Nr. 21/2006 vom 25.05.2006

Einmal garstig, einmal gescheitelt

«Aufgrochsen» und «Sind keine Seepferdchen» sind zwei Schweizer Debütromane, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie zu vergleichen lohnt sich dennoch, denn gekotzt wird in beiden.

Von Nicole Ziegler

«Wenn Anna noch hier wäre, würde ich ihr dieses Café zeigen.» Mit diesem ersten Satz von Karin Richners «Sind keine Seepferdchen» ist die Stimmung des ganzen Romans bereits festgelegt: Es geht um Anna, die nicht da ist, und um die Ich-Erzählerin, die in all ihrem Tun immerzu an Anna denkt. Und es geht um Einsamkeit. Die Ich-Erzählerin ist jung, 22 Jahre erst, und lebt allein im riesigen Elternhaus. Lebt verloren inmitten all dieser leeren Räume, die früher eine Bedeutung hatten - Elternschlafzimmer, Kinderzimmer der Schwester, Büro der Mutter -, und schreibt nachts und schläft tagsüber. Die Eltern sind ausgewandert, die Schwester Anna weit weg, vielleicht in Südamerika. Kontakt zur Aussenwelt hat die Protagonistin nicht, selbst dann nicht, wenn sie von abends bis Mitternacht im eingangs erwähnten Café sitzt. Denn ihr Dasein ist in solchem Mass nach innen gerichtet, dass sie auch in Gesprächen nicht in Berührung mit dem Gegenüber kommt. «Ich stelle mir vor, ich befände mich in einer Taucherglocke und wäre zu Forschungszwecken durch kilometertiefes Wasser ins bläuliche Licht dieses Cafés abgetaucht.» Nach innen gerichtet ist auch die Sprache, mit der die Autorin diese Geschichte erzählt. Leicht lässt sich dieser hundertseitige Roman lesen, glatt sind die Sätze, süffig die Bilder, die Karin Richner schafft. Da ist die Welt eine «grünblaue Murmel», Kinder spielen vor «tausend Fensteraugen» und Laserstrahlen in der Disco durchschneiden «wie scharfe Klingen aus Licht» die Dunkelheit. Hier eckt beim Lesen niemand an, schon eher ist es erstaunlich, dass man derart unberührt über das Leben einer offensichtlich depressiven jungen Frau hinweggehen kann. Eingelullt in deren Denken und deren zielloses In-die-Tage-hinein-Leben.

26 Jahre alt ist Karin Richner, und «Sind keine Seepferdchen» ist ihr erstes Buch - und sicher kein schlechtes. Nur ist es viel zu brav geraten. Umso mehr ärgern die zwei, drei Textstellen, die deutlich machen, dass Karin Richner durchaus zu Kraftvollerem fähig wäre: «Als ich einmal mit Anna hier war, sagte sie, sie wünsche sich goldene Flügel wie ein Engel. Dann könnte sie über die nächtliche Stadt fliegen, in einem weissen Kleid, und den Menschen in den Garten und aufs Hausdach kotzen.» Und plötzlich stellt sich die Frage, wer genau dem Erstling den Scheitel derart akkurat gezogen hat: Das Lektorat des Bilger-Verlags, das die Sprache verflacht und nicht zugespitzt hat, oder die Angst der Jungautorin vor einem allzu garstigen Debüt?

Die Angst vor einem allzu garstigen Debüt hat Roland Reichen, den Verfasser des andern Erstlings, ganz bestimmt nicht umgetrieben: Der 32-Jährige hat mit dem ebenfalls im Bilger-Verlag erschienenen «Aufgrochsen» mit unverfroren harter Hand das Bild zweier völlig zerstörter Menschen geschaffen, die zusammen so etwas wie eine Familie gründen. Roland Reichens Roman «Aufgrochsen» ist das Gegenteil von «Sind keine Seepferdchen». Über die wenig mehr als hundert Seiten sind seelische Nöte nicht nur kein Thema, sie werden noch nicht einmal als solche erkannt. Wenn es innere Dialoge gibt, dann nur, weil eine der Figuren eben mal wieder etwas von da draussen nicht begriffen hat und entweder zuschlägt oder Augen und Ohren zuhält. Geld gibt es sowieso keines, nirgends. In «Brasiwil» leben der «Bub» und das «Friedli». Der Bub hat nach einer unbehandelten Hirnhautentzündung einen Hirnschaden, und das Friedli ist körperlich verkrüppelt. Beide werden während der Schulzeit verprügelt, im Dorf haben sie keine Chance auf Ansehen, und ihre Mütter sind nur darauf aus, dass niemand schlecht über ihre Familien redet. «Kurz überlegte das Mueti, ob es den Buben nicht einfach vor aller Welt auf dem Estrich verstecken soll.»

Stadt kommt in diesem Buch nicht einmal als Begriff vor. Es geht ums Land. Ums gottverdammte Land, wo so einer wie der Bub eine Frau wie das Friedli heiraten und dann ein Leben lang plagen kann. Wo so einer wie der Bub zwei weitere Buben in die Welt setzen und dann auch die ungeschoren plagen kann. Und wo sich der Sohn den schlagenden Vater vom Leibe zu halten weiss: «Immerhin, wenn er dann kotzt, da hat das für den Fibi wenigstens den Vorteil, dass der Bub dann schleunigst wieder in die Stube vor den Fernseh verschwindet.» Roland Reichen geht in seinem Roman an die Grenzen. Einerseits sprachlich, indem er ins Schriftdeutsche widerspenstige schweizerdeutsche - oder vermeintlich schweizerdeutsche - Begriffe und Grammatik einflicht und damit eine unangenehme Nähe zum Erzählten schafft. Anderseits inhaltlich, indem er an die Grenze des Erträglichen geht, weil er Klischee an Klischee reiht - schlechter Sex, Missbrauch, Stammtischtiraden, Amsterdam und die Nutten, Schläge, kiffende und übergewichtige Kinder, Depression. Dies mit einer derartigen Schnelligkeit, dass einem beim Lesen beinahe schwindlig wird. Erschreckend treffend kann Roland Reichen so von der Wahrheit schreiben. Davon, wie das Leben meist irgendwie passiert, darin vieles anders laufen sollte, dabei aber derart schnell vorbeigeht, dass es dann halt doch so war, wie es war. Und offensichtlich schien es Roland Reichen einfacher, mit dem Bild der verbohrten Landbevölkerung an die Härte des Lebens heranzukommen als mit dem des hoch nervösen und distanzierten Stadtmenschen. Und um ehrlich zu sein, hat er da schon richtig gedacht. Weil man Verbohrtheit und Hilflosigkeit ja dann doch lieber im Hirn derer wähnt, die ein bisschen weiter weg vom Eigenen sind.

Der Mut, den der Autor für das Schreiben eines solchen Romans gefasst hat, hat sich gelohnt. Da muss auch kein Lektorat entscheiden, in welche Richtung es grundsätzlich gehen soll; eine solche Geschichte, eine solche Sprache lässt sich einfach nicht glatt kämmen.

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