Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

«Das IPCC hat nicht gepfuscht»

Interview: Marcel Hänggi

WOZ: In den vergangenen Wochen und Monaten sind in den Fachjournalen «Science» und «Nature» Beiträge erschienen, die sagten: Erstens wurde die (menschengemachte) Erwärmung der letzten 150 Jahre bisher überschätzt, zweitens das natürliche Schwanken des Klimas unterschätzt. Hat das IPCC, das Beratungsgremium der Uno in Klimafragen, gepfuscht?

Thomas Stocker: Überhaupt nicht. Das IPCC erfasst den jeweils aktuellen Stand des Wissens - zuletzt im Bericht von 2001, das nächste Mal 2007. Der IPCC-Prozess dauert über mehrere Jahre und bezieht die ganze Wissenschaftsgemeinschaft mit ein. Die Teilberichte werden dreifach begutachtet. Auch Regierungen können ihre Bedenken einbringen, die Autoren müssen zu allen Kommentaren schriftlich Stellung nehmen.

Hans von Storch, der Autor einer dieser Studien, sagt, das IPCC leide «zunehmend unter der Last des politischen Drucks» und würde durch «dramatisierende Aussagen» den Ruf der Wissenschaft beschädigen.

Von Storch schrieb in seinem Artikel, dass die statistischen Analysen, die zur bekannten Temperaturkurve («Mann-Kurve») führten, die natürliche Variabilität unterschätzen. Das ist im Einklang mit dem Bericht: Das IPCC hat 2001 auf die relativ grossen Unsicherheiten der Schätzungen hingewiesen. Vielleicht hat man das zu wenig deutlich kommuniziert. Der andere, sehr interessante Artikel zeigt, dass die Temperaturvariabilität vor allem um das Mittelalter grösser war als angenommen. Aber auch so gilt: Es gab in den vergangenen zwei Jahrtausenden nie einen derartigen Temperaturanstieg wie in den letzten 150 Jahren.

Dieser Tage wurde auch eine gross angelegte Studie veröffentlicht, die den zu erwartenden Temperaturanstieg bis 2100 dramatischer veranschlagt als der IPCC-Bericht. Wie wird der neue IPCC-Bericht ausfallen?

Es gibt laufend neue Erkenntnisse. Wichtig wird sein, im Bericht von 2007 die Unsicherheiten zu quantifizieren. Die von Ihnen genannte Studie hat dank weltweit vernetzter Computer viel mehr Modelle durchrechnen können. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Medien greifen am liebsten die Extremwerte auf; ich glaube aber, dass diese noch korrigiert werden.

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