Nr. 35/2015 vom 27.08.2015

Das alte Leben vergessen und in der Schweiz ganz neu anfangen

Immer mehr minderjährige Flüchtlinge reisen allein in die Schweiz ein: 2014 waren es 800, doppelt so viele wie im Vorjahr. Weshalb riskieren diese Kinder und Jugendlichen aus Eritrea, Afghanistan, Somalia oder Syrien diese gefährliche Flucht? Und wie sieht ihr Leben hier aus? Drei Schicksale.

Von Sarah Schmalz

Abiel Asfaha* war zehn Jahre alt, als er zu arbeiten begann. Er hievte Gepäckstücke aus den Bussen, die in seiner eritreischen Heimatstadt Tesseney einfuhren – diesem alten muslimischen Handelsort an der sudanesischen Grenze. Mit dreizehn verliess Asfaha die Schule und wurde zum Haupternährer seiner sechsköpfigen Familie. Der Vater musste für das Regime Militärdienst leisten, auf unbestimmte Zeit und mit minimalem Lohn. Als auch Abiels Einberufung eingetroffen war, beschloss der Jugendliche zu fliehen. Da war er sechzehn. Mit siebzehn traf Asfaha in der Schweiz ein.

Wie Abiel Asfaha haben im vergangenen Jahr rund 800 minderjährige Jugendliche Asylsuchende (UMA) in der Schweiz ein Gesuch gestellt. Das sind so viele wie nie zuvor; allein gegenüber 2013 hat sich die Zahl verdoppelt. Ihre Herkunft, das zeigt die Statistik des Staatssekretariats für Migration (SEM), ist ein Abbild der Krisenherde der Welt: 2014 sind über 500 jugendliche AsylgesuchstellerInnen aus Eritrea geflohen; auf dem zweiten bis vierten Platz der SEM-Länderstatistik folgen Afghanistan, Somalia und Syrien. Der Grossteil der unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge ist zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alt, rund achtzig Prozent davon sind männlich. Die Kinder und Jugendlichen fliehen vor Armut, Krieg, Bedrohung und Misshandlungen – und oft, weil sie Waisen sind. Allen gemeinsam ist die belastende Erfahrung von Entwurzelung und einer oft traumatischen Flucht.

Abiel Asfaha: Odyssee ab Eritrea

Das Treffen mit Abiel Asfaha findet in einem Westschweizer Zentrum für minderjährige Flüchtlinge statt. Ein schlaksiger, fröhlich wirkender Jugendlicher betritt das enge Besucherzimmer. Sobald sich Asfaha aber an seine Flucht erinnert, schürzt er seine Lippen in konzentriertem Ernst. Seine Odyssee ist eine Abfolge verzweifelter Schritte: Europa hatte der jugendliche Flüchtling nicht zum Ziel, als er sich von seiner Familie verabschiedete. Er überquerte die Grenze zum Sudan, weil er im Nachbarland Arbeit finden wollte. Von Kindesbeinen an hatte er in der Grenzregion mit SudanesInnen verkehrt. So spricht er neben Tigrinya auch fliessend Arabisch. Doch freundlich aufgenommen wurde er nicht. «Die Flüchtlingslager waren das Schlimmste», sagt Asfaha über seine Zeit im Ostsudan. «Niemand übernahm Verantwortung für uns Kinder. Wir waren den Gefahren schutzlos ausgeliefert.»

Das Grenzgebiet zu Eritrea ist die instabilste Region des Sudan. Seit Jahrzehnten tobt ein Konflikt zwischen dem auch in Eritrea heimischen Nomadenvolk der Rashaida und der Regierung in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Die Rashaida gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen des Sudan. «Deshalb konnten sie die Menschenhändler leicht anheuern», sagt Abiel Asfaha. «Wir hatten jede Nacht Angst. Die Rashaida drangen in der Dunkelheit in unser Lager ein. Sie entführten Schlafende und verkauften sie wie Vieh.» Von der sudanesischen Polizei konnten die Flüchtlinge keine Hilfe erwarten. Die Beamten hätten sich von allen Seiten bestechen lassen, «von den eritreischen Behörden, den Menschenschmugglern, den Nomaden», sagt Asfaha. Zudem seien sie gewalttätig gewesen. «Ich habe mehr als einmal miterlebt, wie Polizisten Frauen vergewaltigt haben.»

Abiel Asfaha floh nach wenigen Wochen in ein anderes Flüchtlingslager. Auch dort herrschten Gewalt und Hunger. Ein paar Zwiebeln, etwas Öl, ein Häufchen Maismehl: Das war die für mehrere Wochen bestimmte Essensration. Die Flüchtlinge legten ihr Essen zusammen, erstellten Speisepläne und assen nur einmal am Tag. Nach zehn oder elf Tagen hatten sie dennoch all ihre Vorräte verzehrt. «Ich litt Hunger», antwortet Asfaha auf die Frage, was ihn schliesslich weiter nach Khartum getrieben habe.

Geld für die Reise in die Hauptstadt schickte ihm eine in Israel lebende Verwandte, die ihm später auch zur Flucht nach Europa verhelfen sollte. Dazu entschloss sich Abiel Asfaha nach wenigen Wochen in Khartum, wo das Leben für den Jugendlichen ohne Aufenthaltsbewilligung nicht besser wurde. «Hast du kein Geld dabei, verprügeln sie dich», sagt er über die Polizisten, die ihn mehr als einmal aufgegriffen und festgehalten hätten. Nur weg aus dem Sudan, war der Gedanke, der sich nach wenigen Monaten in seinem Kopf festsetzte. «Ich wusste, wie riskant es ist, sich einem Schlepper anzuvertrauen. Aber mein Leben war unerträglich geworden, und zurück nach Eritrea konnte ich nicht mehr.»

1800 Franken bezahlte Abiel Asfahas Verwandte allein für die Fahrt über die Grenze nach Libyen, wo der Minderjährige zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen in einen fensterlosen Raum eingesperrt wurde. Wer weiter in die Hafenstadt Tripolis wollte, musste noch einmal dieselbe Summe aufwerfen. Das Geld erpressten die Schlepper von Verwandten der Flüchtlinge, die es in den Westen geschafft hatten. Noch schlimmer erging es jenen Flüchtlingen, denen es an solchen Verbindungen fehlte. «Sie wurden festgehalten und gefoltert.» Die einträglichen Flüchtlinge verfrachteten die Schlepper in Lastwagen. Etwa 150 Menschen seien mit ihm auf die 1800 Kilometer lange Reise geschickt worden, erinnert sich der junge Mann. «Wir kauerten in einem kleinen Hohlraum. Über uns eine metallene Fracht, die während der Fahrt immer heisser wurde. Wir schwitzten, kriegten kaum Luft, und wenn die Blase drückte, blieb uns nichts anderes übrig, als es einfach fliessen zu lassen. Der Urin rann an unseren Beinen herunter. Es hat grausam gestunken.»

Abiel Asfahas Odyssee endete nach fünf Monaten, im Sommer 2014 in Lausanne. Zuvor war er in Libyen ein weiteres Mal eingesperrt worden, hatte sich ein weiteres Mal freigekauft – und schliesslich die gefährliche Überfahrt übers Mittelmeer überlebt. In Mailand gestrandet, stieg er in einen Zug in die Schweiz.

Somayeh Amiri: Von Afghanistan …

Abiel Asfaha ist wie alle hier Porträtierten Teil des Projekts «Speak out!», das die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Jugendverbände (SAVJ) ins Leben gerufen hat. Er gehört damit zu den wenigen jugendlichen Flüchtlingen, die ihre Situation in der Schweiz thematisieren – und Forderungen stellen (vgl. «Von Kanton zu Kanton verschieden» im Anschluss an diesen Text).

So zum Beispiel auch die Afghanin Somayeh Amiri*: «In der Schweiz habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Rechte», sagt die Achtzehnjährige, die inzwischen in einer Zürcher Gemeinde lebt. Sie spricht bereits praktisch fliessend Deutsch. Was ihr hingegen fehle, sei eine gewisse Bestärkung in ihren Vorhaben. Seit zweieinhalb Jahren lebt Amiri in der Schweiz. Kürzlich hat sie in einer Werbeagentur geschnuppert. Grafikerin oder Informatikerin will sie werden. Dass man ihr einen solchen Werdegang zugetraut hätte, spürte die Jugendliche in der Schweiz lange nicht. Man habe ihr oft zu verstehen gegeben, dass sie ihre Ziele nicht zu hoch stecken solle. «Ich hörte immer wieder: ‹Das ist nicht realistisch.› » Somayeh Amiri trägt ihr Haar offen und spricht mit leiser, aber fester Stimme. Ihrem Schicksal begegnet sie mit einem unerschütterlichen Optimismus: «Ich will mein altes Leben vergessen», sagt sie, «und hier komplett neu anfangen.»

Somayeh Amiri ist im Iran als Tochter einer afghanischen Flüchtlingsfamilie aufgewachsen. Im südlich von Teheran gelegenen Ghom lebte man ein prekäres Leben: Wie die grosse Mehrheit der AfghanInnen, die zu Hunderttausenden aus ihrer kriegsgebeutelten Heimat ins Nachbarland geflohen waren, war Somayehs Familie nicht anerkannt und zu einem Leben in der Illegalität gezwungen. Staatliche Schulen waren der Familie ebenso verwehrt wie ein Spitalbesuch. «Wir konnten noch nicht einmal zur Polizei.»

Amiris Vater hatte Frau und Kinder 1999, nach der Machtübernahme der Taliban, in den Iran geschafft. Sein Geld verdiente er als Schwarzarbeiter in Fabriken – bis für die Familie alles noch viel schlimmer kam. Der Vater sei plötzlich schwer erkrankt, erzählt Somayeh Amiri. Nachdem er schliesslich gestorben war, reiste der Onkel aus Afghanistan an. Was dann passiert sei, gab die junge Afghanin nach ihrer Einreise in die Schweiz den BeamtInnen zu Protokoll: «Er hat uns alle vergewaltigt. Meine Mutter, meine grosse Schwester und mich.» Ihr Onkel war mit einem Plan nach Ghom gereist: Nach dem Tod des jüngeren Bruders wollte der etwa siebzigjährige Mann dessen Witwe heiraten, Somayeh Amiris Mutter. Für die damals vierzehnjährige Somayeh hatte er seinen etwa vierzigjährigen Sohn vorgesehen.

Als sich die Mutter widersetzte, drohte er den Frauen mit einem Säureangriff. Somayehs Mutter entschied sich zur Flucht. Sie fand einen Schlepper, der die Familie – Mutter und Töchter sowie Somayehs kleinen Bruder – in die türkische Stadt Batman brachte. Von der Verwandtschaft angestachelt, spürte der Onkel die Familie auch hier auf, in einem Camp der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen (UNHCR). Also packte die Familie nach einigen Wochen erneut ihr Hab und Gut und floh nach Istanbul. Zwei, drei Monate schlugen sich Mutter und Kinder hier durch, bis sich ein weiterer Fluchthelfer fand, der die Weiterreise nach Griechenland organisierte.

Über das Schwarze Meer nach Europa aber sollte es nur Somayeh Amiri schaffen. Alle seien sie gleichzeitig losgerannt, erzählt sie von der verhängnisvollen Nacht, als die schaukelnden Boote auf die Flüchtlingsgruppe warteten: «Es war finster. Und es musste ganz schnell gehen. Da habe ich meine Familie aus den Augen verloren.» Amiri landete in einem anderen Boot als die Mutter und ihre beiden Geschwister. Während sie selbst es ans andere Ufer schaffte, wurde die Familie von der Grenzpolizei gestoppt.

… über Griechenland in die Schweiz

Denkt Somayeh Amiri an Athen, hat sie vor allem einen Ort vor Augen: die berüchtigte Axarnon-Strasse. Hoch und runter sei sie diese gegangen. Zwei Wochen lang – auf der Suche nach einem jener Passdealer, die im Herzen Griechenlands Geschäfte mit den Flüchtlingen machen, die hier auf ihrem Weg in den Norden stranden. Nach der Überfahrt übers Schwarze Meer hatte sich Amiri einer afghanischen Flüchtlingsfamilie angeschlossen. Zusammen meldeten sie sich auf einem Polizeiposten, wo man den Ankömmlingen bloss einen Wisch aushändigte: Sie hätten einen Monat Zeit, einen Asylantrag zu stellen oder aber das Land zu verlassen, stand drauf. Die junge Frau und ihre neuen BegleiterInnen reisten damit nach Athen weiter.

Somayeh Amiri war damals sechzehn. «Ich hatte grosse Angst», sagt sie. «Viel lieber wäre ich zu meiner Familie zurückgekehrt.» Doch die Mutter drängte ihre Tochter am Telefon zur Weiterreise. «Sie sagte zu mir, nun müsse wenigstens ich meine Chance packen.» Einen Monat lang lebte Amiri in einer überfüllten Schlepperwohnung an der Axarnon-Strasse. Dann drückte man ihr den Pass einer Polin, ein Flugticket nach Wien und ein Zugbillett nach Zürich in die Hand. Schweissnasse Hände hatte die Jugendliche bei der Passkontrolle am Flughafen. Doch keiner fragte nach. Aufgegriffen wurde Somayeh Amiri erst von Schweizer ZöllnerInnen.

Nach einigen Wochen im Auffanglager in Altstätten und zwei Jahren im Zürcher UMA-Zentrum Lilienberg lebt Amiri heute in einer Gemeinschaftswohnung für Frauen. Die grösste Herausforderung bestehe derzeit in der Suche nach einer eigenen Wohnung, die sie dem Sozialamt bald vorweisen muss: «Seit einem Jahr bekomme ich nur Absagen», sagt sie. «Das liegt wohl nicht nur an meinem Status, sondern auch daran, dass ich erst achtzehn bin.» Das Wichtigste jedoch hat Somayeh Amiri geschafft: Sie setzte den Nachzug ihrer Familie durch, die bis vor einem halben Jahr unter prekären Lebensbedingungen in Istanbul ausharrte. Sie alle warten derzeit auf ihren Asylentscheid und hoffen auf eine vorläufige Aufnahme, wie sie Amiri bereits bekommen hat.

Die rasche Aufnahme von Amiris Familie ist den besonderen Umständen geschuldet. Die Realität der meisten unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge widerspiegelt der Fall nicht. Ob sie die strengen Bedingungen für einen Familiennachzug, wie etwa die nötigen finanziellen Mittel, jemals werden erfüllen können, steht für die meisten UMA in den Sternen. «Für Heranwachsende, die in einer komplett fremden Welt ein neues Leben aufbauen müssen, ist dieser Umstand extrem belastend», sagt Georgiana Ursprung, Leiterin des Projekts «Speak out!».

Servan Berke: Mit den Schleppern …

Das gilt besonders, wenn der Kontakt zu den Eltern erschwert ist – wie beim achtzehnjährigen Servan Berke*. Der junge Mann hat ernste Augen und ein verschmitztes Lächeln. Seine Miene verdüstert sich, sobald er auf die zurückgelassene Familie zu sprechen kommt. Servan Berke stammt aus dem kurdischen Nordosten Syriens, wo die Telefon- und Internetleitungen oft lahmgelegt sind. Gespräche sind deshalb nur ganz selten möglich. «Meine Familie kann sich etwa einmal pro Monat bei mir melden. In der Zwischenzeit weiss ich nicht, wie es um sie steht.»

Von dem Moment, als Berke von den Plänen seiner Eltern erfuhr, bis zu seiner Flucht dauerte es nur wenige Tage. Der Vater hatte ihn eines Tages zur Seite genommen und ihn über den elterlichen Entschluss unterrichtet. Eine knappe Woche später übergab er seinen Sohn einem Schlepper. Mittags sei das gewesen, erzählt Servan Berke. Am selben Abend kletterte der Jugendliche in den Laderaum eines Lkws.

In seiner Heimatstadt Qamischli im autonomen Kurdengebiet Rodschawa ist die Situation mitten im Bürgerkrieg relativ stabil. Doch ist die Gegend ständigen Angriffsversuchen von Assad-Truppen einerseits und islamistischen Milizen andererseits ausgesetzt. Überall in der Umgebung der Stadt gebe es Stützpunkte des Regimes, sagt Berke. Für junge Männer wie ihn sei es besonders gefährlich, diese zu passieren. «Assad braucht Nachschub. Deshalb musste mein Vater immer wieder Bestechungsgelder an seine Schergen zahlen. So konnte er verhindern, dass ich zwangsrekrutiert wurde.»

Auch die kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) klopfte an die Tür seiner Familie, um den Sohn im kampffähigen Alter für ihre Miliz zu gewinnen – was seine Eltern verhindern wollten. Sein kleiner Bruder sei erst zwölf Jahre alt, sagt Servan Berke, die acht älteren Geschwister bereits verheiratet. Ihn hätten die Eltern ihren Prinzen genannt. Wenigstens er sollte die Chance auf eine bessere Zukunft im Ausland erhalten. «Meine Eltern haben lange gespart, um mir die Flucht zu ermöglichen.» Wie viel sie diese schliesslich kostete, weiss Servan Berke nicht. Seine Eltern, besonders die Mutter, zurückzulassen, fiel dem Jugendlichen schwer. Er habe erst nicht gehen wollen, sagt er. «Schliesslich war ich der älteste Sohn im Haus. Doch für uns Junge gibt es im Krieg keine Zukunft.»

… durch die Dunkelheit

Mit ein paar anderen Flüchtlingen ist Servan Berke in Syrien aufgebrochen. Tageslicht sah er während der einen knappen Monat dauernden Fahrt nur einmal: Kurz nach der türkischen Grenze hätten die Schlepper ihre Fracht in einen anderen Lkw umsteigen lassen. Danach wurde es wieder dunkel. Die Ladeplane des Lkws sei nur nachts hochgeschoben worden, wenn die Fluchthelfer zu essen und zu trinken gebracht hätten. Alles sei wortlos vonstattengegangen, sagt Berke. «Wir haben nicht gefragt, wer die Menschen sind, die uns halfen.»

Berkes Reise endete mit dem ersten Wort, das er auf Deutsch lernte: Bahnhof. Die Fluchthelfer liessen die SyrerInnen in Chiasso aussteigen. «Sie sagten uns, wir sollten Passanten nach dem Bahnhof fragen.» Dort angekommen, wurden die Flüchtlinge von drei Polizisten festgenommen. Eine Nacht verbrachte der damals Siebzehnjährige im Gefängnis, bevor man ihn ins Auffanglager Chiasso brachte.

In seiner Heimat besuchte Servan Berke das Gymnasium, und er hatte ein klares Berufsziel: Er wollte Lehrer werden. In der Schweiz, das hat er inzwischen realisiert, wird das alles nicht so einfach sein. Seit zehn Monaten ist er nun hier. Vor kurzem hat der inzwischen volljährige Kriegsflüchtling den Aufenthaltsstatus F (Vorläufige Aufnahme) erhalten. Für Berke heisst es nun erst einmal ankommen – und Deutsch büffeln. Er besucht in der Ostschweiz eine Integrationsklasse an der Gewerbeschule. Die Universität ist weit weg. Und die Ziele sind der Realität angepasst: Vielleicht könne er irgendwann eine Elektrikerlehre machen, hofft Servan Berke. Und wenn er das erst einmal geschafft habe – wer weiss, dann öffneten sich für ihn vielleicht weitere Türen. Er habe gehört, dass man in der Schweiz auch nach einer Lehre noch studieren könne. «Wenn nicht Lehrer, dann wäre vielleicht Ingenieur ein Beruf für mich.» Der Jugendliche, der einer Zukunft in seiner Heimat beraubt wurde, hat nicht aufgehört zu träumen.

* Namen von der Redaktion geändert.

Kinderrechte

Von Kanton zu Kanton verschieden

Alle hier porträtierten AsylbewerberInnen, die als Minderjährige alleine in die Schweiz geflüchtet sind, sind Teil des Projekts «Speak out!», das die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) im Jahr 2010 ins Leben gerufen hat. «Man merkt den Jugendlichen sofort an, wo in der Schweiz ihre Situation gut ist – und wo weniger gut», sagt Projektleiterin Georgiana Ursprung. Sie spricht damit nicht zuletzt die aufgrund des föderalistischen Systems sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den einzelnen Kantonen an.

Vor allem die Situation der über sechzehnjährigen, nicht mehr schulpflichtigen unbegleiteten minderjährigen AsylbewerberInnen (UMA) ist oft prekär. Während einige Kantone – etwa Lausanne oder Zürich – viel in Brückenangebote wie Integrations- und Berufswahljahre investieren, gibt etwa der Kanton Aargau ein besonders schlechtes Beispiel ab: Im Rahmen eines Sparpakets hat der Kanton alle Integrationsmassnahmen für jugendliche Flüchtlinge abgeschafft, die über einen Sprachkurs hinausgehen. Das ist insbesondere deshalb fatal, weil UMAs erst nach dem Asylentscheid eine Berufsausbildung machen dürfen. Wer in der oft jahrelangen Verfahrenszeit nicht gefördert wird, hat kaum eine Chance, den Anschluss noch zu schaffen.

Was die Unterbringung der Jugendlichen angeht, gibt es zwar Fortschritte: Kantone, die bislang über keine oder zu wenige UMA-Zentren verfügen, schaffen nun bessere Strukturen – etwa Solothurn, Bern und der Aargau. Die Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht hält dies jedoch für ungenügend: UMAs werden wie alle Flüchtlinge erst einmal in sogenannten Empfangs- und Verfahrenszentren untergebracht – für durchschnittlich drei Monate. Das sei zu lange, heisst es in einem Fachbericht. Georgiana Ursprung bekräftigt: «Diese Zeit reicht oft aus, dass die Jugendlichen unter schlechten Einfluss geraten und etwa als Drogenkuriere missbraucht werden.» Kommt dazu, dass auch in den UMA-Zentren die Betreuung unter dem Spardruck im Asylwesen meist ungenügend ausfällt: Zwei, drei BetreuerInnen für fünfzig Jugendliche sind gemäss Fachbericht keine Seltenheit. Die Hauptforderung der Beobachtungsstelle deckt sich deshalb mit derjenigen der «Speak out!»-Leiterin: Es brauche dringend eine Harmonisierung des Systems: «Unsere Jugendlichen wetteifern, wer im besten Kanton lebt», sagt Ursprung. Was manchmal in pubertäre Prahlerei ausarte, «ist eine intolerable Ungerechtigkeit». Wie die Beobachtungsstelle verlangt auch Ursprung fünf, sechs Bundeszentren mit intensiver Betreuungsstruktur, kindergerechte Verfahren und Schutzbestimmungen im Asylgesetz. Bislang waren alle in diese Richtung gehenden parlamentarischen Vorstösse erfolglos.

Sarah Schmalz

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