Nr. 15/2005 vom 14.04.2005

Appell an den Sozialneid

Ein «Klassiker» ist auf dem türkischen Buchmarkt zum Verkaufsschlager geworden: «Mein Kampf».

Von Jan Keetman, Istanbul

Ein Bucherfolg in der Türkei hat die europäischen Medien aufgeschreckt. Das Buch heisst «Kavgam», im deutschen Original «Mein Kampf». Der türkische Klappentext nennt es einen «Klassiker», der Autor habe «Geschichte gemacht» und jeder sei auf seine «innersten Gedanken und Überzeugungen» gespannt. So macht man Werbetexte, und weil in einer feinen Buchhandlung alles sortiert sein sollte, liegt dann Deutsches bei Deutschem, von einem dünnen Stapel «Westöstlicher Diwan» blickt Goethe, auf sechs Stapeln daneben reckt Adolf Hitler den Arm. Dreizehn Verlage haben «Kavgam» neu aufgelegt und in wenigen Monaten mehr als 100 000 Exemplare unters Volk gebracht, und der Absatz läuft weiter auf Hochtouren.

Verwundern kann das aber nur, wenn man den türkischen Buchmarkt nicht kennt. Früher lagen vielleicht ein oder zwei Exemplare von «Kavgam» aus, heute sind es zwanzig und mehr, aber gefunden hat man das Buch über Jahre in praktisch jeder Buchhandlung.

Und schon immer stand der «Klassiker» nicht alleine. Immer gab es Autoren, die aufdeckten, der Staat, die Wirtschaft, die ganze Welt werde heimlich von Juden gelenkt, und wenn es die nicht waren, dann waren es für den nächsten Autor eben die Freimaurer. Diese Art von «Enthüllungsliteratur» hat sich nie schlecht verkauft, erlebt aber seit etwa einem Jahr einen regelrechten Boom. Die Verunsicherung vieler TürkInnen angesichts der Annäherung an die EU mag eine Rolle spielen.

Besonders viel gelesen wird das Buch «Efendi» von Soner Yalcin. Darin beschäftigt sich Yalcin mit einer jüdischen Sekte, den Sabatayci. Im 17. Jahrhundert traten die Sabatayci zum Islam über, der Autor meint jedoch, sie seien immer Sabatayci geblieben, hätten weiter nur untereinander geheiratet und seien in höchste Positionen vorgestossen. Man erkenne sie daran, dass sie sich mit Efendi, auf Türkisch Herr, ansprechen. Unschwer erkennt man den Appell an den Neid der weniger Erfolgreichen, das, was August Bebel den «Sozialismus der dummen Kerle» nannte.

Ein weiterer Vertreter der neuen Welle antisemitischer Literatur in der Türkei ist Esref Günaydin. Er hat ein schmales, aber wirkungsreiches Buch mit dem Titel «Jüdische Kurden, Babylons verlorene Kinder» geschrieben. Das Buch ging so rasant weg, dass die erste Auflage nach weniger als einem Monat vergriffen war. Günaydin fädelt seine Komplotttheorie behutsam ein. Er zählt politische Verbindungen zwischen Israel und den irakischen Kurden auf, die nicht verwundern angesichts der Frontenstellungen im Nahen Osten.

Doch es geht Günaydin nicht darum, politische Schlüsse zu ziehen. Er erwähnt «wichtige Diskussionen in der Öffentlichkeit» darüber, ob die Familie des Kurdenführers Masud Barsani und seines Vaters Mustafa Barsani jüdisch sei. Schliesslich präsentiert er als «Beweis» einen Rabbi Barsani, der in osmanischen Urkunden um 1856 erwähnt sein soll. Dazu muss man wissen, dass Barsan einen Ort und ein grosses Tal im Irak bezeichnet, und Barsani heisst einfach «der von Barsan». Hinzu kommt, dass die Grossgrundbesitzer Barsani als Scheichs dem islamischen Nakischibandi-Orden angehörten. Und ein Barsani kommandierte noch vor wenigen Jahren eine eigene Hisbollah, wörtlich «Partei Allahs», im Nordirak. Nicht gerade übliche Verhältnisse in einer Rabbinerfamilie.

Aber beim Antisemitismus ist es wie beim Hexenprozess, weil die Fakten sich absolut nicht biegen lassen, kann es sich nur um eine Meisterleistung der Verstellung handeln, um ein perfektes Komplott, und das bringen bekanntlich nur Juden fertig.

Doch die Barsanis reichen dem Autor nicht. Er geht schliesslich daran, die im Vorwort locker aufgeworfene Frage, ob es «irgendeine Blutsverbindung» zwischen Kurden und Juden gebe, zu beantworten. Als Quelle stützt er sich auf eine Veröffentlichung im Internet über eine angebliche genetische Untersuchung, die erwiesen haben soll, dass Juden und Kurden «von der Vaterseite her» (eine Anspielung auf Abraham?) über Jahrtausende verwandt sind. Gefolgt wird diese Enthüllung gleich von der nächsten, einem jüdischen Plan zur Gründung eines kurdischen Staates. Dafür gibt Günaydin gar keine Quelle mehr an.

Über diese Literatur bräuchte man kein Wort zu verlieren, wäre sie nicht Massenware in der Türkei. Absatz findet sie in Varianten bei sehr verschiedenen ideologischen Lagern: bei kemalistischen Linken ebenso wie unter IslamistInnen, bei ultrarechten Grauen Wölfen ebenso wie bei nationalistischen KurdInnen.

In den Zeitungen wird der jetzige Erfolg von «Mein Kampf» eher lau kritisiert. Das Wort Antisemitismus fällt so gut wie nie - und dies anderthalb Jahre nach zwei schweren Anschlägen auf Istanbuler Synagogen.

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