Nr. 34/2007 vom 23.08.2007

Viel zu verzellen

In seinem neuen Roman erzählt Tim Krohn seinen Kultroman «Quatemberkinder» neu - aus der Sicht von Vreneli. Die WOZ sprach mit dem Autor über Geschlechterrollen, Glarnerdeutsch und den Umgang mit Mythen.

Interview: Dinah Stratenwerth

WOZ: Das Vreneli, Protagonistin in «Quatemberkinder» und jetzt in «Vrenelis Gärtli», ist eine sehr eigenwillige Frau. In der Beziehung zu Melk ist sie die treibende Kraft. Haben Sie diese Figur bewusst so gestaltet, um die Konventionen des 19. Jahrhunderts zu brechen?

Tim Krohn: Ich habe Sagen und Mythen gelesen und geordnet, bis sich daraus Figuren verdichteten. Deswegen war ich in der Anlage der Charaktere nicht wirklich frei. Aber ich wollte schon auch gegen das Vorurteil angehen, dass die Bauerngesellschaften des 19. Jahrhunderts alle so frauenfeindlich gewesen seien.

Hat nicht auch Glarus erst 1971 das Frauenwahlrecht eingeführt?

Doch, aber davor herrschte eine Art Familienwahlrecht. Häufig stimmte der Mann, was die Frau ihm sagte, oder beide diskutierten, um gemeinsam zu entscheiden. So hatten die Frauen sehr wohl eine Stimme, auch wenn sie kein Wahlrecht hatten. In diesem Sinn ist Vreneli eine typische Glarner Bäuerin: dickköpfig und durchsetzungsfähig. Man darf nicht vergessen: Wenn im Sommer die Glarner Bauern auf die Alp zogen, bewirtschafteten die Frauen den Hof allein und trafen auch die Entscheidungen.

Das klingt fast nach Matriarchat.

Es war kein Matriarchat, die Frauen mussten schon dickköpfig sein, um sich immer wieder durchzusetzen. In einem Matriarchat hätten sie das nicht nötig gehabt. Wir könnten von einem aufgeweichten Patriarchat sprechen: Viele Männer waren ganz froh, wenn die Frauen entschieden. Ich wollte allerdings nicht eins zu eins die damalige Situation darstellen. «Vrenelis Gärtli» ist ein moderner Roman, kein historischer.

Dennoch finden wir darin nicht nur Sagen wieder, sondern auch historische Ereignisse wie den Brand von Glarus 1861. Er verändert Vrenelis und Melks Welt nachhaltig.

Ja. Nach dem Brand von Glarus geht vieles von dem Verzauberten kaputt, viel Übersinnliches wird verjagt. Die Entzauberung war eine Konsequenz der Geschichte. Die Handlung zeigt die Schweiz am Übergang zur Moderne, es findet ein Paradigmenwechsel statt.

Was bedeutete das für die Figuren?

Das Vreneli muss sich entscheiden, ob es an der neuen Ordnung zerbricht oder ob es sie annimmt. Erst dachte ich, so wild, wie es ist, stemmt es sich gegen jede Ordnung. Erst nachdem ich die Figur besser begriffen hatte, wurde mir klar, dass sie gerade unter der Willkür, die bisher in ihrem Leben herrschte, litt und sich nach Ordnung sehnte. Dass sie in dieser plötzlich aufkeimenden Ordnungsliebe zunächst etwas überreagiert, passt wiederum zu ihrem überbordenden Charakter.

Hat diese Einbindung historischer Ereignisse auch eine politische Dimension?

Bei den «Quatemberkindern» hatte ich anhand verschiedener Figuren das ganze Spektrum der politischen Positionen zu zeigen versucht, die damals in den Gründerjahren der Schweiz vertreten waren. Das ist bei «Vrenelis Gärtli» nicht so explizit der Fall. Doch auch die Ausgrenzung von Vrenelis Familie als Fremde ist eine politische Angelegenheit. Allerdings ist dieses Verhalten dem Fremden gegenüber kein lokalspezifisches Phänomen. In Friedenszeiten sind die Fremden assimiliert, in Krisenzeiten haften sie sehr schnell für alles Mögliche. Ich selbst kam mit anderthalb Jahren nach Glarus, doch in den Augen der Alteingesessenen werde ich nie ein Glarner sein.

Sind Sie Deutscher oder Schweizer?

Beides, mehr Schweizer als Deutscher. Schweizer stosse ich allerdings oft mit meiner deutschen Direktheit vor den Kopf, obwohl ich ja gern stets so höflich wäre wie sie. Vor einem Jahr habe ich begonnen, literarisches Schreiben zu unterrichten, und auch hier, im literarischen Betrieb, stelle ich zwei Sichtweisen fest: Die deutsche Kunstauffassung orientiert sich mehr am originellen Stil, an schönen Sätzen, der Schweizer Literatur geht es traditionellerweise in erster Linie um Inhalte, um den Stoff, und der Inhalt entscheidet dann über den Stil. In diesem Sinn bin ich ein Vertreter der Schweizer Schule.

Wo kommen Ihre Stoffe her?

Ich grabe sie aus. Es ist mir, als wären sie bereits vorhanden, man kann sie nur noch nicht fassen. Beim Schreiben geht es sehr viel weniger um Erfinden als um Begreifen. Das Ziel des Schreibens ist, eine Geschichte so zwingend werden zu lassen, dass sie nicht mehr anders denkbar ist. Ich bin in diesem Sinn nicht Eigentümer meiner Geschichten, mehr ihr Archäologe. Ich lege frei, finde Brücken, ergänze, kläre, bis das Ganze in all seiner Schönheit zu sehen ist und Leben gewinnt. Das ist ein langwieriger Prozess. «Vrenelis Gärtli» ist über fast zehn Jahre hinweg entstanden.

Es heisst, Sie hätten für «Quatemberkinder» und für «Vrenelis Gärtli» eine Kunstsprache erfunden …

Vereinfacht gesagt bin ich vom Schweizerdeutschen ausgegangen und habe es «hochdeutscher» gemacht. Viele Schweizer Kinder schreiben ja so ihre Schulaufsätze: Sie passen ihre Alltagssprache dem Hochdeutschen an. Die Kernworte und das syntaktische Skelett der Sprache sind glarnerdeutsch, das Hochdeutsche bildet darüber sozusagen eine Haut.

Wenn ich schreibe: «Die nächsten Wochen chräsmete das Vreneli meist über das Bödeli und schnäderete in tuusigs erfundenen Sprachen mit jedem Stein und Blüemli und Chäferli und hatte allen viel zu verzellen», dann sind die Kernworte, die Verben, schweizerdeutsch. Allerdings stehen sie im Imperfekt, das im Glarnerdeutschen nicht benutzt wird. Das ist nicht wirklich innovativ. Dass die Leute dennoch den Eindruck haben, ich hätte eine Sprache erfunden, hat wohl vor allem damit zu tun, dass sie in einem Buch diesen Sprachumgang nicht erwarten.

Auch die Schweizer nicht?

Wohl gibt es eine Tradition, auf Schweizerdeutsch Briefe zu schreiben, vor allem unter Teenagern, aber generell ist die Literatursprache Hochdeutsch. Ein Buch mit einer solchen Mischsprache gab es seit Jeremias Gotthelf wohl kaum mehr. Für Schweizer ist es doppelt sonderbar, denn es liest sich heimisch und exotisch zugleich. Sie erkennen ihre Wurzeln wieder und sehen sie gleichzeitig aus einer verspielten Distanz. Aber auch Deutsche fühlen sich in diesem intimen Umgang mit Sprache schnell zu Hause.

Für wen haben Sie die Bücher geschrieben?

Ich habe beim Schreiben meist sehr konkrete Personen vor Augen. «Quatemberkinder» entstand für meine damalige Freundin, die ich dazu verführen wollte, das Glarnerland etwas mehr zu mögen. Sie ist Schauspielerin, zu jeder Probe gab ich ihr ein Kapitel mit. Am Abend musste sie mir dann sagen, ob sie Lust hat, weiterzulesen. Wenn nicht, schrieb ich es neu.

«Vrenelis Gärtli» allerdings habe ich auch für mich selbst geschrieben. Ich hatte noch so viele Fragen an das Vreneli, ich bin sehr verbunden mit dieser Figur. Eine Weile lang sah es aus, als müsste ich sie einen Tod sterben lassen, mit dem ich mich so gar nicht abfinden konnte - das führte schliesslich dazu, dass ich selber als Notfall im Krankenhaus landete. Es stellte sich als etwas Harmloses heraus, doch das Wesentliche war: Als ich dort nachts um drei auf dem Schragen lag und auf die Testergebnisse wartete, fand ich die entscheidende Wendung für das Buch, mit der ich dem Vreneli jenen Abgang ersparen konnte.

Bevor der Roman erschien, zeigte das Theater an der Sihl in Zürich eine gleichnamige Bühnenversion. Auch von «Quatemberkinder» gibt es eine Theaterfassung. Würden Sie die Bücher gerne auch verfilmen?

Oh ja, am liebsten mit Marc Forster, der unter anderem «Finding Neverland» gemacht hat. Er ist wie ich Deutscher, in den Schweizer Bergen aufgewachsen und hat ähnliche Bilder im Kopf wie ich, unsere Geschichten haben viel gemeinsam, vor allem im Umgang mit dem Tod. Und er ist handwerklich in der Lage, einen Stoff dieser Grössenordnung zu bewältigen, das findet man in der Schweiz nicht leicht.

Würde Sie ein Hype wie der um Harry Potter stören?

Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Aber nein, natürlich würde es mich nicht stören. Geschichten gehören allen, es gibt Missbrauch und bezaubernde Umsetzungen. Das sieht man sehr gut am Beispiel von «Heidi». Es ist grossartig, wenn deine Geschichten Allgemeingut werden.

Was kommt als Nächstes?

Irgendwann, in zehn Jahren, vielleicht tatsächlich ein dritter Teil des Quatemberstoffs. Wer «Vrenelis Gärtli» gelesen hat, weiss, es ist mir noch immer nicht gelungen, alle Fragen zu klären. Aber erst will ich zwei Romanprojekte abschliessen, die ich zugunsten von «Vrenelis Gärtli» zurückgestellt hatte. Ich habe einen ganzen Schrank voller Stoffe und weiss, bevor es so weit ist, nie, welchen ich als nächsten umsetzen werde.

Als das Vreneli verzweifelt ist, weil sein Leben so ein «Gnuusch» ist, erklärt sein Vater ihm, dass manche Leute ein Leben wie eine Wurst führen, ganz gradlinig, und andere ein vielschichtigeres, wie ein Zopf. Wie ist Ihres?

Von aussen betrachtet wohl eher eine Wurst, weil ich ja immer nur schreibe. Ich habe früher auch Musik gemacht und gemalt - doch dann fokussierte sich alles aufs Schreiben. Ich hätte natürlich viel lieber einen richtigen währschaften Zopf, mit Familie, Schreiben und solider handwerklicher Arbeit, in einem Restaurant oder auf einem Bauernhof beispielsweise. Dazu fehlt mir aber noch so ziemlich alles: Frau, Kind, Hof ...

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