Nr. 01/2005 vom 06.01.2005

Ein Chevrolet als Zugabe

Wie sieht eine Welt aus, durch die eine Milliarde Autos kurvt? Eine Bilanz mit Ausblick.

Von Winfried Wolf

Wir schreiben das Jahr 1973. Das Gottlieb-Duttweiler-Institut veröffentlicht die vom Migros-Genossenschafts-Bund mitfinanzierte Studie «Die sozialen Kosten des Autos in der Schweiz». Danach deckt der private Autoverkehr höchstens ein Drittel der Ausgaben, die er verursacht. Die Zürcher Verkehrsbetriebe gelangen nach Auswertung der autofreien Sonntage zur Erkenntnis, dass die Reisegeschwindigkeiten im öffentlichen Verkehr um dreissig Prozent höher lägen, wenn dieser nicht durch den motorisierten Privatverkehr behindert würde. Und das deutsche Magazin «Der Spiegel» bringt die Titelstory «Stadtverkehr - wird das Auto ausgesperrt?».

In der Schweiz kommen 265 Personenkraftwagen (Pkw) auf 1000 EinwohnerInnen. Im Durchschnitt legt jedeR BürgerIn jährlich rund 7500 Kilometer mit dem Auto zurück. Der Thinktank Club of Rome spricht von einer Wohlstands- und Mobilitätsgesellschaft und vom notwendigen Ende des Wachstums. Weltweit sind 250 Millionen Autos registriert; die Zahl der Strassenverkehrstoten wird auf 250 000 geschätzt. Der Nahostkrieg und der Ölboykott der Erdöl fördernden Staaten (Opec) gegenüber westlichen Staaten hebt erstmals das Thema «Ölknappheit» in die Schlagzeilen und lässt den Rohölpreis massiv ansteigen. Die autofreien Sonntage, die in den meisten Ländern Westeuropas eingeführt werden, finden in der Bevölkerung breite Unterstützung.

Der US-amerikanische Soziologe Bradford C. Snell präsentiert die im Auftrag des US-Senats erstellte Studie «American Ground Transport», in der beschrieben wird, wie General Motors seit 1930 in konspirativer, organisierter Weise dazu beigetragen hat, dass «mehr als 100 elektrische, oberirdische, schienengebundene öffentliche Verkehrssysteme in 45 US-Städten zerstört wurden», wobei «diese gross angelegte Operation katastrophale Folgen für die Lebensqualität in amerikanischen Städten» gehabt habe.

Wir schreiben das Jahr 2004. In Bochum in Deutschland bei Opel (General Motors) wird wild gestreikt. Gleichzeitig meldet die Zentrale von General Motors Europa in Zürich, dass nur sechzig Prozent der GM-Opel-Vauxhall-Kapazitäten in Europa ausgelastet sind. Weltweit liegen durchschnittlich 25 Prozent der Pkw-Herstellungskapazitäten brach. GM-Autohändler in Kansas City in den USA offerieren jedem Kunden, der einen grossvolumigen GM-Pkw der Modelle Tahoe oder Suburban kauft, einen Kompaktwagen vom Typ Chevrolet Aveo als Gratisgabe.

Die SBB führen am 12. Dezember den «Quantensprung Bahn 2000» mit einem weitgehend flächendeckenden Halbstundentakt ein. Stolz wird darauf verwiesen, dass die Schweizer BürgerInnen im Durchschnitt pro Jahr 1800 Kilometer im Schienenverkehr zurücklegen, doppelt so viel wie die Deutschen.

In der Schweiz kommen inzwischen jedoch rund 520 Autos auf 1000 EinwohnerInnen. EinE Schweizer BürgerIn legt pro Jahr im Durchschnitt 12 600 Kilometer im motorisierten Individualverkehr zurück - ebenfalls mehr als die Deutschen im Schnitt. Der Anteil der Bahn im Personenverkehr der Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Union sank von elf im Jahr 1970 auf sechs Prozent im Jahr 2004. In der Schweiz verringerte sich im gleichen Zeitraum der Anteil der Schiene am gesamten Personenverkehr von 28 auf 13,2 Prozent.

Der Volkswagen-Konzern hat in China erstmals mehr Autos als im deutschen Stammland verkauft. Der chinesische Pkw-Absatz verdreifachte sich zwischen 2002 und 2004 auf 2,6 Millionen Einheiten. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahl der jährlichen Strassenverkehrstoten auf 800 000. Und der US-amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld rechtfertigt die anhaltende Besetzung des Iraks durch US-Truppen mit der «Kontrolle des strategisch wichtigsten Rohstoffs».

Wir schreiben das Jahr 2020. In China und Indien haben die internationalen Autohersteller ihre Gewinn- und Absatzziele erreicht: Die Pkw-Dichte in diesen Ländern entspricht derjenigen der Schweiz im Jahr 1974 - oder derjenigen der DDR. Allein dadurch hat sich weltweit die Zahl der Autos seit 2004 auf eine Milliarde Einheiten verdoppelt. In der Schweiz erweist sich die mit Verspätung fertig gebaute Neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) nicht in der Lage, den inzwischen stark angeschwollenen Lastwagen-Transitverkehr auf die Schiene zu verlagern, geschweige denn ein weiteres Anwachsen des Transitverkehrs aufzunehmen.

Wie von KlimaforscherInnen vorhergesagt, ist die Durchschnittstemperatur seit 2004 um weitere 1,8 Grad Celsius angestiegen. Wichtigster Verursacher klimaschädigender Gase ist der Verkehrssektor, wobei nun der Luftverkehr vor dem Strassenverkehr liegt. Die Zahl der Naturkatastrophen hat deutlich zugenommen. Die massgeblichen Rückversicherungsunternehmen erklären grosse Gebiete der Erde zu «white zones», in denen keine Leistungen mehr für Sturm- und Überschwemmungsschäden angeboten werden.

Die Ölvorräte in der Nordsee und in Nordamerika sind ganz, diejenigen in Westafrika weitgehend aufgebraucht. Unter der Präsidentschaft von Arnold Schwarzenegger (2008-2016) wurden in Alaska in der Nähe des Nordpols Ölbohrungen vorgenommen, wodurch das Eis der nördlichen Polarkappe beschleunigt schmilzt.

Die jüngste Uno-Habitat-Konferenz für Städtebau und Umwelt steht unter dem Motto «Das Ende der Urbanität - Megastädte im Megasmog». 1,3 Millionen Menschen werden im Strassenverkehr getötet. Wie von der Weltgesundheitsorganisation bereits 2002 prognostiziert, ist unter allen Todesursachen der Tod im Strassenverkehr vom zehnten (1990) auf den dritten Platz gerückt - nach Herzinfarkten und Krebs und noch vor Aids.

Grosse Teile der Ölregionen im Nahen und Mittleren Osten sind von westlichen Truppen besetzt; im Ölgebiet um das Kaspische Meer regieren vom Westen ausgehaltene monströse Diktaturen. Die wichtigste in Russland aktive Ölgesellschaft ist Ruhrgas-Gasprom, womit die Ölversorgung Westeuropas bis zum Jahr 2028 als gewährleistet gilt.

Im Berliner Ensemble tritt zum Auftakt des neu aufgeführten Stücks «Das Ölfeld» der Rezitator vor den Vorhang und spricht die Zeilen:

«Hier ist Öl! Öl ist hier! Das liegt hier
Was die Motoren laufen macht, was die Schiffe bewegt!
Das kolbenschmierende Öl liegt hier im Boden!
Das die Städte hell macht! Schnell!
Verwandelt euch in Ölsucher, ihr Ziegenhirten! Schnell!
Schafft das Öl an die Oberfläche, tragt den Felsen ab, bohrt Den Boden an, Bauern!
Aber da sind Ziegenherden, die auf dem Feld grasen!
Aber da stehen Wohnhäuser, die hundert Jahre alt sind!
Aber da sind Grundbücher und Besitztitel!
Schnell! Schafft alles weg, was zwischen uns und dem Öl steht!
Und weg mit den Grundbüchern und Besitztiteln!
Hier ist Öl! Öl ist hier! Das kolbenschmierende Öl ist hier!»

Nachtrag: Als Bertolt Brecht 1930 dieses Gedicht schrieb, hatte Berlin mit 4,3 Millionen EinwohnerInnen eine Million mehr als 2004 und mit 35 000 Fahrzeugen einen Autobestand, der 2,5 Prozent des heutigen entspricht. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zählten damals jährlich knapp zwei Milliarden Fahrgäste, das sind drei Mal so viele wie heute. Die Gäste des Berliner Ensembles konnten noch um Mitternacht oder drei Uhr morgens per Tram und S-Bahn zum Einheitstarif von zwanzig Pfennig mit Umsteigeberechtigung nach Hause fahren. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden auch nachts im Takt betrieben. Wie die meisten öffentlichen Verkehrsbetriebe in Europa schrieb die BVG schwarze Zahlen und benötigte keinerlei öffentliche Zuschüsse.

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