch …

Da scheinen bald nur noch die «Tatort»-Produktionen einen Pfad durchs Fernsehparadies zurück in die deutsche Lebenswirklichkeit schlagen zu können. Wer etwas von diesem Land erzählen will, muss einen Krimi schreiben. Wie politisch ist also der «Tatort»? Mal mehr, mal weniger - je nach Redaktion, die dafür verantwortlich zeichnet. Eine Tour durch die Sendeanstalten der ARD bringt Aufschluss.

Starten wir in Berlin. In der Hauptstadt liegt das Thema Politik natürlich auf der Hand. Der Rundfunk Berlin-Brandenberg (RBB) ist sich seiner Sonderstellung bewusst, lässt seine Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) gerne im PolitikerInnenmilieu ermitteln und versammelt als Komparserie reale Lobbyisten und Parteisoldatinnen. Die sind billig zu haben und muten authentisch an. Wenn man am Sonntag einen Berliner «Tatort» anschaltet, kommt es einem gelegentlich so vor, als hätten die Programmverantwortlichen «Sabine Christiansen» vorverlegt.

… Hessen vertikal

Doch wo viele PolitikerInnen rumstehen, muss es keineswegs immer um Politik gehen. Abgesehen von einer ambitionierten Episode, die in der Birthler-Behörde spielte und von Stasi-Akten erzählte, zeigte man sich in den letzten Jahren beim RBB nicht sonderlich interessiert an gesellschaftlichen Prozessen. Das scheint sich jetzt langsam zu ändern: Mit der letzten Folge, «Todesbrücke», liess man das Regierungsviertel und die innerstädtischen Brennpunkte zurück und untersuchte punktgenau die psychoökonomische Gemengelage in einer neuen Eigenheimsiedlung; es ging um insolvente Unternehmer und dysfunktionale Familien. Die Phänomene der Wirtschaft spiegelten sich hier ganz unaufdringlich im Sozialen.

Wie man die Geometrie eines Ortes mit dessen spezifischer Ökonomie verhandelt, führt mustergültig der Frankfurter «Tatort» vor. Seit der Regisseur und Autor Niki Stein das Täterrätsel des Hessischen Rundfunks (HR) vor drei Jahren runderneuerte, entwickelt man die Handlung entlang einer vertikalen Linie - vom Elend der Strasse hoch zum Glas-und-Stahl-Glanz der Geldinstitute. Wenn Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) ermitteln, werden sowohl die zerplatzten Träume im Bahnhofsviertel inspiziert als auch der ausgestellte Reichtum der Bankhäuser. Gelegentlich steigen die PolizistInnen dann auch noch in ein Sadomasostudio hinab, das sich ein Reihenhausbesitzer in seinem Hobbykeller eingerichtet hat. Gier und Lust: Die Frankfurter Episoden führen sinnträchtig vor, in welchen Bahnen sie kanalisiert werden. Verdrängung und Enthemmung werden hier als zentrale gesellschaftliche Bewegungen gezeigt. Jeder jüngere HR-«Tatort» taugt deshalb auch als Kommentar zu den Entlassungen bei der Deutschen Bank.

Könnte es sein, dass auch unter dem sauberen Pflaster von Stuttgart düstere libidinöse und machtpolitische Strömungen wirken? Wenn ja, so wird man es durch die Sichtung des dort angesiedelten «Tatorts» nicht erfahren. Stammautor Felix Huby baut für den Südwestdeutschen Rundfunk (SWR) biedere Ratekrimis. Für seinen Bienzle (Dietz Werner Steck) gilt: Der Täter ist der Täter ist der Täter. Subplots interessieren nicht. Ähnlich verhält es sich im Saarland mit dem dienstältesten «Tatort»-Ermittler Palü (Jochen Senf), der umweltbewusst zum Ort des Verbrechens radelt und dessen Herz offensichtlich eher links schlägt. Auf seine Arbeit hat das kaum Auswirkungen, und diese wiederum hat kaum Auswirkungen auf sein Leben. Meist sieht man Palü beim Kochen und Essen. In der letzten Episode begegnete er beim Verdauungsradeln dem realen saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) - wie gewagt. Mehr Politik geht wohl nicht im Saarland.

Härter und urbaner

Wie man hört, wird überlegt, Bienzle und Palü in Rente zu schicken. Die ZuschauerInnen werden sich darüber kaum echauffieren. Obwohl nicht sicher ist, dass die «Tatorte» von SWR und Saarländischem Rundfunk mit einer Frischzellenkur auch eine neue erzählerische Vehemenz entwickeln würden.

Man muss nur nach Hamburg gucken: Dort lösten vor vier Jahren Robert Atzorn und Thilo Prückner die mild swingenden Rollmöpse Manfred Krug und Charles Brauer als Ermittler ab. Die Episoden an der Elbe sollten härter, urbaner und gegenwartsrelevanter werden. Tatsächlich fasst man beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) nun gerne heisse Eisen an. Es geht um Demonstrationsverbot oder innere Sicherheit. Aufgelöst werden diese Debattenthemen allerdings immer ganz unverbindlich. So muss man dem NDR einerseits den Mut anrechnen, direkt nach dem 11. September 2001 einen schon zuvor geplanten Thriller über eine Flugzeugentführung realisiert zu haben, andererseits wird der darin praktizierte finale Rettungsschuss nicht im Ansatz problematisiert.

Ein glücklicheres Händchen haben die Verantwortlichen des NDR mit ihren «Tatorten» in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein, wo sie dem Trend zur Dezentralisierung im TV-Krimi folgen. Manchmal erfährt man ja an den Rändern des Landes mehr über dessen inneren Zustand. So folgt man der Hannoveraner Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) bei ihren Ermittlungen in unscheinbare, aber politisch durchaus bedeutsame Regionen. Auch der noch nicht so lange im Fernsehamt befindliche Kieler Kommissar Borowski (Axel Milberg) soll bald Landpartien unternehmen, um tiefere Eindrücke vom gerade verloren gegangenen SPD-Stammland zu geben. Erst mal aber wurden Kieler Themen wie das Werftsterben behandelt - da folgt der NDR ganz redlich den Vorgaben der Sozialreportage.

Drolliger geht es bei den Münsteraner Episoden mit Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) zu, wo man gesellschaftliche Sachlagen ignoriert und das Format konsequent in Richtung Krimikomödie kultiviert hat. Trotzdem entwickelt der «Tatort» des Westdeutschen Rundfunks (WDR), der je nach Kunstfertigkeit der Regisseure als Klimbim oder Anarchoklamotte daherkommt, eine gewisse politische Dimension: Mit gedämpften Splatter-Elementen und dem ausgiebigen Marihuanakonsum des Ermittlervaters wird ausgetestet, wie liberal man in Sachen visueller Explizität und Rauschmittelkonsum bei dem Traditionskrimi verfahren kann. Gelegentlich bekommt der WDR Ärger mit FernsehwächterInnen, das spricht durchaus nicht gegen die Redaktion.

Neonazis und Landminen

Der WDR ist sowieso vorbildlich bei seiner «Tatort»-Arbeit. Den gelegentlich subversiven Krimispässchen aus Münster setzt man mit der Kölner Variante klassische Themenkrimis entgegen, die das Format als gesellschaftspolitisches Debatteninstrument nutzen. Dabei wird stets so viel Sachinformation in die Episoden eingespeist, wie man zur Durchdringung des Subplots braucht. Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) sind optimale Agenten für den Zuschauer, sie nehmen ihn mit in komplexe Themenbereiche wie Neonazismus und Verfassungsschutz oder Landminen und Waffenindustrie. Neulich sprachen die «Tatort»-Macher zum Thema Landminen sogar im Deutschen Bundestag. Das wirkte nicht anmassend. Fiktionales Fernsehen kann eine enorme gesellschaftspolitische Vehemenz entwickeln, aber dafür muss die Redaktion Mut, Zeit und Recherche-Elan aufbringen.

Nicht alle Sender verfügen darüber. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) zum Beispiel fasst in seinen «Tatorten» mit dem Ermittlerduo Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) so manches heisse Eisen an - um es dann schnell wieder fallen zu lassen. Die abstruse Finanzierung eines Stadionbaus in Leipzig etwa ist hier eher ein kleiner erzählerischer Kniff denn ein ausgearbeiteter Subtext, der zu möglichen kriminellen Verstrickungen innerhalb des «Aufbaus Ost» führt. Ein «Tatort»-Revier, in dem die spezifischen Stimmungen sowie die gesellschaftlichen und ökonomischen Konstellationen in den östlichen Bundesländern gezeigt werden (so wie das dem NDR-«Polizeiruf 110» aus Schwerin gelingt), existiert sonderbarerweise nicht.

Natürlich kann es nicht darum gehen, nur möglichst zahlreich brisante Themen in das Täterrätsel zu schleusen. Aber es muss auf jeden Fall viel Lebenswirklichkeit in den fiktionalen Kosmos filtriert werden. In Sachen Milieustudien ist wohl der Bayrische Rundfunk führend. Leberkäse kauend und mit einer bemerkenswerten Bereitschaft, die nächstliegende Nachbarschaft immer wieder mit neuen Augen zu betrachten, ermitteln die Münchner Beamten Batic (Miroslav Nemec), Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Menzinger (Michael Fitz) in den unterschiedlichen Quartieren und Klassen der Stadt. Tonfall, Ausstattung und Lichtgestaltung werden meist dem jeweiligen Soziotop angeglichen. Soziales Gespür zeigt sich eben nicht nur in der Wahl des Stoffes, sondern auch in der Art der Inszenierung.

Im Vergleich zu den detailgenau ausgestalteten und doch stetig changierenden Münchner Lebenswelten wirkt der SWR-«Tatort» aus Konstanz ein bisschen eintönig. Der schwermütige Blick über den Bodensee wirkt zuweilen lähmend. Der Ort, so wie er sich Ermittlerin Blum (Eva Mattes) präsentiert, lädt selten zu soziokulturellen Entdeckungen ein.

Eine lesbische Kommissarin?

Ähnlich verhält es sich inzwischen mit Ludwigshafen und Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Früher war der Redaktion kein Thema zu heikel, inzwischen lässt man sie Dienst nach Vorschrift schieben. Es mag banal klingen: Aber es ist auf jeden Fall ein Fehler gewesen, dass man Odenthal nach zaghaften Coming-out-Szenen vor vier, fünf Jahren nicht als erste lesbische TV-Ermittlerin in den Einsatz geschickt hat. Jetzt schlägt sie sich immer ein wenig traurig durch die Täterrätsel - ohne Liebesleben und mit puritanisch anmutendem Pflichteifer.

Wäre Odenthal wie Inga Lürsen (Sabine Postel) in Bremen tätig, hätte die Figur jetzt vielleicht ein erfülltes Dasein. Radio Bremen ist immer gut für unkonventionelle Entscheidungen, was wohl auch damit zu tun hat, dass die Hierarchien in dem Minisender Radio Bremen flach sind. Jedenfalls hat man nicht das Gefühl, dass kritische Stoffe hier so lange durch die Redaktionsflure hin und her geschoben werden, bis sich sämtliche Brisanz abgetragen hat. Kurz nach der Debatte um die Häuserkampfvergangenheit Joschka Fischers produzierte die kleine ARD-Anstalt 2002 mit Thorsten Näters «Schatten» ein opulentes Politdrama, in der ohne Effekthascherei und Diffamierung die Apo-Vergangenheit prominenter Regierungsmitglieder verhandelt wurde.

Die Krimireihe ist also 35 Jahre nach der ersten Sendung mehr denn je dazu geeignet, gesellschaftliche Phänomene zu beleuchten. Trotz steigenden Realitätsverlustes auch in den Produktionen der öffentlich-rechtlichen Anstalten schlägt der «Tatort» immer wieder eine unverzichtbare Schneise direkt in die bundesdeutsche Lebenswirklichkeit.

Die 600. Folge
Eine junge Frau stürmt aufs Polizeirevier und behauptet, ihr Freund sei ermordet worden. Und sie behauptet noch mehr: Der Tote sei in die Terroranschläge vom 11. September 2001 verwickelt gewesen. Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) kann das nicht glauben. Sie hält die junge Frau für eine Märchenerzählerin ... Der «Tatort» «Scheherazade» (ARD und ORF, Sonntag, 5. Juni, 20.15 Uhr) ist eine würdige Jubiläumsfolge; ein klug konstruierter Krimi mit politischem Hintergrund, der unterhält und zum Nachdenken auffordert: Kann an der fantastisch anmutenden Geschichte doch etwas Wahres dran sein? So steht die 600. Folge in der Tradition der grossen ambitionierten «Tatorte», die vor fast 35 Jahren gleich mit der ersten Folge begann:«Taxi nach Leipzig» wurde am 29. November 1970 gesendet und arbeitete sich an einem deutsch-deutschen Vorfall ab.

Wie entsteht ein «Tatort»?
«Man muss sich das als Kuhhandel vorstellen», beschreibt Regisseur und Autor Hannes Stöhr die Entwicklung eines «Tatorts». Einiges kann man gegenüber der Redaktion durchsetzen, anderes muss man sich abschminken - meist zu Recht: «Der Hauptanteil der ‹Tatort›-Zuschauer ist zwischen 45 und 80.» Da müsse man sich schon auf gewisse Erzählstandards einlassen, sonst gehe die Quote in den Keller. Stöhr, der mit «Berlin is in Germany» einen der eigenwilligsten Filme über die Wiedervereinigung gedreht hat, leitet gelegentlich Seminare an der Filmschule Hamburg-Berlin, wo er Interessierten und angehenden Profis Handwerkszeug zum Verfassen von «Tatort»-Drehbüchern vermittelt. Stöhr selbst hat für den WDR «Odins Rache» inszeniert, das Musterbeispiel eines politischen «Tatorts». Es geht darin um Neonazis und V-Männer. Ein höchst komplexer Subtext, der umso sorgfältiger in den eigentlichen Krimiplot eingearbeitet werden muss: Wie lege ich falsche Fährten? Wann gebe ich welche Informationen? Wo nimmt die Handlung eine entscheidende Wendung? Stöhr rät zur klassischen Drei-Akt-Struktur, für die man alle überflüssigen Elemente herausstreicht, und begründet das mit einer Idee Ernest Hemingways: Eine gute Geschichte ist wie ein Eisberg - man sieht über Wasser nur ein Siebtel, aber der Autor muss alles wissen.

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