Nr. 06/2005 vom 10.02.2005

Fliegen oder Joga?

Patrick Hofstetter ist Klimapolitikexperte. Daneben beschäftigt er sich mit Glück und nachhaltigem Konsum – und damit, was das eine mit dem andern zu tun hat.

Von Esther Banz

«Wussten Sie, dass Fernsehen sehr energiearm ist?» Patrick Hofstetter sitzt im Wohnzimmer seines kleinen, gut versteckten Reiheneinfamilienhauses in Zürich Neuaffoltern, vor sich eine Tasse Tee. Der Fernseher fällt nicht auf, dafür zwei ungewöhnlich grosse Lautsprecher und eine antiquiert wirkende Stereoanlage. «Die habe ich noch aus Mittelschulzeiten», sagt der 40-jährige Maschineningenieur und Energieforscher. Er könnte aus dem Stegreif vorrechnen, welche der Geräte, die in seinem Haus stehen, wie viel Energie beanspruchen, inklusive Herstellung und Entsorgung – oder mit wie viel CO2-Ausstoss er indirekt die Umwelt belastete, als er im Dezember nach Buenos Aires an die Klimakonferenz flog.

Der Forscher aus Zürich hat 1992 ermöglicht, dass auch Mathematikbanausen ganz unkompliziert ihren persönlichen Energieverbrauch ausrechnen können. Der Test – er wurde mittlerweile vielfach kopiert, aufdatiert und ins Internet gestellt – bietet die Grundlage, um mit dem eigenen «Energiebudget» zu haushalten. Rund 56000 Kilowattstunden pro Person und Jahr ist der noch immer aktuelle durchschnittliche Energieverbrauch in der Schweiz: «Deutlich zu viel», sagt Hofstetter. Aber wie den Leuten beibringen, dass die Lebensqualität nicht zu leiden braucht, wenn man den eigenen Energieverbrauch nach unten korrigiert? Und wie Nutzen, Glück, Wohlbefinden mathematisch fassbar machen, mittels welcher Indikatoren? Das ist es, was Patrick Hofstetter heute umtreibt. Nebst seiner Tätigkeit beim WWF führt er von zuhause aus sein Einpersonenunternehmen, dem er bescheiden den Namen Büro für Analyse und Ökologie gegeben hat. Von sich selber sagt er: «Ich bin ein naiver Optimist, sonst würde ich mich nicht so einsetzen können.»

Vielleicht ist Naivität plus Know-how plus Wahnsinn genau die richtige Formel, um brillante Fragen zu stellen. Fragen wie diese: Was macht glücklicher – ein eigener Garten oder regelmässiges Joga? Oder: Welchen Einfluss hat das subjektive Wohlbefinden auf das Konsumverhalten? Und vor allem: Lässt sich durch derartige Fragestellungen und daraus resultierende Erkenntnisse der individuelle CO2-Verbrauch reduzieren?

Das Ministerium für Ökonomie, Handel und Industrie in Japan wollte es wissen. Es erteilte Hofstetter und seinem Forscherkollegen Michael Madjar den Auftrag, herauszufinden, ob und wie sich der Nutzen eines Produktes psychologisch messen lässt. «Es bringt nichts, den Leuten mit dem Moralfinger zu kommen», sagt Hofstetter. «Vielmehr geht es nun darum, Anreize zu schaffen, um individuelles klimafreundliches Verhalten zu fördern», sagt er und meint damit auch: Glück als Gegenwert inklusive.

Im Januar haben Hofstetter und Madjar ihre umfangreiche Studie abgeschlossen. Die Erkenntnisse, darunter nachweisbare Glücklichmacher (siehe Kasten), haben auch neue Fragestellungen aufgeworfen, zum Beispiel: «Langzeitstudien haben ergeben, dass Zufriedenheit zu höherem Einkommen führt und nicht umgekehrt. Wenn das stimmt, wäre es interessant, zu untersuchen, welchen Einfluss die Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens auf den Materialismus und das Konsumverhalten hätten. Einkommen korreliert ziemlich stark mit Konsum. Wäre dieser möglicherweise höhere Konsum ein nachhaltiger?»

Bleibt die Frage, ob das Individuum überhaupt bereit ist zu Veränderungen, ob es nicht zuerst die Politik und die Wirtschaft sein sollten, die die grossen Schritte machen. Ein Kioto-Protokoll, das auch Massnahmen beim Flugverkehr einschliessen würde, in der Schweiz ein Ja des Bundesrates zur CO2-Abgabe, vonseiten der Wirtschaft mehr als nur Lippenbekenntnisse ... Würde das alles nicht viel mehr bringen – der Klimaentwicklung, der Umwelt, unserer Gesundheit?

Patrick Hofstetter, was bringt es der Welt, wenn sieben Millionen SchweizerInnen vorbildlich energiebewusst leben?
Alle Welt weiss, dass die Lebensqualität hierzulande sehr hoch ist. Wenn nun also die Schweiz vormachen würde, dass hohe Lebensqualität und reduzierter Energieverbrauch sich nicht beissen, dann hätte das Vorbild- und Signalcharakter.

Gäbe es auch einen direkten, unmittelbaren Nutzen für die Natur, das Klima[100], wenn alle hierzulande ihren Energieverbrauch reduzieren würden? Oder ist das Entsorgen von Altglas, der Verzicht auf das Easy-Jet-Weekend in London nicht doch in erster Linie dem Gewissen zuträglich, solange in andern Industrieländern gleich bleibend viel Energie verbraucht wird?

Wenn sieben Millionen Leute anstatt 10,6 Tonnen CO2 noch eine bis zwei Tonnen pro Kopf und Jahr emittieren, ist die resultierende Reduktion von jährlich 63 Millionen Tonnen CO2 global gesehen wenig. Parallel dazu würde aber viel weniger fossile Energie verbrannt, was grossen sekundären Gesundheitsnutzen bringt. Bei den lokalen Auswirkungen einer Reduktion von fossilen Treib- und Brennstoffen ist es also eine Verbesserung der lokalen Umweltqualität. Bei globalen Problemen wie Klimawandel merkt man es erst, wenn andere Länder nachziehen. Aber selbstverständlich: Wenn jemand psychisch darunter leidet, dass er sein Altglas entsorgt, dann macht das wenig Sinn aus einer Gesamtsicht. Der Faktor Glück muss mitspielen.

Fliegen scheint enorm glücklich zu machen. Gleichzeitig ist bekannt, dass das Fliegen die Umwelt enorm belastet.
Fliegen ist im Durchschnitt relevant, aber nicht dominant. In der Schweiz kommen zirka zehn Prozent der CO2-Emissionen vom Fliegen. Wenn man die Klimawirksamkeit berücksichtigt, also auch andere Emissionen des Fliegens und den Umstand, dass die Emissionen in 10000 Meter Höhe geschehen, kommt man auf einen Beitrag von etwa zwanzig Prozent an den Treibhauseffekt. Individuell ist es aber tatsächlich so, dass für Vielreiser das Fliegen die Energiebilanz dominiert. Dass das Fliegen alle anderen Anstrengungen ruinieren kann, wurde schon vielfach kommuniziert.

Entweder nicht eindringlich genug, oder man nimmt die Warnungen schlicht nicht ernst ...
Das stimmt: Keine der grossen Umweltorganisationen hat das Thema Fliegen als Priorität verfolgt. Ich habe begonnen, bei den internationalen Verhandlungen den internationalen Flugverkehr als Priorität zu verfolgen, und myclimate (siehe WOZ 45/04) versucht auch, in der Schweiz in diese Richtung zu arbeiten. Es ist tatsächlich so, dass Fliegen sehr viele Werte wie Freiheit und Weltoffenheit mit verkörpert und eine Antiflugkampagne als moralisch angesehen werden kann.

Was sagen Sie kritischen ZeitgenossInnen, die es nicht mögen, wenn sie als Individuen auf ihr Verantwortungsgefühl gegenüber der Umwelt angesprochen werden, derweil sich Politik und Wirtschaft um Massnahmen foutieren?
Gerade im Bereich CO2 sind die Privathaushalte inklusive Mobilität insgesamt relevanter als die Emissionen der Wirtschaft. Hier kann zum Beispiel die Informationsplattform topten.ch entscheidende Informationen geben. Trotzdem setzt unsere WWF-Abteilung Klima[100] & Energie nicht primär auf freiwillige Massnahmen, sondern arbeitet dahingehend, dass sich die Randbedingungen, also Gesetze und Anreize, verändern.

Wie können umweltbewusste SchweizerInnen diesen Prozess unterstützen?
Es ist wichtig, zu verstehen, dass eine direkte Demokratie sehr stark von den Handlungen kritischer Zeitgenossen lebt. Nur wenn absehbar ist, dass die Bevölkerung eine Sackgebühr akzeptiert, wird diese auch eingeführt. Nur wenn «Pioniere» beweisen, dass man auch mit fünfzig Prozent des Heizenergiebedarfs des momentan geltenden Energiegesetzes günstig bauen und komfortabel leben kann, findet man eine Mehrheit für die Gesetzesanpassung.

Sie bleiben optimistisch. Inwiefern helfen Ihnen die Resultate Ihrer Analyse für Japan dabei?
Unsere Untersuchungen zeigen, dass viele der wichtigsten Faktoren, um Leute auch längerfristig glücklich zu machen, weder material- noch CO2-intensiven Konsum bedingen. Dies deutet darauf hin, dass nachhaltige Lebensstile für einen Grossteil der Bevölkerung attraktiv sein werden.

Das macht «glücklich»

· Sich erreichbare, nicht materialistische Ziele setzen
· Sex mit einer Person, die man liebt
· Gesundheitsbewusstsein (Essen, Schlaf, Bewegung)
· Sich extravertiert verhalten
· Der Liebe einen hohen Stellenwert einräumen
· Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und Ansichten
· Beschäftigung und Aktivität
· Beziehungen pflegen
· Erwartungen und Hoffnungen gegen unten korrigieren
· Positives, optimistisches Denken gegenüber Gegenwart und Zukunft
· Enge Beziehungen bevorzugen
· Das Leben unter Kontrolle haben, sich organisieren

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