Nr. 39/2006 vom 28.09.2006

Stumpen, Most und Langeweile

Ein desolates Wahlwochenende? Für die Mehrheit der Schweizer BürgerInnen war es eher ein Grund zum Feiern: zu Gast bei der SVP-Kreispartei Wil in Schwarzenbach SG.

Von Patrick Ritschard

Sonntag, 24. September 2006, 14 Uhr: Wir sitzen in der Gartenbeiz vom «Dörflitreff» in Schwarzenbach SG und trinken Eistee. Die wenigen Gäste grüssen überaus freundlich. Wer sollte denn am Sonntag in dieses Durchschnittsdorf kommen? Nun gut, es gibt die grosse Eröffnung der «Esseria» bei der Renault-Garage. Dort sitzen gutgelaunte AutofahrerInnen mit ihrem Nachwuchs auf Festbänken. Bier und Wurst gibts für zwei Franken. Die Kleinen rennen mit Ballonen um die polierten Neuerscheinungen: das Auto als Freizeitinhalt für die ganze Schwarzenbacher Familie. Darum vielleicht war die Autopartei bis in die Mitte der neunziger Jahre eine wichtige Institution in der Gegend. Und heute sitzen einige der damaligen AutofreundInnen aus dem Wahlkreis Wil für die SVP im St. Galler Kantonsrat.

Hoi, ich bin der Marcel

Am Sonntag – wie nach jeder Abstimmung – lädt die ortsansässige SVP zum Abstimmungstreff für Mitglieder und SympathisantInnen beim «Dörflitreff», hiess es. Scheinbar fehlen dort aber die Schweizer Fahnen und die SVP-Sünneli von «Schweizer Qualität». Wo denn die Wahlparty stattfände? «Oben im 1. Stock, einfach die Treppe hinauf. Jetzt könnt ihr feiern, jetzt können wir ja alle feiern! Gratulation!» Genau, denken wir uns. Es raucht und qualmt uns schon im Treppenhaus gewaltig entgegen. Wir öffnen die Tür, und paffend sitzen und stehen rund zehn Männer herum und unterhalten sich. Der Fernseher mit den Wahlergebnissen steht in einer Ecke. «Hoi, ich bin der Marcel», kommt ein grosser Mocken auf uns zu und streckt die Hand zum Gruss aus. «Setzt euch und trinkt etwas mit uns.»

Dass wir ausgerechnet hier, in Schwarzenbach SG, gelandet sind, hat nichts mit der namensgleichen AusländerInneninitiative von 1969 zu tun. Denn weder in Zürich noch in Bern oder Flims wird gefeiert. Weder das Ja-Komitee noch die SVP Schweiz und auch nicht die Kantonalparteien haben es geschafft, wenigstens einen Höck zu organisieren. Man könnte meinen, dass Herr und Frau Schweizer lieber daheim mit einem Bier darauf anstossen, dass sie es den AusländerInnen endlich mal gegeben haben. Gegen AusländerInnen ist man in den eigenen vier Wänden oder mit seinen neun Freunden vom «Dörflitreff». Da wird die Faust im Sack endlich einmal auf den Tisch gehauen.

Die neue Schulrätin

Im «Dörflitreff» sind die eidgenössischen Wahlresultate gar nicht so wichtig. Nach der allerersten Hochrechnung war die Sache ja schon gelaufen. Ein neuer Stumpen wird angezündet und an Kafi, Most und Panaché genippt. Der Fernseher zeigt weiter Grafik um Grafik, doch keiner schaut recht hin. Ich sitze neben Erwin Böhi, der aussieht wie Ottmar Hitzfeld. Als wir erzählen, dass wir von der WOZ sind, meint er: «Eure Zeitung ist gar nicht so schlecht, ich bestelle mir jeweils das Probeabo.» Während seiner Arbeit als IKRK-Delegierter hat er wohl gelernt, sich in Gesellschaft seifig auszudrücken. Beim Thema AusländerInnen zielt er, der zwanzig Jahre lang in Uganda, Angola und El Salvador, in Pakistan, Moldawien und Bosnien und noch anderswo lebte, während unseres Gesprächs nie unter die Gürtellinie. Er meint: «Eigentlich sind wir nur so viele hier, weil wir eine neue Schulrätin haben. Sie schaut dann auch noch vorbei.» Sein schnauzbewehrtes Gegenüber ergänzt: «Stimmt, manchmal sind wir auch nur zwei oder drei Leute an einem Wahlsonntag.» Böhi spricht denn auch weise: «Es macht ja auch mehr Spass an solchen Festen, wenn wir gewonnen haben. Ich schaue mir immer zuerst die ersten Hochrechnungen an, dann entscheide ich, ob ich komme.» Und plötzlich tritt Chantal Sutter-Haag in den Saal. Der Applaus der zehn Freunde erklingt. Dahinter steht die Tochter im Türrahmen. Im Rauch und unter diesen Männern fühlt sich das Mädchen augenscheinlich nicht sonderlich wohl. Mami gibt dem Kind Geld für Pommes Chips. Das Kind tritt ab. Bruno Scheiwiller, der ansässige Parteipräsident, übergibt stolz einen Blumenstrauss mit zwei mickrigen Blümchen und einer Menge Grünzeug. Später wird Scheiwiller überschwänglich erzählen: «Auf dem Latrinenweg, so wie das halt auf dem Land so zu- und hergeht, habe ich erfahren, dass die CVP-Kandidatin aus der Kirche ausgetreten ist. Da musste ich natürlich bei der Nomination dabei sein. Ich habe gewartet, bis keiner mehr eine Frage stellte, und wollte dann von ihr wissen, welcher Religion sie denn angehöre. Sie meinte, dass sie schon längst aus dem Verein ausgetreten wäre. Da gab es ein Raunen im CVP-Vorstand, und die Presse hat das natürlich sofort aufgeschnappt und weitererzählt.» Alle lachen, wir lachen freundlich mit.

Wenn es einen gibt, der sich vor uns so äussert wie wohl auch privat vor den Kollegen, dann ist das der Brunner Josef, heute Kantonsrat der SVP und Buschauffeur, früher in der Autopartei, noch früher Bergbauernsohn. Ein urchiger Typ mit Kühen in beiden Ohrläppchen. «Ich bin fünfzehn Jahre in ganz Europa herumgefahren, überall, auch in Jugoslawien. Vor dem Krieg noch. Und da habe ich einen Kafi Luz bestellt, den hab ich zahlen müssen. Und das Schnipo habe ich auch zahlen müssen. Und die meinen jetzt, sie kriegen hier in der Schweiz alles geschenkt. Das ärgert mich.» Ich schweife ab und frage mich, ob er nicht besser ein paar leckere serbische Würste gegessen hätte, aber da holt er mich aus den Gedanken zurück: «Ich bringe 4500 Franken im Monat nach Hause, und ein Studierter, der stempeln geht, kriegt 7000 Franken im Monat. Ist das gerecht? Das schürt doch den Hass.» «Natürlich ist das nicht gerecht, aber ...» «Die wollen doch gar nichts arbeiten, die haben es schön so.» Nach einem Weilchen fügt er an: «Aber ich bin so sozial, dass meine Freunde sagen, ich solle zur SP wechseln.» Sollte er wohl besser auch, denn wie ein guter Teil seiner SVP-FreundInnen im Saal geht er einer Arbeit nach, die mit Steuergeldern oder Gebühren finanziert wird. Die müssen wohl ständig aufpassen, dass sie sich in ihrem Eifer nicht grad ihre eigenen Jobs wegsparen.

Drogendealer und Minarett-Lukas

Als ein Schwarzer auf dem Bildschirm erscheint, macht jemand den Fernseher lauter. Er sei ein Drogendealer im Gefängnis, wird mir mitgeteilt. Einer ruft: «Da haben wirs. Endlich zeigen sie mal so einen Schwarzafrikaner. So einen Dealer.» «Das sind die, die Drogen an unsere Kinder verkaufen. Das sind doch Mörder!» Neben mir sitzt Lukas Reimann, auch er nach eigener Aussage ein Leser des «Le Monde diplomatique» und WOZ-Abonnent während zweier Jahre. Bekannt ist der junge Mann als Kopräsident von Young4FUN, den «Jungen für Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität». Daneben ist er auch Freund der Auns und Präsident der Jungen SVP St. Gallen. Als Hobby schreibt er gerne persönliche Erklärungen und Referate. So beispielsweise gerade über eine geplante Moschee in Wil SG mit dem sinnigen Titel «Minarett = Symbol der Eroberung!». In Anwesenheit von JournalistInnen hält er sich mit markigen Sprüchen lieber zurück, denn unkontrolliert reden heisst abgedruckt werden können. Und so relativiert er immer wieder die ihm zu heiklen Aussagen seines Kollegen, dem dicklichen jungen Mann neben ihm.

Nun wird es plötzlich spannend, die Resultate für den Kanton St. Gallen werden eingeblendet. Zweimal erscheint ein riesiger grüner Streifen und darauf ein langer roter. Alle jubeln kurz, als ob sie uns zeigen wollten, dass die Ortspartei sich nicht nur langweilen, sondern sich auch freuen kann. Einer hebt sogar kurz für den Fotografen den Daumen hoch. Das Gespräch wird lebhaft und der Fernseher wieder nebensächlich. Doch einer ruft bei der Einblendung des Schaffhauser Kantonswappens und eines weiteren langen grünen Balkens: «Schaffhausen, auch super!» Einer sagt zu ihm: «Das ist aber eine kantonale Vorlage.» Der Erste wird still und ist irritiert. Doch er hört weiter zu und schnappt ein «Einbürgerung erschwert» auf. «Erschwert, hört ihr, das ist gut.» Niemand hört mehr hin. «Erschwert. Erschwert ist gut», fügt er nochmals an. Dann nimmt er einen Schluck von seinem Most. Die Ersten haben sich bereits aufgemacht, so auch Theophil Pfister, der Nationalrat aus Wil, der in seiner Freizeit die Schweizer Meisterschaft im Traktorgeschicklichkeitsfahren und Schützenanlässe organisiert. Wir tun es ihm gleich, bedanken uns höflich für das offerierte Getränk und verabschieden uns.

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