Nr. 12/2005 vom 24.03.2005

Utopien

Von Krystian Woznicki

Eine Utopie, das war schon immer die Antwort auf die Frage: Was fehlt uns? Der von den Medientheoretikern Florian Rötzer und Rudolf Maresch herausgegebene Sammelband «Renaissance der Utopie» dreht den Spiess um und fragt: Was fehlt der Utopie? Die Antwort darauf ist die Konsequenz der Diagnose, die da lautet: Utopien müssen greifbarer und erreichbarer werden.

Utopien sind in der letzten Dekade aus der Mode gekommen - Sprachlosigkeit und Pessimismus machten sich nach dem Fall der Berliner Mauer breit. Gegen diesen veränderungsfeindlichen Trend will das Buch dreizehn Entwürfe liefern. Ihnen gemeinsam ist, dass sie die Skepsis gegenüber den Technologien von morgen über Bord werfen. Das Neue, das etwa Informations-, Bio- und Gentechnologien in Aussicht stellen, rückt hier in den Mittelpunkt des utopischen Denkens. Die Träume von der schönen neuen Welt mit digitalem Goldrand, die zwischen dem kalifornischen Silicon Valley und den Sonderwirtschaftszonen in China geträumt wurden und durch den Zusammenbruch der New Economy nicht zu Unrecht als neoliberale Schönfärberei in Verruf geraten sind - diese Träume haben in der Gesellschaft angeblich eine Wunschenergie freigesetzt. Die Autoren des Sammelbandes begreifen diese als Nährboden, ohne den Hype, der wellenartig über die Gesellschaften der Ersten Welt hereinbrach, zu reproduzieren. In den utopiefeindlichen Neunzigern habe die Utopie in den technologischen Visionen der New Economy überlebt. Allerdings wurden damals Karten verbreitet, auf denen das gesuchte Land Utopia zwar verzeichnet war, jedoch an einem vagen, unerreichbaren Ort.

Die Karten hingegen, die das Buch vorlegt, zeichnen Landschaften, in denen die Utopie einen Namen, einen Ort und eine Adresse hat: die Vernetzung aller auf der Welt vorhandenen Computer zu einem «globalen Gehirn» oder die Entstehung von im Internet angesiedelten Gruppenidentitäten und Migrationsbewegungen. Die Entwürfe orientieren sich am Machbaren und an der widersprüchlichen Natur der Gesellschaft. Darin sehen die Herausgeber die Möglichkeit, der Utopie zu einer Renaissance zu verhelfen.

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