Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

Eine Gesundheitsgöttin für Papierlose

Normalerweise helfen die ÄrztInnen ohne Grenzen in Krisengebieten. Inzwischen müssen sie aber auch in der Schweiz aktiv sein. Sie bieten Papierlosen medizinische Hilfe an.

Von Reto Aschwanden

Esperanza Lagos kommt zu spät. In Wirklichkeit heisst sie anders, sie stammt aus Chile und besitzt keine Aufenthaltsbewilligung. Sie lebt illegal hier, hat sich aber trotzdem bereit erklärt, über Meditrina zu sprechen. Schweissnass sitzt sie im Wartezimmer der medizinischen Anlaufstelle von Médecins Sans Frontières (MSF), den ÄrztInnen ohne Grenzen, die Meditrina seit vier Monaten in einem Hinterhof im Zürcher Kreis 4 betreiben. Am Helvetiaplatz stand die Polizei: ein Horror für Esperanza Lagos. Später stellt sich heraus, dass die Polizei just zu jenem Zeitpunkt den Böögg – der vor dem diesjährigen Zürcher Sechseläuten geklaut worden war – vom Kanzleiareal abtransportierte. Esperanza ging auf Umwegen durch das Quartier und wirkt nun ziemlich gestresst.

«Eine klassische Situation», sagt Michèle Vettovaglia, die als Pflegefachfrau in der Meditrina arbeitet: «Sans-Papiers leben in ständiger Angst vor der Polizei, das ist hier immer wieder ein Thema.» Die Zürcher Behörden stehen dem MSF-Projekt indes positiv gegenüber. Auf der Website des Sozialdepartements findet sich ein Link zu Meditrina. Die Polizei hat zugesagt, die PatientInnen nicht vor den Meditrina-Räumlichkeiten zu kontrollieren.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Meditrina – benannt nach der römischen Göttin der Gesundheit – nahm Mitte Januar den Betrieb auf. Vor drei Jahren lancierte Médecins Sans Frontières ein ähnliches Projekt in Freiburg, das rege beansprucht wird und seit Ende 2004 von einer lokalen Organisation geführt wird. MSF bezeichnet Meditrina als eine «niederschwellige Anlaufstelle für Menschen ohne Zugang zu medizinischer Betreuung». Das können auch SchweizerInnen sein, denn ein Prozent der Bevölkerung ist trotz Obligatorium nicht krankenversichert. Am dringendsten aber benötigen die Sans-Papiers eine solche Einrichtung. Im Grossraum Zürich leben schätzungsweise 20 000 Papierlose. Viele von ihnen gehen auch bei akuten Gesundheitsproblemen weder zum Arzt noch ins Spital. «In unserer Organisation Colectivos sin papeles diskutierten wir schon länger darüber, dass ein medizinisches Angebot für uns nötig wäre. Denn viele fürchten, dass sie angezeigt werden, wenn sie einen Arzt oder ein Spital aufsuchen», sagt Esperanza Lagos.

Die Kontakte mit Organisationen wie der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich (SPAZ) sind für Meditrina sehr wichtig. Durch die Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Sans-Papiers wächst der Bekanntheitsgrad. Vorbehalte werden abgebaut. Im Februar nutzten erst 9 Personen das Angebot, im April waren es bereits 27.

In der ersten Zeit behandelte Michèle Vettovaglia mit ihrem Kollegen, dem Pflegefachmann Roman Deola, vornehmlich Frauen aus Lateinamerika, mittlerweile präsentiert sich das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, und es kommen auch immer mehr Menschen aus Afrika. Viele PatientInnen kommen wegen kaputter Zähne, wegen gynäkologischer Erkrankungen oder Schwangerschaften. «Wir sind auch immer wieder mit Problemen konfrontiert, die über rein körperliche Gebrechen hinausgehen, etwa mit Stresssymptomen», sagt Roman Deola. «Die Umstände, unter denen diese Leute hier leben – Angst vor Ausschaffung, Erpressbarkeit und Missbrauch am Arbeitsplatz –, sind extrem belastend.»

Meditrina ist schlicht und funktional eingerichtet. Das gesamte Mobiliar erhielt MSF gratis vom Triemli-Spital. Sprechstunden finden an vier Halbtagen pro Woche statt, eine Voranmeldung braucht es ausdrücklich nicht. Die beiden Pflegefachkräfte behandeln die PatientInnen ambulant oder überweisen sie, wenn nötig, an ÄrztInnen aus dem Meditrina-Netzwerk.

Manchmal fast zu dankbar

Verständigungsschwierigkeiten gibt es bei der Behandlung selten: Vettovaglia und Deola sprechen beide mehrere Sprachen, kulturelle Unterschiede bereiten kaum Probleme. «Wir sind immer zu zweit hier», sagt Michèle Vettovaglia. «Auch für männliche Patienten aus anderen Kulturen bin ich als Pflegerin eine medizinische Respektsperson. Ich erlebe die Leute als offen und dankbar.» «Manchmal fast zu dankbar», ergänzt David Winizki. Er fungiert bei Meditrina als medizinischer Supervisor, sitzt im Vorstand der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich und betreut als Hausarzt seit fünfzehn Jahren Sans-Papiers: «Es ist erstaunlich, wie viel Dankbarkeit einem die Leute entgegenbringen, bloss weil man sie mit Respekt und Anteilnahme behandelt. Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen einem Arzt gegenüber in einem noch viel ausgeprägteren Abhängigkeitsverhältnis stehen als Schweizer. Da braucht es von unserer Seite Abgrenzung.»

Auch Vettovaglia und Deola mussten lernen, sich abzugrenzen. Beide arbeiteten vor ihrem Engagement bei Meditrina im Ausland für MSF. Man werde mit den Jahren abgehärtet, sagt Michèle Vettovaglia, «sonst könnte ich diesen Job nicht machen». Trotzdem gibt es manchmal Situationen, in denen das Abschalten schwer falle. «Ganz am Anfang kam eine junge Frau mit gynäkologischen Problemen zu uns», erzählt Roman Deola. «Sie war von einer Schlepperbande in die Schweiz gebracht worden und lebte hier in völliger Abhängigkeit von ihrem ‹Patron›, der sie auch zu Sex nötigte. Direkt nach der Behandlung musste sie zurück zu diesem Typen. Daran hatte ich zu kauen.»

Michèle Vettovaglia motiviert der Kontakt mit anderen Kulturen im eigenen Umfeld: «Ich komme aus Zürich, entdecke aber erst jetzt durch diese Arbeit, was hier alles stattfindet. Auch wenn wir hier im Kreis 4 laufend Menschen aus anderen Ländern begegnen, lebt man doch an vielem vorbei.»

Ungewisse Zukunft

Weil zwei Pflegefachpersonen nicht jedes medizinische Problem in Eigenregie lösen können, baut Meditrina auf ein wachsendes Netz aus AllgemeinmedizinerInnen und FachärztInnen, Labors und PhysiotherapeutInnen, an die die PatientInnen bei Bedarf überwiesen werden. Die Behandlung bei Meditrina ist kostenlos, für Konsultationen bei Netzwerk-ÄrztInnen müssen die PatientInnen einen kleinen Betrag leisten. Nicht jede Krankheit lässt sich mit ein, zwei Arztbesuchen heilen. Was geschieht mit chronisch Kranken? «In solchen Fällen gibt es nur eines: einer Krankenkasse beitreten, denn die sind verpflichtet, auch Sans-Papiers zu versichern», sagt David Winizki. «Allerdings ist es manchmal so, dass diese Leute bei schweren Erkrankungen wie etwa Krebs keine andere Möglichkeit sehen, als in ihre Heimat zu reisen, um dort zu sterben – was ich sehr ungerecht finde.»

In Zürich existieren einige medizinische Einrichtungen für mittellose und nichtversicherte Menschen, etwa das Krankenzimmer für Obdachlose an der Kanonengasse. Ein Angebot, das eigens auf die Bedürfnisse der Sans-Papiers ausgerichtet ist, hat bisher allerdings gefehlt. Eine Konkurrenz für bestehende Institutionen ist Meditrina deshalb nicht, sondern eine Ergänzung. MSF finanziert die Pilotphase, die voraussichtlich bis Ende 2006 dauert, mit Spendengeldern.

Wer übernimmt?

Für die zweite Jahreshälfte plant David Winizki zudem Veranstaltungen, die den Sans-Papiers Informationen zu Gesundheit und Prävention vermitteln und auch der Vernetzung dienen sollen: «Wir müssen diesen Menschen eine Organisationsform geben, sie aus der Isolation holen, denn die macht krank.» Später will sich MSF – analog zum Projekt in Freiburg – zurückziehen und Meditrina an eine lokale Organisation oder an einen Verein übergeben. Ein Engagement der Stadt scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Heinz Spälti, Stabsmitarbeiter im Gesundheits- und Umweltdepartement (GUD), meint dazu: «Wir begrüssen dieses Projekt. Die medizinische Versorgung von Sans-Papiers gehört aber nicht zu den Kernaufgaben des GUD. Es ist deshalb nicht davon auszugehen, dass Meditrina später von der Stadt übernommen oder schwerpunktmässig finanziert wird.»

Unabhängig davon, wie Trägerschaft und Finanzierung in Zukunft geregelt werden, ist für David Winizki zentral, dass die Anlaufstelle niederschwellig bleibt: «Es darf nicht aussehen wie ein Spital, sonst bleiben die Leute aus Angst weg.» Meditrina habe in den vergangenen vier Monaten «unter den Sans-Papiers viel Vertrauen aufgebaut und ist ein Lichtblick», sagt Esperanza Lagos. Deshalb will sie auch als Esperanza in der Zeitung zitiert werden.

www.srk-zuerich.ch/srk/Was-wir-tun/Migration-Asyl/Meditrina/index.php

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