Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

«Hier ist Oxford!»

Oxford, die vielleicht berühmteste Universität der Welt, sucht ihren Platz zwischen elitärem Traditionsdenken und harter Wettbewerbslogik.

Von Matthias Martin Becker

Lindi versteht die Frage nicht: «Was heisst elitär?» Die 26-jährige Studentin kam vor wenigen Monaten aus einer Stadt im indischen Punjab, um an der vielleicht berühmtesten Universität der Welt Erziehungswissenschaften zu studieren. «Eigentlich ist es ein normales College, nur eben in Oxford», sagt sie. Ihre Eltern, die wie viele InderInnen den Wert von Bildung sehr hoch einschätzen, haben in ihre Ausbildung ein kleines Vermögen investiert. Für StudentInnen von ausserhalb Europas kostet ein Jahr in Oxford knapp 10 000 Pfund (22 500 Franken), dazu kommen Verpflegung und eine teure Unterkunft in der mittelenglischen Kleinstadt. Aber für Lindi ist das eine Investition, die sich lohnt. Sie hat schon einen Abschluss in den USA erworben, mit einem Master of Science aus Oxford wird ihre Karriere gesichert sein. Und dann? «Vielleicht gehe ich wieder nach Indien. Oder noch besser in die USA zum Unterrichten.»

Oxford ist die älteste Universität Englands. Ein eindeutiges Gründungsdatum ist unbekannt, doch entstand ein Lehrbetrieb um 1100. Um 1300 betrieben hier Duns Scotus und Wilhelm von Ockham ihre scholastische Theologie. Durch die schattigen Gassen des mittelalterlichen Stadtkerns eilen die Studierenden heute ohne genügend Zeit, die Architektur zu bewundern oder sich zu fragen, ob vielleicht gerade in dieser Ecke schon Roger Bacon über die Bewegungsgesetze der Himmelskörper nachdachte. Nur rund 135000 EinwohnerInnen hat die Ortschaft. Die Stadtverwaltung nennt sie im Werbeeifer eine «betriebsame kosmopolitische Stadt»; tatsächlich ist sie beschaulich und ein wenig provinziell. Ausser Lernen gibt es hier für die 17 664 Studierenden wenig zu tun. Die Mehrheit von ihnen erwirbt in drei Jahren einen Bachelor-Abschluss und beginnt danach ihr Berufsleben.

«Wieder hundert Jahre Ruhe»

Oxfords Geschichte ist Teil seiner heutigen Attraktivität. Einige Colleges bewahren immer noch Traditionen aus dem frühen Mittelalter. Im All Souls College etwa findet alle hundert Jahre eine Prozession statt, zuletzt 2001, bei der StudentInnen mit brennenden Fackeln das uralte Wildentenlied singen, während ein ebensolches totes Federtier der Menge vorangetragen wird – Lindi erzählt, sie habe keine Ahnung, was das bedeuten soll, «aber wenigstens haben wir jetzt wieder für hundert Jahre unsere Ruhe».

Die obskure Seite der Traditionspflege mag heutigen Studenten lächerlich erscheinen; stolz sind sie dennoch, dass hier so viele waren, die bis zum heutigen Tag die britische Geistesgeschichte prägen. Aber Oxford hat nicht nur eine gloriose Vergangenheit, sondern auch eine erfolgreiche Gegenwart. Die meisten internationalen Hochschulrankings platzieren die Universität in den Sozial- und Geisteswissenschaften auf Platz zwei, insgesamt kommt sie auf Platz fünf. In Britannien selbst konkurriert Oxford nur mit Cambridge. Der Staat investiert den Grossteil der Gelder für die Forschung in diesen beiden Akademien, deren Namen oft zu Oxbridge zusammengezogen wird. Sie sind «akademische Leuchttürme», wo die wesentliche Forschung betrieben wird, während andere Teile der Hochschullandschaft veröden. Mancher englische Professor blickt voll Neid auf die Arbeitsbedingungen und das Betreuungsverhältnis der hiesigen 3900 AkademikerInnen.

Aber was bedeutet das für die StudentInnen? Sie profitieren mittelbar von der intensiven Forschung und engagierten ProfessorInnen, auch wenn viele sich beschweren, dass die Lehrenden kaum Interesse an den Studierenden haben. Thematisch unterscheiden sich die Studienprogramme nicht von denen anderer britischer Universitäten. Aber ein wesentlicher Unterschied besteht und ist den jungen Leuten wohl bewusst:

Ein Abschluss aus Oxford ist, mit etwas Entschlossenheit, eine Eintrittskarte in das britische Establishment. Wer erfolgreich eines der 39 Colleges besucht hat, dem/der steht der Weg nach oben offen. Hier werden Netzwerke geknüpft, hier studieren die zukünftigen Entscheidungsträger in Verwaltung, Politik und Militär, in den Medien und im Kulturbetrieb. 40 der 42 britischen Premierminister, die eine Universität besucht hatten, studierten in Oxford, unter ihnen sowohl Margaret Thatcher als auch Tony Blair.

Bis vor kurzem waren nur sieben Privatschulen und zwei Universitäten das Rekrutierungsfeld der britischen Elite. Dem engen Netzwerk an der Spitze entsprach ein abgeschottetes und elitäres Bildungssystem. Bis in die 1960er Jahre mussten beispielsweise Bewerber, die in Eton zur Schule gingen, keinen Aufnahmetest in Oxford machen. Unter Druck geriet dieses System erst unter der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher. Ihre rabiate Modernisierung der britischen Gesellschaft räumte, teils ungewollt, mit traditionellen Klassenschranken auf und machte Platz für ehrgeizige Aufsteiger ohne den kulturellen Hintergrund der alten Oberschicht.

Die «Meritokratie» Thatchers beeinflusste Oxford zunächst wenig. Nur langsam beginnen die Privatschulen und Eliteuniversitäten ihre ausschliessliche Macht zu verlieren. Heute schützt ein Abschluss aus Oxford unter Umständen nicht mehr vor der Arbeitslosigkeit. Aber immer noch geniessen die Colleges eine weitgehende Selbstverwaltung und entscheiden autonom, wer als StudentIn aufgenommen wird. Wesentlicher Teil des Auswahlverfahrens ist ein Vorstellungsgespräch, in dem oft die alten kulturellen Erkennungsmerkmale wirken. Diese Interviews sind mittlerweile wiederholt Gegenstand heftiger öffentlicher Diskussionen geworden. Zum Skandal wurde der Fall von Laura Spence vor vier Jahren. Die junge Frau wurde trotz ausgezeichneter Noten vom Magdalen College in Oxford abgelehnt; offenbar hatte ihr nordenglischer Akzent den Ausschlag gegeben.

Sparen trotz Wohlstand

Eine kleine Kulturrevolution ereignete sich im letzten Herbst: Zum ersten Mal in der 900-jährigen Geschichte Oxfords wurde ein Mann zum Vizekanzler bestimmt, der nicht selbst zum akademischen Personal der Universität gehört. John Hood, ein Neuseeländer mit betriebswirtschaftlicher wie akademischer Erfahrung, erkannte in der finanziellen Situation das Kernproblem der Universität und begann sofort nach Amtsantritt, Oxford in seinem Sinne zu reformieren. «Wir spielen immer noch oben mit, aber wir müssen noch besser werden, um diese Position halten zu können», sagt Hood. Er engagierte sogar die Beratungsfirma McKinsey, um Sparpotenziale herauszufinden.

Das überrascht zunächst, denn finanziell geht es keiner anderen britischen Universität so gut wie Oxford. Das universitätseigene Unternehmen ISIS, das den Technologietransfer von der Forschung in die Privatwirtschaft organisiert, meldete in den letzten fünf Jahren über 300 Patente an. 42 so genannte Spin-off-Firmen wurden gegründet. 185 Millionen Pfund Privatkapital (420 Millionen Franken) wurden im selben Zeitraum in die Forschung investiert. Im akademischen Jahr 2002 bis 2003, für das die neusten Zahlen vorliegen, betrug das Einkommen an Gebühren und Staatsgeldern 58 Millionen Pfund (130,8 Millionen Franken) – Summen, von denen andere Universitäten kaum zu träumen wagen.

Konkurrenz in Übersee

Aber im gleichen Zeitraum stand vergleichbaren Universitäten in den USA wie Harvard und Stanford fast fünfmal so viel Geld zur Verfügung. Nicht nur sind die Konkurrentinnen reicher, sondern es sind nach Aussagen der Verwaltung viele Bereiche der Universität ein Verlustgeschäft – auch die Lehre. John Hood rechnete kürzlich in einem Strategiepapier vor, dass das Unterrichten eines BA-Studenten jährlich 18 600 Pfund (42 000 Franken) kostet, aber der Universität nur die Hälfte davon in Form von Studiengebühren und Steuergeldern einbringt.

Die Lösung liegt für den Vizekanzler einerseits in einer weiteren Erhöhung der Studiengebühren. Oxford ist Mitglied der so genannten Russel Group, eines Interessenverbands von «forschungsintensiven» Universitäten mit grossem politischem Einfluss. Die jüngste Erhöhung der Studiengebühren für britische Studenten auf 3000 Pfund (6800 Franken) geht massgeblich auf ihre Einflussnahme zurück. Andererseits, so Hood, müssen Forschung und Lehre billiger und effektiver werden.

Solches betriebswirtschaftliches Denken ist den Dons, wie die Mitglieder des akademischen Lehrkörpers in Oxford und Cambridge heissen, suspekt. Sie empfanden Hood von Anfang an als Fremdkörper. Zum Eklat kam es, als Hood im Februar versuchte, die akademische Selbstverwaltung einzuschränken, die er als Hindernis für seine Reformpläne ausgemacht hat: Die Universitätsverwaltung versucht, mehr Kontrolle über das Berufungsverfahren an sich zu ziehen und die Verwendung der Gelder genauer zu kontrollieren. Kernstück der Reform sollte die Bildung eines Aufsichtsrats sein, dem die Colleges künftig verantwortlich wären. «Das würde das Ende einer 900-jährigen Tradition bedeuten. Dieser Rat würde faktisch die ganze Universität verwalten», sagt Don Fraser vom Worcester College. Fraser organisierte mit anderen ProfessorInnen den Widerstand, der die Pläne Hoods tatsächlich vorerst zum Scheitern brachte. Die Versammlung der Dons, die auf Initiative der Kritiker im Mai einberufen wurde, lehnte mit einer Zweidrittelmehrheit die Reform in ihrer bisherigen Form ab. «Wir wollen kein System, in dem staatliche Vorgaben uns zwingen, endlos Formulare auszufüllen für eine dubiose Erfolgskontrolle», so Fraser. «Schliesslich ist das hier Oxford!»

Die Studierenden nehmen an dieser Debatte wenig Anteil. Sie interessiert vor allem der Preis der Bildung, mit der gebotenen Dienstleistung sind sie zufrieden. Rick Slettenhaar studiert Jura und will später Richter werden. Zur Elite glaubt er nicht zu gehören, höchstens zu einer Leistungselite. «In Oxford wird härter gearbeitet als anderswo», glaubt er. «Immerhin ist es etwas Besonderes, hier sein zu dürfen.»

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