Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Das dürfte böse enden

Im Roman «Falsche Filme» variiert er seine Themen weiter. Will heissen: die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, eine grundlegende Skepsis gegen Erzählkonventionen und die Bedrohlichkeit einer modernen Erfindung: Ferien.

Von Bettina Spoerri

Beharrlich, unbeirrt schreibt Bruno Steiger seit Jahren weiter. Für einen Schriftsteller wie ihn sind die Veränderungen in der Buchbranche, wo Verkaufszahlen vielerorts zu einem der wichtigsten Instrumente der Entscheidungsfindung gediehen sind, bedrohlich. Seine Prosa ist keineswegs leicht zugänglich, die Themen in seinen Texten sind weder direkt politisch aktuell noch spiegeln sie eine psychologische Verfasstheit einer Mehrheit wider. 1983 erschien Steigers Erstling «Der Panamakanal und der Panamakanal», es folgten, um nur die umfangreichsten Prosawerke zu nennen, acht weitere Bücher, mit denen Bruno Steiger eine ungewöhnliche Odyssee durch bisher sieben Verlage in der Schweiz, in Deutschland und Österreich durchgestanden hat: Benziger, Rowohlt, Howeg, Droschl, Residenz, Edition Patrick Frey, Nagel & Kimche. Immerhin wurde er doch, bei so vielen Wechseln und Unsicherheiten eine hilfreiche Gegenbewegung, relativ konstant von Pro Helvetia, der Stadt Zürich und anderen unterstützt.

Als könnte ihm der wachsende Eventlärm des Literaturbetriebs nichts anhaben, bleibt Bruno Steiger seinem Stil und seinen Anliegen treu. Auch sein neuer Roman «Falsche Filme» sperrt sich gegen Erzählkonventionen und Handlungsfixiertheit; Beschreibungen - meist Gegenstände und Räume, keine Menschen - sind immer noch befremdend-verfremdend, detailbesessen und bis zur Pedanterie exakt. Und noch immer ist eine mehrmalige, mindestens aber zweimalige Lektüre erforderlich, um in und zwischen die Textschichten einzudringen. Dies mag zuerst einmal mühsam sein, man weiss nicht so recht, woran man sich im Steiger’schen Wortdickicht halten soll, ist irritiert, vielleicht sogar verärgert, findet seinen Stil umständlich, elitär, aufgeblasen. So das Vorurteil gegen Steiger, das manche hinter Bescheidenheit verstecken: Ach, das verstehe ich ja doch nicht! Es lohnt sich aber - um dieses verdächtig ökonomisch klingende Verb zu benutzen -, nicht gleich aufzugeben.

Wo ist die Dienerin?

Steiger bietet uns keine einfachen Identifikationsfiguren an, und er erzählt nie linear. «Der geglückte Text ist, sage ich jetzt tatsächlich», schreibt er im Briefwechsel mit Felix Philipp Ingold, «die absolute Nullvariante, die nicht mehr an die Projektionen und Schiebereien irgendwelcher Verstehensmodelle appelliert.» (Die Briefe sind 1996 unter dem Titel «Unter sich» im Droschl-Verlag erschienen.)

Angesichts solcher Postulate zu fragen, wovon denn nun «Falsche Filme» handle, scheint unangebracht. Nichtsdestotrotz ein Versuch: Ein mittlerweile erwachsener Mann erinnert sich an seine Ferienreisen nach Italien. Ein Ehepaar Weidheim war meist dabei, Onkel Harry und Tante Edith, die Mutter des Jungen. Und die junge italienische «Dienerin», Hausangestellte und Kindermädchen in einem. Der Mann betrachtet die Schmalfilme, heute home movies genannt, und konfrontiert damit seine Erinnerungsfetzen, erinnert sich weiter, weiss irgendwann aber auch nicht mehr genau, wo seine Erinnerung in die Fiktion übergeht. Die Dienerin beispielsweise, gab es sie überhaupt? Sie ist nirgends auf den Filmbildern zu sehen: Weil sie hinter der Kamera stand? Auch die Briefe des Onkels, welche dieser aus Calais und Südengland schrieb, sind mehr Anlass zur Verunsicherung, als dass sie die Gedächtnissuche des Protagonisten unterstützen könnten. Der Text vollführt assoziative Sprünge, montiert und blendet Bilder mit- und übereinander, ebenso Situationen, Gesten und Gespräche aus Vergangenheit und Gegenwart. Der Mann ist zuletzt nicht mehr nach Zürich zurückgekehrt und scheint auch seine schriftstellerischen Ambitionen aufgegeben zu haben. Stattdessen verliebt er sich in Nervi, die Tochter eines anderen Möchtegernautors, und eröffnet mit seinem Freund Gianni in Genua eine Pizzeria.

Doch mit dieser Inhaltsangabe erfasst man nur einen Teil dieses Romans, den unwichtigeren. In Steigers Texten stehen Erzählbewegung, Sprache und die evozierten Stimmungen im Vordergrund. Brüche werden nicht zugekittet, Unsicherheiten nicht überbrückt und abschliessend geklärt. Die Figuren sind oftmals Schreibende, ein autobiografischer Zug, darüber hinaus aber ermöglichen sie mehrschichtige Spiegelungen innerhalb der Texte. Zuletzt reflektierte Steiger in «Erhöhter Blauanteil» (2004) durch die Überlegungen des Autors Steindorf hindurch dessen Lektüren und parodierte nebenbei mit subtiler Ironie die Absurditäten des Literaturbetriebs. Als Kostprobe die Reaktion eines Verlags auf sein Manuskript: «Man sei, las Steindorf, äusserst angetan von seiner Prosa, nur die Beschreibung der Blume im Schnabel des vor dem Fenster einer römischen Amtsstube auf und ab flatternden Vogels und der allzu ambitionierte Schluss müssten überarbeitet werden, doch das sei zu schaffen.»

«Mitten ins Unglück»

Ironische Brechungen, Fragmentarisierung, Wirklichkeitsverlust sind wiederkehrende Verfahren in Bruno Steigers Texten, ihnen begegnet man auch im jüngsten Roman. Die «falschen» Filme sind die Schmalfilme, die den Erinnerungsbildern des Ich-Erzählers gegenüber- und entgegenstehen. Sie lösen in ihm nicht verklärende Nostalgie und Sehnsucht nach unbeschwerten Bilderbuchferien aus, sondern einen Eindruck diffuser Angst, die er nie ganz losgeworden ist: «Noch in den ersten Jahren meines Erwachsenenlebens habe ich nie in Urlaub fahren können, ohne das Gefühl zu haben, es sei ein Aufbruch ins nicht mehr aufzuhaltende Wahrwerden einer unbestimmten Drohung. Ferien sind mir immer als Wagnis erschienen, das dürfte, sagte ich mir meist schon Tage vor der Abreise, böse enden, du fährst wahrscheinlich mitten ins Unglück hinein, wenn du in den Urlaub fährst.» Auch in einem seiner früheren Romane, «Der vierte Spiegel» (1998), sind die Campingferien an der belgischen Küste von Angstgefühlen des Erzählers geprägt. Das Misstrauen scheint aber beide Male nicht mit der räumlichen und psychologischen Enge temporärer Zwangsgemeinschaften zu tun zu haben. Vielmehr wurzelt es im Unbehagen gegenüber einem verordneten Ferienglück, das durch die bösen Ahnungen bereits als Illusion entlarvt und enttäuscht wird. Self-fulfilling prophecy also. Trotzdem weist der ironische Pizzaiolo in «Falsche Filme» weit entfernte Ähnlichkeiten mit Eichendorffs «Taugenichts» auf. Vieles geht ihm erstaunlich leicht von der Hand, die Liebe etwa, wahrscheinlich auch das Pizzabacken, und ein 200-seitiges Manuskript lässt er einfach in einen Abfalleimer fallen!

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