Nr. 18/2006 vom 04.05.2006

Heute Abend kommt im Fernsehen alles

In London sollen BewohnerInnen ihr Viertel selbst beobachten.

Von Matthias Martin Becker

«Das East End war dafür bekannt, dass die Menschen aufeinander aufgepasst haben», erzählt James Morris vom Londoner Wohlfahrtsverband Shoreditch Trust. «Doch heute sind die Menschen so beschäftigt mit ihrem Berufsleben, dass es einfach weniger Gemeinschaftsgefühl gibt. Wir bringen das zurück, mit Hilfe moderner Technik.» Was Morris plant, ist weltweit einzigartig: Bald sollen sich bis zu 20 000 Menschen die Aufnahmen von Überwachungskameras anschauen können und so von ihren Fernsehgeräten und Computerbildschirmen aus ihre Nachbarschaft beobachten.

Seit im Januar die Pläne von Shoreditch Trust bekannt wurden, kann sich der Vorstandsvorsitzende der Anfragen von JournalistInnen und StadtpolitikerInnen kaum erwehren. Sogar aus dem Ausland kommen interessierte Anrufe. Morris ist stolz: «Ehrlich gesagt hat mich dieses Interesse selbst überrascht!» Die selbstgestellte Aufgabe des gemeinnützigen Vereins ist, das East-End-Quartier Shoreditch wieder aufzuwerten. Shoreditch ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Verarmung und Kriminalität, gleichzeitig aber auch eine attraktive Gegend in unmittelbarer Nähe des innerstädtischen Bankenviertels. Der Etat des Shoreditch Trust ist dementsprechend beeindruckend: Über 60 Millionen Pfund (etwa 136 Millionen Franken) hat der Verein bis zum Jahr 2010 zur Verfügung, bezahlt vom britischen Staat und der Regionalförderung der Europäischen Union.

«Es geht darum, die Leute zusammenzubringen», sagt Morris. Und zwar mittels eines lokalen Fernsehprogramms namens Shoreditch Digital Bridge (SDB). «Heute Abend kommt im Fernsehen alles!», lautet ein Werbespruch für dieses Angebot, und tatsächlich kommt Morris aus dem Aufzählen kaum heraus: «Schüler können mit ihren Lehrern kommunizieren und Hausaufgabengruppen bilden; die Eltern können feststellen, ob ihre Kinder tatsächlich in der Schule sind; es gibt einen Automaten, an dem man seine Sozialleistungen berechnen lassen kann; ärztliche Beratung; selbstgedrehte Filme ...» - alles für umgerechnet neun Franken im Monat.

Während der jetzt laufenden Testphase können nur tausend Haushalte dieses Angebot nutzen, aber schon bald wird Shoreditch TV im ganzen Bezirk zu sehen sein. Bereits gibt es auch Anfragen aus anderen englischen Städten. Das Programm besteht aus einem Gesundheitskanal, einem Geldkanal und einem Kriminalitätskanal, in wenigen Wochen wird noch ein Erziehungskanal dazukommen. Erklärtes Ziel des Crime Channels ist, die Zusammenarbeit zwischen BürgerInnen und Polizei zu verbessern. Neben allgemeinen Ratschlägen und Informationen stehen den ZuschauerInnen die Echtzeitübertragungen von elf Kameras in ihrer Gegend zur Verfügung. Alle sind aufgefordert, Verdächtiges sofort der Polizei zu melden. Was für Delikte sollen denn so bekämpft werden? Morris bleibt vage: «Drogenhandel, potenzielle Überfälle und so was ...» Ein weiteres Angebot im Crime Channel zeigt Fotos von AnwohnerInnen, die in der Vergangenheit auffällig und deshalb mit Verhaltensauflagen belegt wurden. «Naming and shaming» nennt sich diese Strategie, die in den letzten Jahren in Britannien immer beliebter wird. «Wir sind davon überzeugt, dass die Leute das nicht für voyeuristische Zwecke benutzen werden», versichert Dan Hodges, Pressesprecher von Shoreditch Digital Bridge. Überhaupt gehe es auch um das subjektiv grössere Sicherheitsgefühl.

Dieses Projekt hebt die Überwachung auf eine neue Ebene: Eine Nachbarschaft überwacht sich selbst. Verdächtig und daher im Fokus der Kameras ist jedeR. «Er wird gesehen, aber er sieht nicht; er ist das Objekt von Information, aber niemals das Subjekt in einer Kommunikation» - so beschrieb der französische Philosoph Michel Foucault die Funktionsweise dessen, was er Panoptikum nannte. In der panoptischen Anordnung von Architektur und Beobachtungsgeräten wähnt sich der Gefangene ständig unter Beobachtung, bis er schliesslich verinnerlicht, was von ihm verlangt wird. Geboren wurde das Panoptikum lange vor Foucaults Zeit: Schon der Moralphilosoph Jeremy Bentham und noch vor diesem der Universalgelehrte Wilhelm Gottfried Leibnitz haben es in den Gefängnissen und Arbeitshäusern des 17. Jahrhunderts erkannt. Kein Winkel darf im Panoptikum Schutz vor der Beobachtung bieten; was die Sicht versperrt, wird entfernt. Was so entsteht, nennt Foucault «einen segmentierten, bewegungslosen, gefrorenen Raum».

Dagegen wirken die vier Strassen um die Haberdasher Estates, wo die Kameras ihre Arbeit tun, geradezu harmlos. Ein Hochhaus, daneben ein lang gestrecktes vierstöckiges Gebäude mit Innenhof und Garagen, hässlich und heruntergekommen, typisch britischer sozialer Wohnungsbau, ein paar renovierte Häuser und kleine Läden dazwischen. Manche BewohnerInnen pflegen ihre Blumenkästen, manche wechseln ein paar Worte, wenn sie sich auf dem Gang oder der Strasse begegnen. Es ist ein ruhiger Nachmittag, nur später am Abend wird es etwas lauter werden, wenn sich die Betrunkenen aus den Kneipen auf der Hauptstrasse auf den Nachhauseweg machen. Unten bei den Garagen langweilen sich ein paar Kinder, misstrauisch schauen sie dem Fremden nach. Haben sie von den Kameras gehört? Was für Kameras, kommt die Gegenfrage. «Ja, davon habe ich gehört», meint ein alter Mann, in dessen freundlichem Lächeln einige Zähne fehlen, «interessiert mich aber nicht. Ich sehe sowieso lieber Fussball.» Selbst die BefürworterInnen im Wohnblock bezweifeln, dass sie die Kameras langfristig nutzen werden. «Es geht ja mehr um Abschreckung», meint John, der kürzlich hier eine Wohnung gekauft hat. «Damit diese Leute sich nicht asozial verhalten, weil sie beobachtet werden. Aber werde ich wirklich stundenlang die Garagen beobachten? Wohl kaum.»

«Das ist eine gute Sache», meint dagegen Lisa. Findet sie denn nicht, dass ihr Privatleben durch die Kameras eingeschränkt wird? Sie lacht: «Ich kümmere mich um mich und meine Familie, ich gehe arbeiten, und ansonsten bleibe ich zu Hause. Wer soll das interessant finden?» An einer Einfahrt hängt ein Werbeplakat für Shoreditch Digital Bridge. Eine junge hübsche Frau ist darauf abgebildet, der Text: «Hier ist eine kreative Gegend - werde ein Teil davon!» Als kreativ gilt Shoreditch allerdings erst seit den späten neunziger Jahren. Eingeklemmt zwischen den südasiatisch geprägten Londoner Elendsquartieren um Whitechapel und dem Bankenviertel, der City, wo an der Börse täglich Milliarden gehandelt werden, war Shoreditch lange Zeit die letzte Bastion der weissen Arbeiterklasse im East End, die sich sowohl von den EinwanderInnen aus dem Commonwealth als auch den Kindern aus der Mittelschicht abgrenzte, die auf Suche nach billigem Wohnraum hierher kamen. Lange hatte die faschistische National Front hier ihre besten Wahlergebnisse im eigentlich sozialdemokratisch geprägten Osten der Stadt. Dann aber geschah, was seitdem StadtplanerInnen bewusst in anderen Gegenden zu wiederholen versuchen: Nach den HausbesetzerInnen kamen KünstlerInnen und andere Kulturschaffende, die «urbanen Pioniere», die für die Wiederaufwertung heruntergekommener Stadtviertel unverzichtbar sind. Bald prägten sie mit ihren Cafés, Galerien und Geschäften das Viertel. Aber wie in der New Yorker Lower East Side oder in Berlin-Mitte war auch das nur ein Zwischenschritt, denn mittlerweile hat die Werbe- und Kulturindustrie sich hier niedergelassen, und auch immer mehr Angestellte aus der City nutzen die Nähe zu ihrem Arbeitsplatz, während die Boheme weiter nach Nordosten gezogen ist.

Die Rückeroberung der Innenstadt von den Unterschichten ist in Shoreditch beinahe abgeschlossen. Überall wird gebaut, die Mietpreise haben sich teilweise mehr als verdoppelt. «Das war eine üble Gegend, aber mittlerweile kommen doch die ganzen Leute aus der City hierher!» Ben ist neunzehn Jahre alt und hier aufgewachsen, er lebt zusammen mit seinen Eltern in einer kleinen Wohnung in dem Block. «Vor zehn Jahren hast du hier keine Polizei gesehen, das hat die einen Scheiss interessiert! Aber jetzt, Mann! Polizei und Kameras überall!» Der Junge ist froh über die Gelegenheit, seinen Unmut loszuwerden. «Jetzt will ich bei meinen Eltern ausziehen, und ich kann mir hier keine Wohnung leisten. Also eigentlich sagen die zu mir: O.k., du bist in einem Dreckloch gross geworden. Jetzt wird es eine nette Gegend, und du musst woanders hin.» Ben grinst schief: «Und? Schreib ich deshalb einen Brief an den Premierminister?» Der Austausch der Wohnbevölkerung ist mittlerweile weit fortgeschritten, auch zwischen East Road und Pitfield Street, wo nun Kameras die Bilder von den Strassen in die heimischen Wohnzimmer übertragen. Mitten zwischen den BewohnerInnen dieser vier Strassen läuft eine tiefe Kluft: die einen ModernisierungsgewinnerInnen, oft haben sie ihre Wohnung gekauft, die anderen VerliererInnen, abgehängt, nicht gefragt. Während der Interviews fragen die Menschen immer wieder, was denn eigentlich ihre Nachbarn sagen - eine starke nachbarschaftliche Verbundenheit gibt es hier tatsächlich nicht, man redet wenig, grüsst kaum.

Auch wenn ein grosser öffentlicher Aufschrei bisher ausgeblieben ist, manche in England sind entsetzt über dieses Vorhaben. Etwa William McMahon, Direktor der Crime and Society Foundation, einem unabhängigen Forschungsinstitut, das sich mit Kriminalität und ihren Ursachen beschäftigt. «Durch dieses Projekt wird das Strafrecht in den Alltag ausgedehnt. Warum sollen Anwohner etwas tun, was Aufgabe der Polizei ist?» Und Andrew Mackay von der Bürgerinitiative ASBO Concern warnt: «Wir befürchten, dass es zu Selbstjustiz kommt, wenn auf den Bildschirmen zum Beispiel Bettler zu sehen sind. Dieses Projekt ist geradezu eine Aufforderung, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen.» Nirgendwo ist Videoüberwachung so alltäglich geworden wie in Britannien. CCTV, Closed Circuit Television, wie der englische Ausdruck lautet, ist überall. Ein Akademiker schätzte kürzlich, dass die durchschnittliche britische Bürgerin jeden Tag von dreihundert Kameras gefilmt wird, die zu etwa dreissig unterschiedlichen Netzwerken gehören. Im Zentrum steht nicht, wie in George Orwells berühmtem Roman, der eine alles beherrschende grosse Bruder, sondern viele verschiedene Überwacher, auf deren Informationen sich der britische Staat allerdings im Zuge des Kampfs gegen den Terror zunehmend die Zugriffsrechte sichert.

Unter ExpertInnen sind die Kameras als Mittel der Kriminalitätsbekämpfung umstritten. Der englische Kriminologe Martin Gill von der Universität Sheffield hat kürzlich die verschiedenen Studien ausgewertet. Ihn beeindruckt die Idee, AnwohnerInnen Zugang zu den Überwachungskameras zu geben, nicht. «Sie werden CCTV einsetzen, aber bald feststellen, dass es weniger nützt, als sie erwartet haben», meint er. Seine Untersuchungen haben ihn zur Ansicht gebracht, dass durch Videoüberwachung Straftaten vor allem verlagert werden. «Wenn wir mit Straftätern sprechen, sagen die: O.k., es erhöht das Risiko, aber dieses Risiko lässt sich leicht umgehen.» Befürworter halten dem entgegen, die Kameras erhöhten das subjektive Sicherheitsgefühl. Andrew Mackay lässt auch das nicht gelten: «Nirgendwo gibt es so viel Videoüberwachung wie in unserem Land», sagt er. «Fühlen sich die Leute deshalb sicherer? Offenbar nicht!»

Datenschutz ist kein Thema, und dementsprechend einflusslos sind die offiziellen Stellen, die eigentlich die Privatsphäre schützen sollen. Jonathan Banford, der stellvertretende Datenschutzbeauftragte Englands, bekennt etwas zögernd, dass er von dem Videonetzwerk im East End nur aus der Presse erfahren hat. Tätig werden kann er nur, wenn Betroffene Klage erheben. Und das geschieht so gut wie nie.

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