Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

«Wir brauchen neue Moden»

Die bisherigen Wachstumsmodelle sind nicht mehr zeitgemäss, sagt der ETH-Professor Eberhard Jochem. Und fordert mehr Musse, klügeren Konsum und einen ökonomischeren Umgang mit unseren Ressourcen.

Von Susan Boos

WOZ: Es kommen dramatische Zeiten auf uns zu, wenn man der Internationalen Energieagentur (IEA) glaubt. Im soeben publizierten «World Energy Outlook» geht die IEA davon aus, dass der Energiekonsum weiter steigt und bis 2030 55 Prozent mehr CO2 ausgestossen wird. Kollabiert das Klima – oder hat sich die IEA verrechnet?
Eberhard Jochem: Da liegt ein Missverständnis vor: Die IEA hat ein Referenzszenario vorgelegt, das besagt, der Energiebedarf steige bis 2030 um 55 Prozent. Es unterstellt, die Politik und die Menschen würden sich nicht ändern – das ist eine notwendige methodische Krücke. Aufgrund eines Referenzszenarios kann man erst Alternativszenarien entwickeln, in denen man dann unterstellt, dass sich Dinge ändern. Das Referenzszenario ist also keine Prognose, sondern nur eine Methode. Das Alternativszenario, das die IEA vorgelegt hat, kann man dann allerdings schon kritisieren.

Dieses geht davon aus, dass in den nächsten Jahren zahlreiche Atomkraftwerke gebaut und mehr erneuerbare Energie verwendet wird – trotzdem soll der CO2-Ausstoss um dreissig Prozent steigen. Was stimmt nicht an dieser Prognose?
In den OECD-Staaten – also den westlichen Industriestaaten – haben wir seit etwa fünfzig Jahren ein lineares Wachstum; pro Jahr und pro Kopf steigt das Einkommen etwa um 400 US-Dollar. Die IEA-Analytiker benutzen jedoch ein Wachstumsmodell, das aus den zwanziger Jahren stammt: Es versucht das Wachstum über Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes zu erklären, das ergibt dann ein exponentielles Wachstum. Mit diesem Modell wird das langfristige Wachstum überschätzt, und deshalb wird auch der künftige Energiebedarf unrealistisch hoch eingeschätzt. Es gibt aber noch einen zweiten Kritikpunkt am IEA-Alternativszenario: Es beachtet den technologischen Wandel – zum Beispiel die Energieeffizienz oder neue CO2-freie respektive - arme Energieträger - zu wenig. Auch berücksichtigt es kaum, dass sich Einstellung und Präferenzen der Bevölkerung und der Unternehmen ändern können.

Sie reden davon, dass sich das Verhalten der Leute und der Unternehmen ändert. Glauben Sie wirklich daran?
Ja, natürlich. Die Frage ist doch die: Wer macht Werte? Kann man sich vorstellen, dass die Wertemacher die Ziele und Präferenzen einzelner gesellschaftlicher Gruppen verändern? Wir haben ein schönes Beispiel aus den Niederlanden zu den A-Geräten, zu den energieeffizienten Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen oder Kühlschränke. Man wollte vor allem die jungen Leute erreichen und hat Filmsternchen gebeten, in Werbesendungen klarzumachen, dass nur der Kauf von A-Geräten cool sei und alles andere absoluter Schwachsinn. Es ist so gelungen, den Kauf von A-Geräten von dreissig auf achtzig Prozent anzuheben. Präferenzen lassen sich verändern – man ist einfach zu wenig kreativ. Wenn es der Skistockindustrie gelingt, mit dem Blödsinn des Nordic Walking die Umsätze massiv zu steigern, fragt man sich, wieso es mit Marketing nicht möglich sein soll, statt klimaschädlicher Offroader energieeffiziente Autos zu verkaufen. Das Sozialprestige muss doch künftig heissen: Man darf auf keinen Fall einen Offroader haben, weil das absolut gesellschafts- und zukunftschädigend ist. Es muss Mode werden, einen Mobilitätsvertrag zu besitzen – man holt sich immer nur das Auto, das man gerade braucht.

Aber die Industrie will Autos verkaufen. Weshalb soll sie ein Interesse haben, die Vorlieben der Leute zu verändern?
Sie machen eine Unterstellung: Vielleicht sollte die Autoindustrie Mobilität verkaufen statt Autos.

Dann würden weniger Autos verkauft ...
... aber vielleicht hocheffiziente. Es ist ja die Dienstleistung, die man braucht, nicht einfach das Auto. Ein privates Auto ist ja auch kein Fahrzeug, es ist ein Stehzeug: Es steht im Jahr 8500 Stunden und läuft nur 250 Stunden. Das ist eine riesige volkswirtschaftliche Verschwendung. Man muss diese Verschwendung der Strassenmobilität vermindern. Würde man statt fünf nur ein Auto produzieren, könnte das Unternehmen den Wert von zwei Autos für seine Geschäftstätigkeit nutzen – zum Beispiel den Wert eines Autos ins effizientere Auto stecken und den Wert des zweiten nicht verkauften Autos für die Dienstleistungen im Mobilitätsvertrag einsetzen. Der Wert von zwei weiteren Autos käme den Kunden zugute. So hätten die Unternehmen, die Konsumenten und die Volkswirtschaft eine Menge Ressourcen frei für andere Dinge.

Doch selbst die Gewerkschaften setzen aufs traditionelle Wirtschaftswachstum, weil sie besorgt sind um Arbeitsplätze. Liegen sie so falsch?
Ja – weil die Gewerkschaften gleich denken wie die heutigen Unternehmen. Sie müssten denken: Es ist ja nicht Ziel des Menschen, vierzig Stunden zu arbeiten. Das ist kein Naturgesetz. Der Mensch möchte einen angenehmen Lebensstandard – wenn er dafür nur 30 oder 25 Stunden arbeiten muss und sich die Dinge, die er zum Leben braucht, kaufen kann, ist das doch gut. Im Moment betreiben wir eine Zweiteilung der Gesellschaft: In vielen OECD-Staaten haben wir Arbeitslosigkeiten zwischen acht und zwölf Prozent – das heisst, zehn Prozent der Arbeitsfähigen werden durch die Arbeit der anderen mitfinanziert. Nimmt man noch die Arbeitsfähigen dazu, die in der Arbeitslosenstatistik gar nicht erfasst sind, haben wir mit Fortschreibung dieser Praxis schon bald die Situation, dass zwei Drittel der Arbeitsfähigen für ein Drittel der Arbeitsfähigen arbeiten. Das ergibt doch keinen Sinn, zumal in einer Gesellschaft, die sich über die Erwerbsarbeit definiert – und nicht auch über gemeinnützige Arbeit.

Die Arbeitsproduktivität steigt permanent. Wenn das Wirtschaftswachstum nicht grösser ist als die steigende Arbeitsproduktivität, bedeutet dies doch zwangsläufig mehr Arbeitslose?
Genau. Deshalb muss man die Dinge neu denken, die Erwerbsarbeit anders verteilen und der gemeinnützigen Arbeit einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert geben – und nicht dem Luxuskonsum.

Die Realität weist aber in eine andere Richtung: Die Leute, die Arbeit haben, arbeiten immer mehr, konsumieren mehr und kaufen immer schwerere Autos. Wie wollen Sie da die Kurve kriegen?
Es gibt zwei Punkte, die es schwer machen. Zum einen wird geleugnet, dass das tradierte Wachstumsmodell bei uns nicht mehr funktioniert. Zudem wurde mit der Globalisierung dieses Wachstumsmodell in die Schwellenländer getragen. Das führt zu einem grossen Warenaustausch und einem permanent verschärften Wettbewerb, der auf minimale Arbeitskosten abzielt. Und hier stellt sich die Frage nach einer gebremsten Globalisierung, aber auch nach einer besser durchdachten Arbeitsteilung. Ich gebe ein Beispiel: Ein Schweizer Ingenieur, der in Südostasien Kleinwasserkraftwerke baut, ist zu einem interessanten Ergebnis gekommen: Er lässt Schweizer Technologie in Indonesien produzieren – Turbinen für Kleinstkraftwerke, die hier nicht produziert und installiert würden, weil sie zu teuer wären. Jetzt werden sie in der Schweiz installiert. So erhält man in Indonesien einen Arbeitsgewinn und in der Schweiz einen Ressourcengewinn, den man sonst nicht erzielt hätte.

Und das soll reichen, um unser Energieproblem zu lösen?
Möglicherweise müssen wir auch von unserem hohen Lebensstandard etwas herunter. Es ist die Frage, ob wir es zulassen, dass die Gesellschaft zweigeteilt wird – oder ob wir eine solidarische Lösung innerhalb Europas und letztlich weltweit anstreben. Eine Familie, die heute so viel verdient wie die Durchschnittsfamilie der fünfziger Jahre, gälte nach heutigem Standard als arm. Ich kenne diese Familien gut und habe nicht den Eindruck, dass sie damals sehr traurig waren über ihren Zustand. Auf alle Fälle waren sie wesentlich kommunikativer und sozial besser integriert in ihre Nachbarschaft und an ihrem Arbeitsplatz. Es ist auch eine Frage der Selbstreflexion: Was ist eigentlich zum Leben notwendig? Was macht das Leben lebenswert? Was geisselt möglicherweise unseren Alltag? Wäre nicht etwas weniger Arbeit, etwas mehr Musse und weniger Konsum die angenehmere Lebensweise? Damit sind wir bei der Suffizienzdiskussion, die aber häufig zu ideologisch und zu wenig selbstkritisch geführt wird.

Wie meinen Sie das?
Wir verbinden unser Konsumniveau mit einem Anspruch – doch ist dieser vermeintliche Anspruch nichts anderes als das Ergebnis von Marketing und sozialen Zwängen. Wieso sollen wir diesen gemachten sozialen Zwängen, die uns zu hoher Arbeitsintensität verleiten, folgen? Wieso sollen wir uns diesem Druck der Marketingstrategen beugen?

Die Leute fürchten, Lebensqualität zu verlieren, wenn sie den Konsum einschränken. Also werden sie auch keine politischen Änderungen einfordern, solange sie den Klimawandel nicht erleben.
Mag sein, dass es sehr krisenhafte Entwicklungen braucht. Mag jedoch auch sein, dass vorher die Einsichten wachsen. Aber es stimmt, dass wir ein gravierendes neues gesellschaftliches Problem haben. Es geht um den – wie ich es nenne — schadenantizipierenden Wähler. Früher wurden Umweltkrisen dadurch bewältigt, dass die Leute die Umweltprobleme wie Luft- oder Gewässerverschmutzung zunächst wahrnahmen, dann Druck auf die Politik ausübten und die Politik dann handelte. Diese klassischen Immissionen verschwinden immer sehr schnell, zum Beispiel aus der Atmosphäre, wenn es das nächste Mal regnet. Man sah deshalb die Erfolge verminderter Umweltschäden relativ rasch.

Beim Klima ist es anders. Die Treibhausgase verweilen so lange in der Atmosphäre – beim CO2 etwa 120 Jahre –, dass der Wähler von der Politik Änderungen verlangen muss, bevor die Schäden sichtbar sind. Die heutige Klimaerwärmung kommt also auch von den CO2-Emissionen aus dem Jahr 1885 und den Methanemissionen aus dem Jahr 1965. Wenn der Wähler die klimapolitischen Forderungen erst spät stellt, hilft es nicht einmal, dass er sie dann stellt – weil aufgrund der langen Reaktionszeit der Schäden nicht einmal seine Enkel den Erfolg der politischen Reaktion erleben werden. Hier haben wir eine völlig neue Herausforderung an die Demokratie und die Unternehmen.

Die Politik tut sich grad damit schwer. Man hat zwar ein CO2 Gesetz, kann es aber nicht griffig umsetzen.
Das verstehe ich auch nicht. Der Klimarappen ist klar ein Ausweichmanöver und bringt gar nichts. Ich begreife auch nicht, weshalb ein Land wie die Schweiz, das selber keine Autos herstellt, den Import von klimaschädlichen Offroadern so leicht macht. Wieso gibt es nicht – ähnlich wie in Kalifornien – eine Gesetzgebung, die besagt: In fünf Jahren darf kein neues Auto schwerer sein als eine Tonne, es sei denn, es verbraucht pro hundert Kilometer weniger als sechs Liter, oder es werden 10000 Franken Importsteuer extra gezahlt. Dann kaufen halt einige Superreiche doch noch schwere Autos, aber sie grenzen sich sozial aus, weil das Importgesetz den Willen der Mehrheit signalisiert, den Klimawandel auch an dieser Stelle zu begrenzen.

Kommt also doch die Katastrophe, weil nichts getan wird?
Gut, Sie können sagen, die Gesellschaft oder die Schweiz ist krank. Na und? Die Europäische Kommission ist zum Beispiel zurzeit grad gesund und setzt energiepolitisch neue Rahmenbedingungen, die auch auf die Schweiz Auswirkungen haben werden. Die Schweiz verharrt derzeit in ihrer Selbstgefälligkeit. Wenn sie das weiter tut, werden in wenigen Jahren nicht mehr ihre Güter nach Europa gehen, sondern energieeffiziente Produkte aus Europa in die Schweiz eindringen. Oder China wird uns mit billigen, hocheffizienten Leuchten oder Fahrzeugen überschwemmen. Es ist vieles möglich, wenn man sich nicht einer Selbstlähmung hingibt.

Wie viel ist eine Kilowattstunde?

Energie wird in Joule, Kalorien oder Kilowattstunden (kWh) gemessen; Leistung (also der Umsatz von Energie pro Zeiteinheit) in Watt (W). Eine Kilowattstunde ist die Energiemenge, die ein Tausendwattgerät (zum Beispiel ein kleiner Föhn) in einer Stunde verbraucht. Eine kWh Strom kostet heute im Niedertarif für Privatkunden rund neun Rappen (billigstes Angebot bei EWZ), im Hochtarif das Doppelte.

Eine kWh Energie reicht theoretisch aus, um einen Zehnkilogrammrucksack viermal von Meereshöhe auf den Mount-Everest-Gipfel zu heben. Der Radprofi Jan Ullrich fuhr 1997 – vielleicht gedopt, vielleicht auch nicht – in 38 Minuten und 22 Sekunden auf die Alpe d’Huez. Seine Durchschnittsleistung betrug 484 Watt (Marco Pantani war damals schneller, wog aber weniger und leistete deshalb nur 470 Watt). Wäre Ullrich auf einem Ergometer gesessen, der mit einem Dynamo versehen ist, so hätte er mit derselben Leistung in 38 Minuten Strom im Wert von sechs Rappen (Niedertarif: drei Rappen) produziert. Weniger trainierte Menschen vermögen etwa 100 Watt zu leisten. 1 kWh entspricht also zehn Stunden harter körperlicher Arbeit; ein Pferd (1 PS = 736 W) setzt dieselbe Energiemenge in achtzig Minuten um. Noch vor hundert Jahren hatte der Energiepreis eine ähnliche Grössenordnung wie menschliche Arbeit: 1 kWh Energie kostete die Industrie so viel wie vier Stundenlöhne.

Bis vor zweihundert Jahren war Muskelkraft – von Menschen und Tieren – praktisch die einzige Quelle für Bewegungsenergie. Dass die Abschaffung der Sklaverei in die Zeit der Entdeckung fossiler Brennstoffe fällt, ist kein Zufall. Bis zum Jahr 1800 standen für gigantische Bauprojekte, an denen Zehntausende ArbeiterInnen beteiligt waren, einige hundert Kilowatt oder allenfalls wenige Megawatt (MW) zur Verfügung. Ein Feldherr mit einer Armee von 10000 Mann verfügte über die gleiche Leistung wie der Kommandant eines modernen T-80-Kampfpanzers.

Der Weltenergiekonsum beträgt heute rund 2000 Watt pro Kopf. Das bedeutet, dass jeder Mensch im Schnitt die Energie von zwanzig Arbeitssklaven verbraucht, die nonstop arbeiten (oder sechzig Sklaven im Achtstundenschichtbetrieb). In der Schweiz beträgt der Verbrauch rund 6000, in den USA 7500 Watt pro Kopf.

Der Umwelthistoriker John McNeill schätzt, dass im 20. Jahrhundert weltweit zehnmal mehr Energie verbraucht wurde als in den tausend Jahren vor 1900 und vermutlich mehr als in der gesamten Menschheitsgeschichte. Von 1800 bis 1900 verfünffachte sich der Energieverbrauch, im 20. Jahrhundert stieg er noch einmal um das Sechzehnfache.

Allein an Erdöl verbraucht die Welt heute täglich 80 Millionen Fass (13 Milliarden Liter). Füllte man diese Menge in Tankwagen, ergäbe sich ein Zug von 2500 Kilometern Länge – etwa die Distanz von Zürich nach Moskau.

Marcel Hänggi

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