Nr. 14/2006 vom 06.04.2006

Die Comic-Panini

Von Fredi Bosshard

Der Verkauf der Panini-Sammelbildchen zur Fussball-WM ist lanciert. Millionenumsätze werden garantiert erreicht, bis alle Fans die passenden Bildchen gekauft, getauscht und säuberlich eingeklebt haben. Da hebt sich der Comicband «Fussballhelden - Football Heroes» ziemlich ab, die rund 700 Spieler-Paninis sind gleich auf die Seiten gedruckt. Fünfzig IllustratorInnen aus aller Welt haben die zwölf wichtigsten Köpfe eines jeden Nationalteams auf ihre individuelle Weise vor kunstrasengrünem Hintergrund porträtiert. Im Zentrum stehen die 32 Mannschaften, die ab dem 9. Juni in Deutschland hinter dem runden Leder her sein werden.

Virginia Christe und Federico Paltrinieri (aka Stupid Love) stellen die Argentinienelf als zuckersüsse Manga-Crew zwischen kitschigem Hellblau und Rosa dar. JL aus Buenos Aires scheint der Mannschaft von Ecuador wenig Chancen einzuräumen. Sie sieht aus wie durch den Wolf gedreht. Christoph Badoux rechnet beim Schweizer Team wohl auch nicht mit einem Grosserfolg, oder sind dies von Köbi Kuhn eingeflüsterte Mittel zur Tarnung? Da wirkt die finster und nach links blickende französische Elf von Patrick Graf schon um einiges gefährlicher und zu allem entschlossen, und auch vor Mexiko (siehe Abbildung), dessen Spieler der Italiener Sebastiano Barcaroli mit Lucha-Libre-Kopfmasken auftreten lässt, müssen sich die Gegner in Acht nehmen.

Die ausgewählten elf Spieler entsprechen nicht zwingend den tatsächlichen Mannschaftsaufstellungen; ComiczeichnerInnen sind ja keine ProphetInnen, sondern entwickeln ihre eigene Vision von einer Traummannschaft. Den deutschen Goalie Oliver Kahn hat es bestimmt gewurmt, dass ihn der italienische Zeichner Desiderio Sanzi nicht aufgestellt hat.

Es sind auch acht Mannschaften porträtiert, die beinahe dabei gewesen wären, darunter die Türkei, deren Spieler von Jerzovskaja, einem der Herausgeber der «Fussballhelden», als orangerot angelaufene, nachdenkliche Helden dargestellt werden. In einem historischen Teil sind die Weltmeisterteams der Vergangenheit und einige grossartige Teams verewigt. Die Mannschaft von Brasilien 1958 hat der Engländer Beach auf einem Panel in Form eines Abendmahlbildes gezeichnet. Dabei ist Gott Pelé als Lichtgestalt Jesus zu sehen und der Rest der Mannschaft mutiert zu Fussballaposteln. Marcos Guilherme aus São Paulo hat für die Darstellung des seit 2002 amtierenden Weltmeisters Brasilien einige Anleihen beim Picasso der kubistischen Periode gemacht.

In «Fussballhelden» werden ausser über die Bildsprache keine Prognosen abgegeben, aber der Blick in die Zukunft fehlt nicht. Die Mannschaft Earth 3020 von Ian David Mardsen aus New York lässt eine Mischung von Psychedelikern und genmanipulierten geschlechtslosen Mutanten über den Rasen hoppeln, die illustre Namen wie Rajiv Kinski, Darwin Mamifero, Ozzie Spectrum oder Ralfdieter Floriankarl tragen. Sechzehn auserwählte «Fussballhelden» gibt es zusätzlich noch als Wechselbild-Postkartenserie. Dazu gehört eine limitierte Sammelbox, damit der zugehörige Trieb auch bei den Comic-Panini nicht zu kurz kommt.

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