Nr. 44/2005 vom 03.11.2005

Mit dem Dachs in die Mongolei

In seinem neuen Roman «Planet Obrist» spinnt der Berner Autor süffig und gekonnt den Stoff seines Erstlings weiter.

Von Dave Schläpfer

Bei Erscheinen seines Debüts «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen», von dem in der Schweiz inzwischen immerhin 7000 Exemplare über den Ladentisch gegangen sind, hat sich der damals 29-jährige Christoph Simon sympathisch bescheiden als «noch Auszubildender» bezeichnet, der «jetzt einfach einmal weiterschreibe». Auf eine mögliche Fortsetzung angesprochen, machte er deutlich: «Die Geschichte ist erzählt, die Schlacht gewonnen: Da gibt es nichts mehr daran rumzudeuteln.»

Vier Jahre später, nach einer nicht zustande gekommenen Verfilmung von «Franz», nach dem «schwierigen» Zweitling «Luna Lena» und einer Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt, hat es sich der in seiner Ruhe explosive Berner Autor nun doch noch einmal anders überlegt und präsentiert mit «Planet Obrist» eine Fortsetzung seines Erstlings - auch wenn dies auf dem Buch selber nirgendwo explizit Erwähnung findet. Dieses kann zwar durchaus als eigenständiges Werk gelesen werden, gewinnt aufgrund der zahlreichen intertextuellen Verweise jedoch, wenn man auch die Vorgeschichte der Hauptfigur Franz Obrist - und diejenige der übrigen Figuren - kennt. Um sicher das richtige Zielpublikum zu treffen, wird als Gattungsbezeichnung auf dem Umschlag des sehr liebevoll aufgemachten Bandes gleich mitgeliefert: «Ein Schelmenroman.»

Simon erzählt in kurzen, süffig zu lesenden Kapitelchen die tragikomische Geschichte von Franz’ Plan, mit MC dem Dachs, seinem treuen Begleiter aus dem ersten Buch, in die Mongolei auszuwandern und dort in einer Jurte zu leben. Der Protagonist malt sich aus, wie er dort die Tage damit verbringt, «den Horizont zu betrachten und aus den getrockneten Sehnen von Yaks und Pferden Stiefel und Ledersäcke zu nähen. Mit dem Viehhändler laut über die Kamelzucht nachzudenken.» Einem gängigen Schema folgend, ist dabei die Reise in die als rousseausches Naturparadies imaginierte Einöde, die Franz schliesslich wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückführt, vor allem auch eine - nie abschliessbare - Reise zu sich selbst. So ist es denn auch nicht unbedingt der in wenigen Sätzen erzählte Grundplot an sich, der die Lektüre von «Planet Obrist» lohnt. Vielmehr ist es die kleine Form - Miniaturen, Alltagsbetrachtungen, aphoristisch anmutende Reflexionen über Gott und die Welt: So sind etwa Franz’ Eltern «christliche, aber ehrliche» Leute. Überaus gelungen auch das Einschiebsel «Völkerkunde Schweiz»: Die Schweizer «empfinden jede Ungesetzlichkeit als abscheulich, hassen es jedoch, eine Grenze zu überschreiten, ohne eine Kleinigkeit zu schmuggeln». Interessant ist auch die Einbindung von Texten von Beschriftungen am Wegrand als eigenwillige Selbstbeschreibung unserer Gesellschaft: «An einer Fräsmaschine das von Hand geschriebene Schild mit der Aufschrift: VORSICHT, THALMANN, DIE FINGER WACHSEN NUR EINMAL!»

Bei der «Literaturschlacht» in Klagenfurt kam «Planet Obrist» übrigens nicht allzu gut weg - was in diesem Fall durchaus als Qualitätsmerkmal verstanden werden darf. Der Text habe zwar grosses komisches Potenzial, hiess es, moniert wurde aber dessen «Ziellosigkeit». Eher unfreiwillig komisch und entlarvend im Hinblick auf die scheinbar objektiven Wertungskriterien hingegen war die anschliessende Diskussion, ob ein Dachs als Figur zur Literatur tauge. Zudem witterte Iris Radisch Provinzialität und Spiessbürgertum. Juror Norbert Miller: «Gut gemachter, aber kleiner Text.» An das Resultat des traditionellen Fussballspiels nach den Lesungen kann sich Christoph Simon nicht mehr erinnern - charakteristischerweise ist es das Daneben, das Periphere, das bei ihm hängen geblieben ist: «Ein Journalist hat sich die Zehe gebrochen, eine Nachwuchsautorin kriegte einen Sonnenstich.»

Siehe auch das Monatsinterview mit Christoph Simon vom Oktober 2005.

 

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