Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

Die Moderne als Perversion des Glaubens

Der überzeugte Katholik und Kirchenkritiker dachte vor Jahren vieles vor, was wir heute nach-denken. Nun sind seine Ideen in langen Gesprächen nachzulesen - ein intellektuelles Vergnügen.

Von Ulrike Baureithel

Der Wirbel um die Berliner Rütli-Schule hat nicht nur in Deutschland die Zukunft der Schule auf die Tagesordnung gesetzt. Die dortige LehrerInnenschaft sah im Milieu von grosser Gewaltbereitschaft keine Chance mehr, den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten (siehe WOZ 15/06). Es scheint, als ob mit der Schulpflicht nicht Chancengleichheit und Entwicklung aller SchülerInnen verbunden wären, sondern die Schule ganz entgegen ihrem Anspruch und Auftrag gewaltbereite VersagerInnen produziert. Ivan Illich hätte dies, würde er noch leben, wohl mit trauriger Genugtuung zur Kenntnis genommen. Vor mehr als dreissig Jahren hatte er mit seiner These, das hierarchische Schulsystem bedeute nicht Aufstieg, sondern im Gegenteil Ausgrenzung und persönliche Niederlage für die Mehrheit, aufseiten von enthusiastischen PädagogInnen viel Empörung geerntet, galt ihnen Bildung doch als einziger Weg aus der Armut.

Der Theologe und Zivilisationskritiker Illich (1926-2002) meinte in den sechziger und frühen siebziger Jahren, als er seine Forderung nach «Entschulung der Gesellschaft» formulierte, allerdings weniger den Nachwuchs in den entwickelten Metropolen als vielmehr die Menschen an deren Rändern. Unter den puerto-ricanischen MigrantInnen in New York und später in Puerto Rico selber beobachtete der Priester und Erzieher nämlich, dass Schule ein Ritual ist, das zwar den Glauben an Bildung stärkt, das damit verbundene soziale Versprechen aber nicht einzulösen vermag.

Mit seiner Skepsis gegenüber der «Beschulung» wuchs auch Illichs Distanz zu anderen Institutionen, etwa der Medizin und dem Gesundheitssystem. Lange bevor sich professionelle Ethikräte mit dem «slippery slope», der abschüssigen Bahn des wissenschaftlichen Fortschritts, befassten und bevor SoziologInnen den Terminus «Risikogesellschaft» erfanden, behauptete Illich, dass die moderne Medizin unumkehrbar eine Grenze überschritten habe. Medizinische ExpertInnen, so seine These in seinem berühmt gewordenen Buch «Nemesis der Medizin», entmündigten ihre PatientInnen und schafften eine chronisch kranke Gemeinschaft, die glaubt, sich nur per Technik, Screening und Risikofeststellung am Leben erhalten zu können.

In der ausufernden medizinkritischen Literatur spielt Ivan Illich, der im September achtzig Jahre alt würde, heute keine herausragende Rolle mehr, obwohl er ihr nachhaltig den Weg bereitet hat. Das hat Gründe. Einerseits war Illich ein radikaler Denker in dem Sinne, dass er wenig Zugeständnisse machte an die verwaltete Form der Wissenschaftskritik. Zum anderen war er trotz aller Rebellion gegen seine Kirche ein überzeugter Katholik, der das Evangelium ernst nahm. Wie ernst es ihm war, zeigt sich nun postum in einem Band, den Illichs kanadischer Freund, der Radiojournalist David Cayley herausgegeben hat. «In den Flüssen nördlich der Zukunft» - der Titel ist einem Gedicht Paul Celans entlehnt - fasst die letzten Gespräche zusammen, die Cayley mit Ivan Illich geführt hat, und liefert eine beeindruckende Synthese über dessen Denken und Werk.

Bezugspunkt für Illichs Theorien über die Gesellschaft, das wird darin sehr deutlich, war immer das Neue Testament und darin besonders das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der einen verletzten Fremden aus dem Strassengraben rettet und ihn so als seinen Nächsten auserwählt. In dieser freien Wahl des Nächsten, der nicht der eigenen Gruppe angehört - in unserer Zeit wäre es der Palästinenser, der einem Juden hilft -, erkennt Illich die radikale Neuartigkeit des Neuen Testaments: «Mein Nächster ist der, den ich wähle, nicht der, den ich wählen muss.» Nächstenliebe ist keine Verhaltensregel, nicht etwas, das ich tun soll, sondern was ich freiwillig tue. Wende ich mich von meinem Nächsten ab und gewähre ihm kein Gastrecht, verletze ich damit nicht eine Regel, sondern diesen Nächsten ganz persönlich - und damit Gott.

Illich zeigt nun, wie diese Frohe Botschaft im Laufe der Geschichte - und er setzt den Umschlagpunkt im Hochmittelalter an - korrumpiert und in ihr Gegenteil verkehrt wird. Die katholische Kirche ersetzt die persönliche Gastfreundschaft durch Fürsorgeinstitutionen, die bis in die moderne Dienstleistungsgesellschaft hineinwirken. Anstelle des Guten tritt die Idee von Werten und mit ihr die Kriminalisierung der Sünde, die sich nun vor dem inneren Gerichtshof, dem Gewissen, rechtfertigen muss. Die Kirche setzt ihre Macht ein, um Menschen zu disziplinieren, sie an regelhaftes Verhalten zu gewöhnen und an Wertmassstäben zu messen. Dieses Etablieren messbarer Werte und Normen verdrängt das Gute in der Welt, die moderne Dienstleistungsgesellschaft die christliche Zuwendung, kurz: Der moderne Westen ist eine Perversion des Glaubens.

Das klingt ein wenig fundamentalistisch, und in der Tat gibt es in Illichs grandiosem Durchgang durch 2000 Jahre abendländischer Geschichte Passagen, die schon terminologisch aufschrecken, etwa wenn der Antichrist als Inbegriff des Bösen auftritt. Doch zumindest der Hauptteil des Buches, der aus einer Reihe langer Gespräche hervorgegangen ist, liest sich mit Faszination. Hier spricht einer der letzten noch umfassend Gebildeten, der aus der Zusammenschau des antiken und christlichen Denkens entwickelt, was für uns heute selbstverständlich ist, aus der Warte unserer Vorfahren aber fremd anmuten muss: unser entkörperter Blick, der im Streit um das Bilderverbot wurzelt; das naturwissenschaftliche Denken, das Natur als leblose Dingwelt entwirft; unsere Auffassungen von Schmerz und Schmerztötung, die die alten Körpervorstellungen überschatten; und eben unsere Verbeugung vor einer Prozedur, die sich Schule nennt und suggeriert, Gleichheit herzustellen.

Man wird Illich nicht in jede Fuge seines Denkens folgen, nicht jede These verteidigen wollen (streiten lässt sich zum Beispiel darüber, ob das Ehesakrament ein Akt der rituellen Gleichstellung der Frau war) und sich manchmal veranlasst fühlen, über (männliche) Projektionen zu lächeln. Doch das Buch ist eine schöne Vorlage, einen grossen Denker wieder zu entdecken und mit ihm etwas, was im heutigen akademischen Zirkus weitgehend verloren gegangen ist: das entspannte, wache, freundschaftliche intellektuelle Gespräch, für das Ivan Illich berühmt war und das David Cayley, von dem auch die sorgfältige und erhellende Einführung in Illichs Leben und Werk stammt, für eine breitere Leserschaft aufbereitet hat. Das Kapitel über die Freundschaft ist auch ein nachgereichtes Geschenk an Illichs Freundeskreis, der sich um ihn und die Bremer Historikerin Barbara Duden scharte. Bei allen anderen mag sich nach der Lektüre ein nagendes Gefühl des Bedauerns einstellen, nicht zu diesem Kreis gehört zu haben.

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