Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Ein Gipfel für die Katz

Die Unterzeichnerstaaten des Kioto-Protokolls wissen um die Brisanz des Themas. Ändern tun sie trotzdem nichts.

Von Andreas Zumach, Genf

Rund 6000 DiplomatInnen aus 189 Ländern sind am ersten Novemberwochenende mit dem Flugzeug für vierzehn Tage nach Nairobi gereist. In den zwei Wochen während der Uno-Klimakonferenz wohnen sie in den teuersten Hotels der kenianischen Hauptstadt und lassen sich - zum Teil mehrmals täglich - mit Autos der gehobenen, Sprit fressenden Klasse zum Hauptquartier der Uno-Umweltorganisation (UNEP) chauffieren.

Die Energiebilanz des ersten internationalen Klimagipfels auf afrikanischem Boden ist verheerend, die verursachten Emissionen von klimaschädlichen Kohlendioxiden (CO2) erheblich. All das wäre kaum erwähnenswert, hätte diese Zusammenkunft greifbare Ergebnisse gebracht. Das ist aber nicht der Fall. In Nairobi gelang nicht einmal eine Einigung auf ein Verhandlungsmandat über ein Folgeabkommen für das Kioto-Protokoll, das im Jahr 2012 ausläuft. In diesem Protokoll hatten sich 41 Industriestaaten der nördlichen Hemisphäre darauf verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2012 um durchschnittlich fünf Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Das war ohnehin ein bescheidenes und unzulängliches Ziel. Denn bereits seit Anfang der neunziger Jahre liegen wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und der Klimaerwärmung sowie über deren ökologische Folgen vor.

Das für die Erforschung des Klimawandels weltweit wichtigste Gremium, der International Climate Change Panel (ICCP), hatte schon 1992 Klartext gesprochen: Es gelte eine Klimaerwärmung mit katastrophalen Folgen für die globale Umwelt im 21. Jahrhundert zu verhindern. Dazu sei es notwendig, den CO2-Ausstoss von 1990 bis zum Jahr 2005 um sechzig Prozent zu verringern. Das stand im ersten ICCP-Bericht, der an der grossen Umwelt- und Entwicklungskonferenz (UNCED) der Uno in Rio de Janeiro im Jahre 1992 veröffentlicht worden war.

Doch in den vierzehn Jahren seit der UNCED und dem ersten ICCP-Bericht sowie den sieben Jahren seit Vereinbarung des Kioto-Protokolls ist die Menschheit mit ihrem wichtigsten Projekt, nämlich eine Klimakatastrophe abzuwenden, keinen Zentimeter vorangekommen. Der Ausstoss des Klimakillers Kohlendioxid steigt weltweit. Die Internationale Energieagentur prognostiziert einen weiteren Anstieg um 30, wenn nicht gar 55 Prozent bis zum Jahre 2030 (vgl. Seite 26). Inzwischen hat die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre den höchsten Wert seit der Warmzeit des mittleren Pliozäns vor 3,5 Millionen Jahren erreicht. Der bei weitem schnellste und stärkste Anstieg fand Mitte des 19. Jahrhunderts in Folge der industriellen Revolution in Europa und Nordamerika statt.

Zu welchen Themen auch immer internationale Konferenzen abgehalten werden, nirgends ist die Kluft zwischen dem Wissen um die Brisanz des Problems und dem völlig unzureichenden Handeln heute so gross wie bei der Klimaerwärmung. Die Frustration über nutzlose Gipfeltreffen ist daher verständlich. Notwendig ist auch die scharfe, öffentliche Kritik an den Erdöl-, Auto- und Energiekonzernen. Sie blockieren mit ihrer engstirnigen, nur auf kurzfristige Profitmaximierung orientierten Haltung eine fortschrittlichere Klima-, Energie-, Umwelt- und Verkehrspolitik vieler Regierungen.

Doch es wäre zu bequem, es bei Frustration und Kritik zu belassen. Denn jedeR Einzelne kann etwas für den Klimaschutz tun. Zum Beispiel kann er oder sie sich - wo dies möglich ist - für Ökostrom entscheiden. Schon heute kann man klimakillerfrei fernsehen, Tee kochen und im Internet surfen. Ein Wechsel zu Ökostrom ist also durchaus auch ein Beitrag zur Rettung der Welt.

Doch wie gross die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln bei BürgerInnen und KonsumentInnen ist, zeigt unter anderem das Beispiel Deutschland: Vor der Liberalisierung des Strommarktes Ende der neunziger Jahre hatten sechzig Prozent der Bevölkerung erklärt, sie wollten auf Ökostrom aus Sonne, Wind und anderen nachhaltigen Energieträgern umsteigen - und dazu notfalls auch von den vier Energiekonzernen Eon, RWE, Vattenfall und Badenwerk, die den Markt bis zur Liberalisierung unter sich aufgeteilt hatten, zu anderen Stromanbietern wechseln. Hätte sich nur die Hälfte daran gehalten, würden Vattenfall und RWE heute keine neuen Braunkohlekraftwerke planen und bauen, und Eon - mit 56 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2005 der weltgrösste private Energiedienstleister - hätte längst weitere Windenergieanlagen ans Netz nehmen müssen. Und auch den Druck für eine «Renaissance der - angeblich umweltfreundlichen - Atomenergie» hätte es zumindest in diesem Ausmass nicht gegeben. Tatsächlich sind bislang nur 0,5 Prozent der Deutschen auf Ökostrom umgestiegen. In der Schweiz sieht die Situation nur wenig besser aus.

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