Nr. 18/2005 vom 05.05.2005

Die Reprivatisierung des Geschlechts

Was mit viel guter Absicht begann, hat sich in sein Gegenteil verkehrt: Das permanente Rekonstruieren des eigenen Gender stützt letztlich das neoliberale Geschlechterregime.

Von Tove Soiland

Sie kamen aus Amerika und hiessen «gender» und «queer»; und sie waren hip. Und mit ihnen wurde den Resten des noch verbleibenden Feminismus zu Leibe gerückt: Denn wer sich nicht am Projekt der «Durchque(e)rung» der Zweigeschlechtlichkeit beteiligte, war rassistisch und alles andere dazu, eine weisse Mittelschichtsfrau, Hetera und schloss andere Andere aus: Frauen aus der Dritten Welt beispielsweise und Nicht-Frauen. Etwas verblüfft war ich deshalb schon, als ich jüngst in dieser Zeitung las, wir sollten uns wieder auf unsere europäischen Wurzeln besinnen. Die Autorin dieses klugen Ratschlages heisst Nancy Fraser, und sie ist Amerikanerin: Der US-Feminismus, so liess sie verlauten, sei mit seiner Fokussierung auf «Identitätspolitik» in eine Sackgasse geraten, er habe die ökonomischen Verhältnisse aus dem Blickfeld verloren, und dies just zu dem Zeitpunkt, da eine längst tot geglaubte ökonomische Ideologie als Neoliberalismus ihr zerstörerisches Comeback feiere (siehe WOZ Nr. 13/05). Danke, habe ich mir gedacht. Das Gute kommt aus Amerika. Jetzt können wir Pingpong spielen zwischen «cultural turn» und «social (re-)turn», und ja, ich gebe zu, ich bin Rassistin. Ich habe etwas gegen Amerika.

Denn wären wir geblieben, wohin uns nun Nancy Fraser in verdankenswerter Weise zurückschickt, in Europa nämlich und genauer noch in Frankreich, so stünden wir heute nicht mit unseren amerikanischen Schwestern in einer «kulturalistischen Einbahnstrasse» und auch nicht vor der falschen Alternative, zwischen «Gesellschaftsanalyse» und «Identitätspolitik» wählen zu müssen. Dass die Frage, wie Subjekte in Macht eingebunden sind, in den USA zu einer «Anerkennungsproblematik» wurde und Feminismus damit zu einer Politik, die die Ausschlüsse hegemonialer Identitäten anklagte, hat mit der spezifisch amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus zu tun: Poststrukturalistisch hiess «diskursiv verfasst», hiess, dass Macht sich im Wesentlichen darin erschöpft, Identitäten festzuschreiben.

Geschlecht als grundlegendes Strukturprinzip von Gesellschaft wurde damit kurzerhand zu einem Problem von Identitäten umdefiniert, die es anzuerkennen oder zu dekonstruieren - zu dekonstruieren, um das davon Ausgeschlossene anzuerkennen - galt. Wenn sich hierzulande auch nicht alle diesem Projekt der Dekonstruktion verschrieben, so ist doch im Zuge der Übernahme des Gender-Konzepts im deutschsprachigen Raum die Fokussierung auf Identitäten und damit auf Fragen normativer Geschlechtlichkeit zum leitenden Ansatz geworden - von der Gender-Forschung bis hin zur Gleichstellungspolitik.

Diese Rahmung des Geschlechterverhältnisses als primäres Problem von Geschlechternormen, von Rollenverhalten und Geschlechterstereotypen ist alles andere als selbstverständlich und wäre an sich erklärungsbedürftig. Denn sie erfolgte zu einem Zeitpunkt, in dem sich unsere Gesellschaft ohnehin in einem tiefgreifenden normativen Wandel befand. Nicht nur gerieten die ökonomischen Grundlagen des Geschlechterverhältnisses im allerdümmsten Moment aus dem theoretischen und politischen Blickfeld. Ebenso bemerkenswert scheint mir, dass die Gender-Theorie ausgerechnet in den neunziger Jahren das Sich-Abarbeiten an Geschlechternormen zum vordringlichsten Ziel erklärte, wo diese doch gerade gesamtgesellschaftlich stark an Bedeutung verloren. Was in Disziplinen wie der Soziologie längst ein Thema ist, dass nämlich spätkapitalistische Gesellschaften über andere Subjektivierungsweisen als die der Normierung verfügen und damit ein erstaunlich hohes Mass an Akzeptanz und Zustimmung generieren, hat bisher in der Gender-Forschung kaum Resonanz gefunden. Anstatt wahrzunehmen, dass die Geschlechtersegregation trotz einer eindrücklichen Aufweichung tradierter Geschlechternormen fortbesteht, und deshalb nach anderen Gründen für diese Segregation zu fragen, schoss sich die Gender-Theorie just zu dem Zeitpunkt auf Normen ein, da sich diese bereits in einem starken Erosionsprozess befanden. Lässt sich heute tatsächlich noch mit Fug behaupten, dass sich unsere Gesellschaft massgeblich an Leitbildern normativer Geschlechtlichkeit orientiert? Und heisst diese Kampfansage an Geschlechternormen nicht, die Logik des gegenwärtigen Geschlechterregimes zu verkennen: zu verkennen nämlich, dass die gegenwärtige Entwicklung des Spätkapitalismus gerade nichts mehr anzufangen weiss mit veralteten Vorstellungen von Geschlecht?

Gewiss wäre es unsinnig, zu behaupten, hier herrsche immer noch eine Ideologie vor, welche Frauen zurück an den Herd drängen wolle. Im Gegenteil wird deren Arbeitsmarktintegration auf allen Ebenen forciert. Was uns entgegentritt, ist eine staatlich verordnete Gleichstellungspolitik, dekretiert von oberster Stelle. Dass sich hier ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel vollzogen hat weg vom Fordismus mit seinem Ideal des männlichen Familienernährers hin zu dem, was die SoziologInnen Postfordismus nennen; dass dieser Wandel ganz andere und neue Anforderungen an die Menschen stellt, in denen diese von ihrem Geschlecht (und allem, was dazugehört) gerade abstrahieren sollten - mir scheint, es ist das, was die Geschlechtertheorie heute vor neue Herausforderungen stellt.

Anstelle der Fokussierung auf Geschlechternormen gälte es deshalb vielmehr die geschlechterwirksamen Paradoxien der Erwerbszentriertheit neoliberaler Wohlfahrtslogik zu verstehen. Neoliberale Restrukturierungen setzen mit ihrer Vorstellung, dass eine aktive Bewirtschaftung des Arbeitsmarktes der beste Weg zur Wohlfahrt aller sei, auf eine mindestens zweifache Privatisierung, die gerade in ihrer Verschlungenheit das Geschlechterverhältnis tangiert. Was allgemein als Privatisierung bezeichnet wird, ist in seiner doppelten Logik von Marktorientiertheit und erneuter Indienstnahme privater Haushalte von einer impliziten Geschlechteragenda getragen, die weitgehend im Dunkeln operiert: Angesichts einer Ideologie, die den Markt als einzigen Ort der Individuierung feiert, während gleichzeitig der dazu notwendig werdende Sozialabbau den Bereich nicht bezahlter Arbeit massiv erweitert, sind heute geschlechtersegregierende Wirkungen zu erwarten.

Die kanadische Politologin Janine Brodie sieht das neoliberale Geschlechterregime denn auch von einer tiefen Paradoxie gekennzeichnet, die sie in der gleichzeitigen «Intensivierung und Erodierung» von Geschlecht verortet («Widerspruch» Nr. 46, 2004). Zum einen würden Frauen und Männer gleichermassen als geschlechtslose und selbständige MarktteilnehmerInnen reformiert, die als autonome Individuen die Welt bevölkerten und nur als solche in den Genuss staatlicher Fürsorge gelangten. Zum andern jedoch werde stillschweigend davon ausgegangen, dass Frauen die im Zuge des Sozialabbaus anfallenden Mehrarbeiten übernähmen. Gleichwohl würden jedoch auch sie als geschlechtslose «Marktteilnehmer» adressiert, die dem Markt unabhängig von ihren reproduktiven Aufgaben zur Verfügung stehen sollten. Die versteckte Geschlechteragenda des Neoliberalismus laufe damit, so Brodie, auf die gleichzeitige Auslöschung und Neueinsetzung von Frauen als dem hauptsächlichen Subjekt sozialstaatlicher Reformen hinaus.

Wenn wir es demnach mit dem merkwürdigen Phänomen einer «Erodierung von Geschlecht» zu tun haben, die gleichwohl nicht geschlechtsneutral verläuft, so ist die kollektive Betroffenheit von Frauen eine, die politisch kaum mehr zu artikulieren ist. Neoliberale Regierungsprogramme, die die Grenzen dessen definieren, was überhaupt als politisch verhandelbar gilt, formulieren dieses Involviertsein neu als individuell zu verantwortendes Problem. Und hier eben, meine ich, ergibt sich eine problematische Verschränkung mit dem Gender-Konzept. Wenn Frauen sich heute mit sich widerstrebenden und paradoxen Anforderungen konfrontiert finden, die eine flexible Handhabung ihres Gender verlangen, so zielt die vom Gender-Konzept geleistete Kritik an normativen geschlechtlichen Identitäten nicht nur in eigentümlicher Weise ins Leere. Gleichzeitig verzichtet das Konzept damit auf die Möglichkeit, ein anders strukturiertes, nicht mehr am Rollenverhalten festzumachendes kollektives Involviertsein theoretisch überhaupt erfassen zu können.

Zu fragen ist deshalb, ob Gender mit seiner Kritik und Fixierung auf normative Geschlechterstereotypen nicht das Geschlechterregime des Fordismus vor Augen hat und so aus dem Blickfeld verliert, dass es möglicherweise selbst zum Bestandteil des gegenwärtigen Geschlechterregimes geworden ist. Indem das Konzept von Gender das Geschlechterverhältnis als ein Problem von Verhaltensweisen rahmt, die es zu regulieren gilt, macht es genau dasselbe wie die neoliberale Regierungstechnologie: Es lässt die eigene, strukturell bedingte Position als Effekt des eigenen Rollenverhaltens erscheinen. Ein Gender-Training suggeriert, dass die Gestaltung des Geschlechterverhältnisses in meinen eigenen Händen liegt. Gender - nicht das «Doing», also das Rollenverhalten, sondern das Konzept - wird damit zu einer Selbsttechnologie, die eine im sozioökonomischen Feld entstandene Spannung aufheben soll: Indem es mich glauben macht, ich müsse mich gegen Festschreibungen wehren, lässt das Konzept von Gender mich genau jene Fähigkeiten erwerben, die ich brauche, um die widerstrebendsten, ja sich vielleicht gegenseitig ausschliessenden Anforderungen unter einen Hut zu bringen. Mein flexibilisiertes Gender ist zur Schlüsselqualifikation meiner Ware Arbeitskraft geworden. Gender verhält sich zu den Erfordernissen des Neoliberalismus möglicherweise gerade dadurch funktional, weil es verkennt, dass der «Feind» sich längst verändert hat: Es ist die permanente Befragung meines Gender-Verhaltens, nicht dessen kohärente «Inszenierung», die dem nunmehr verschlankten Patriarchat am meisten dient.

Gender verstanden als Geschlechtsidentität reprivatisiert jenes «Private», das der alte Feminismus einst zum Politischen erklären wollte. Doch wie jede Privatisierung hat auch diese ihren Charme. Indem Gender strukturelle Zwänge als individuell lösbare erscheinen lässt, stellt es gleichzeitig auch ein Freiheitsversprechen dar. Gender als Selbsttechnologie greift, weil es mir dieses Angebot macht. Wenn es denn für das Geschlechterregime der Nachkriegszeit stimmen mochte, dass die Geschlechterideologie das hauptsächliche Problem darstellte, indem diese mit der ökonomischen Realität vieler Frauen kollidierte, die trotz anders lautender Doktrin gezwungen waren, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, so stellt sich die Situation heute anders dar: Es gibt keine Ideologie mehr, die der Absicht der jungen Frau entgegensteht, im Gegenteil, sie wird sogar gefördert. Die einzige Ideologie, die es heute noch gibt, ist die, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Und diese Option hat etwas durchaus Verführerisches. Doch auf rätselhafte Weise scheint nun auch dieses Freiheitsversprechen mit einem geschlechtlichen Code versehen: Die Freiheit, vom Geschlecht abstrahieren zu können, scheint offenbar nicht beiden Geschlechtern gleichermassen offen zu stehen. Oder anders formuliert: Es ist die Abstrahierung von Geschlecht, die nunmehr geschlechtersegregierende Wirkung hat.

 

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