Nr. 49/2006 vom 07.12.2006

Frei und ängstlich

Nach dem Abrauschen der New Economy formiert sich im Internet eine neue Generation der Selbstständigen. Wie sieht es in dieser Arbeitswelt aus?

Von Julian Weber, Hamburg

Noch ein Jahr gibt sich die Zürcherin Esther Kern Zeit, dann muss ihre Internetseite www.waskochen.ch so viel einbringen, dass sie davon leben kann. Im Moment subventioniert die 37-Jährige ihre Arbeit noch mit Geld, das sie als Aushilfe in anderen Jobs verdient. Die Journalistin hat sich 2002 zusammen mit einigen FreundInnen selbstständig gemacht. Ihre Homepage ist als virtuelles Alltagskochbuch angelegt. Kern und ihr Team besuchen jeweils Privatpersonen und filmen diese bei der Zubereitung eines Gerichts in der eigenen Küche. Film und Rezept stellen sie hernach auf die Internetseite, zugänglich für alle. Dazu gibt es dezente Sponsorenhinweise, einfache Kochtipps, Wissenswertes über Zutaten und aktuelle Nachrichten, die via Newsletter mitgeteilt werden.

Wie zu Zeiten des Eisenbahnbaus

«Ende der neunziger Jahre, zu Zeiten der New Economy, sah alles noch anders aus», sagt Kern, «damals gab es jede Menge Geld, aber nur für hochfliegende Ideen. Auf den Internetseiten flashten irgendwelche Animationen, aber niemand konnte im Alltag etwas damit anfangen.» Was im erweiterten Freundeskreis von Esther Kern anfing, hat sich inzwischen zu einer virtuellen Gemeinde multipliziert. Sie ist stark vernetzt und hilft sich - entsprechend den Theorien über das Web 2.0 als soziale Einheit - auch gegenseitig weiter.

«Die Individualisierung, welche die der wichtigste gesellschaftliche Trend des 20. Jahrhunderts war, könnte im 21. Jahrhundert erst ihre eigentliche Qualität offenbaren: indem Individuen ihre Individualität nicht mehr nur über den Konsum, sondern auch darüber entfalten, was, wann und wie sie arbeiten.» Diese Worte stammen von den Berliner Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo. In ihrem jüngst erschienenen Buch «Wir nennen es Arbeit» präsentieren sie auch Zahlen. Zahlen, die verdeutlichen, dass immer mehr Menschen im postindustriellen Zeitalter aus den Anforderungskriterien für eine Festanstellung herausfallen und trotz guter Ausbildung ohne geregeltes Einkommen bleiben. Die Zahlen in Deutschland: Zwischen 1989 und 1997 ist der Anteil der jährlich circa 200000 HochschulabsolventInnen, die eine feste Arbeitsstelle finden, um 13 Prozent zurückgegangen. Jüngere erhebungen stimmen auch nicht optimistisch: Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl derjenigen, die nach Abschluss anstatt einer Festanstellung nur einen Praktikumsjob erhalten, im Jahr 2004 gegenüber 1999 um 141 Prozent gestiegen.

Manche haben die Idee, für eine Firma zu arbeiten, ganz aufgegeben und versuchen sich als Selbstständige. So stieg laut einer Schätzung der deutschen Bundesregierung die Zahl der Erwerbstätigen alleine im Kultur- und Mediensektor von 184000 (1995) auf 780000 Personen (2003), fast die Hälfte davon ist selbstständig.

Der Begriff «postindustriell» mag in diesem Zusammenhang seltsam erscheinen. Was in den letzten Jahren an rasanten Veränderungen allgemein und an Abbau im Speziellen vollzogen wurde, erinnert eher an die Zeit des Eisenbahnbaus. Vollbeschäftigung, soziale Marktwirtschaft und geradlinige Karrierewege waren gestern; heute dominieren auf dem deutschen Arbeitsmarkt Konkurrenzdruck und Verarmungsängste ganz extrem: Hier werden unbezahlte Praktika und flexible Arbeitsplatzwechsel selbstverständlich hingenommen. Tausende befinden sich hier in Praktikaschleifen, sie arbeiten für einen Hungerlohn oder für gar keinen, ohne Aussicht auf einen festen Vertrag und ohne jede soziale Absicherung. «Eine eigene Existenz aufbauen» klingt dagegen noch fast solide, auch wenn die Einkünfte aus selbstständiger Arbeit in den meisten Fällen gerade eben das Existenzminimum übersteigen. Ist diese Selbstständigkeit eine echte Alternative zum geregelten Arbeitsvertrag? Wie steht es dabei um die Lebensqualität?

Natürlich gibt es Selbstständige nicht erst seit der Ankunft von Computern und Internet. Das Netz als Mikroökonomie hat ihre Möglichkeiten nur vervielfacht. Dem lärmigen Ende der New Economy zum Trotz vermittelt das Internet inzwischen wieder das Bild eines geschäftigen Ameisenhaufens, ein bisschen wie Grossbritannien in den fünfziger Jahren, als es die «nation of shopkeepers», die Nation der LadenbesitzerInnen war. Aber verdient, wer heute eine Seite ins Netz stellt, morgen Geld?

So schnell ging das bei Helmut Hamm nicht. Vor dreizehn Jahren, also schon vor den Internetzeiten, eröffnete er einen Spezialversand für Filmposter, vor drei Jahren mietete er zusätzlich einen kleinen Laden im Berliner Bezirk Kreuzberg an, in dem er seine Poster verkauft. Wichtiger als sein Laden ist aber der grosse Kundenstamm, den Helmut Hamm im Lauf der Zeit aufgebaut hat. Zwar profitierte er bereits vor dem Internet von StammkundInnen und Handelsbeziehungen, aber die Vermarktung war damals umständlicher: Während Hamm zu jener Zeit in Sammlermagazinen inserierte, gibt es heute zur Eigenwerbung nur noch seine Internetseite www.filmposter.net. Durch diese Webpräsenz hat sich die Kunde von den Plakaten überallhin verbreitet.

Nur für Privilegierte?

Hamm hat bis 1993 in einem grossen Konzern Windkraftanlagen entworfen, die Sechzig-Stunden-Arbeitswoche war keine Seltenheit. Diese Anstellung hat der 42-Jährige aus freien Stücken gekündigt, als er, wie er sagt, Entscheidungen mittragen musste, die gegen seinen Willen gefällt wurden. Nun trifft er die Entscheidungen selbst. Sein Posterladen floriert, hat aber nur drei Stunden pro Tag geöffnet. Das Magengeschwür blieb bis jetzt aus, Hamm lebt von seinem Hobby, kauft und verkauft Filmplakate. Er arbeitet heute weniger, verdient auch weniger Geld, ist dafür aber zufriedener, wie er sagt. Bleibt selbstständiges Arbeiten nur ein paar Privilegierten vorbehalten?

Buchautor Holm Friebe bejaht diese Frage. Für ihn ist selbstbestimmtes Arbeiten «ein voraussetzungsreiches Modell, das mit Bildung zu tun hat, mehr als mit familiärer Herkunft und mit Beziehungsnetzwerken. Es kann nicht für alle erfolgreich sein, aber für mehr Menschen, als es sich bis heute zutrauen.» Um sie zu überzeugen, aber auch ein bisschen für sich selbst, hat Friebe zusammen mit Sascha Lobo «Wir nennen es Arbeit» verfasst. Es belebt eine alte Diskussion. Das Buch beschreibt ein Milieu, in dem Geld «nebenher» verdient wird, in «virtuellen Firmen», wo sich die Menschen «Jobs gegenseitig zuschieben». «Wir nennen es Arbeit» liest sich wie ein Do-it-yourself-Handbuch, ohne jede Erfolgsgarantie. «Berlin ist als Entstehungsort wichtig, weil der Konkurrenzdruck hier besonders gross ist. Aber wir kennen auch Leute, die genau das Gleiche machen wie wir, ob in Zürich oder anderswo», sagt Friebe. Die alte These vom selbstbestimmten Arbeiten, das glücklich macht, wird von den Autoren wieder ausgebreitet. Es geht ihnen aber nicht um fröhliches Einzelkämpfertum, Friebe und Lobo sehen «freiwillige Gemeinschaften jenseits der bürgerlichen Sphären von Nation, Unternehmen und Familie». Gemeinsam ist ihnen allen die «Währung Respekt», mit der sich kreativ arbeiten lässt und die ihnen Zugang zu neuen Märkten erschliesst. Respekt ersetzt in diesem Falle zwar nicht den Lohn, denn die Bezahlung für das Geleistete ist oft nur symbolisch. Der wahre Lohn aber sei Anerkennung, die sich vielleicht einmal in Profit ummünzen lasse. Nicht berücksichtigt werden im Buch die arbeitsrechtliche Situation der Selbstständigen und die Frage, ob sich diese ArbeiterInnen jemals organisiert werden solidarisieren können. Die Arbeit, die in diesem Sektor geleistet wird, nennt Friebe «eine Form von Produktion, meist dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht kapitalintensiv ist und von einer Person oder einer kleinen Gruppe bewerkstelligt werden kann». Geschaffen werden völlig unterschiedliche Produkte, von bemalten Lichtschaltern bis hin zu virtuellen Aktien für Computerspiele. Nur die Organisation findet ausserhalb bestehender (Unternehmens-)Strukturen statt. Beide Autoren sind an solchen Strukturen bereits gescheitert. Am Ende der New Economy, 2001, kreuzten sich die Wege von Friebe und Lobo, als der eine seinen Job bei einer Hamburger Unternehmensberatung frustriert hingeschmissen hatte, der andere eine Werbeagentur mit dreissig MitarbeiterInnen an die Wand fuhr. Im Internetforum www.hoeflichepaparazzi.de lasen sie Texte voneinander. Mit anderen gründeten sie dann die Zentrale Intelligenz Agentur und beschlossen, ihre Fähigkeiten in einer gemeinsamen Firma zu bündeln.

«Wir nennen es Arbeit» heisst im Untertitel etwas glamourös «Die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung.» Als Bohemiens inszenieren sich die beiden Berliner auch, plaudern ein bisschen m Jargon von Businessgurus und werfen mit Namen und Fachbegriffen nur so um sich. Hinter Tischböcken sitzend, über die eine alte Matratze als improvisierte Tischplatte gestülpt ist, hantieren die beiden im Zigaretten- und Bierdunst mit ihrem portablen Computer, der in regelmässigen Abständen Grafiken und Fotos an die Wand wirft. Friebe und Lobo, Letzterer ganz der Werbepunk mit rotem Irokesenhaarschnitt und Jackett, wissen Wundersames aus der Welt des Web 2.0 zu berichten, und um Theorien über die neue kreative Klasse der Selbstständigen sind sie ohnehin nicht verlegen. Neoliberalismus-Sympathien verneinen sie kategorisch. Spontaneität hingegen halten die Autoren hoch. Sie sei das Hauptattribut der traditionellen Boheme. Spontaneität sei hilfreich dabei gewesen, den chronischen Geldmangel zu überwinden. Während die Boheme früherer Tage mit Pinsel, Schreibmaschine oder Gitarre kulturellen «Content» produziert habe und im Endeffekt meist andere das grosse Geld damit verdienten, habe die digitale Boheme Technik- und Marketingfeindlichkeit abgelegt. «Selbstvermarktung hat durchaus emanzipatorisches Potenzial», sagt Friebe. Und verändere den Markt, wie das Beispiel des Buchmarktes zeige. Hier habe die Digitalisierung nicht etwa zu einer Monopolisierung von Angebot und Nachfrage geführt, sondern zu Diversifikation: BuchhändlerInnen und Kleinstverlage böten ihre höchst unterschiedlichen, teils absurden Sortimente mit einfachsten Mitteln an - und würden damit Geld verdienen. Oder das Beispiel des Internetwitzbolds: Er stellt sich auf seiner Internetseite immer wieder neu als Leiche dar und ist inzwischen in Hollywood angelangt, wo er nun regelmässig als Filmleiche gebucht wird, liest man im Buch. «Wir nennen es Arbeit» geht mit dem Thema Arbeit überhaupt recht sorglos um. «Don’t call us, we don’t call you» steht auf der Homepage der beiden Autoren als Motto. Ihr Buch schreiben sie dort unter Einbeziehung aller Kritiken stetig weiter.

«Unser Entwurf ist das Gegenteil von Kulturpessimismus», sagt Friebe. «Um überhaupt schreiben zu können, haben wir uns von gewissen Dingen frei gemacht. Von Thesen beispielsweise, wonach alles in der Welt der Arbeit immer schlimmer wird.» Die These der Autoren lautet dagegen: Alles nicht so schlimm, wir legen erst los und schauen später auf die Ergebnisse. Ein Resultat der digitalen Revolution sei, dass sich immer mehr Menschen Vertriebskanäle erschlossen haben, mit denen vorher andere Geschäfte machten. Als Beispiel führen sie die englische Band Arctic Monkeys an, die einen Song ins Netz stellten, der so beliebt wurde, dass grosse Plattenfirmen auf die Band aufmerksam wurden. Von ihrem Debütalbum verkaufte sie am ersten Tag 118 000 Exemplare. Freier Zugang zum Internet habe die Handlungsspielräume für Selbstständige spürbar erweitert, behauptet Friebe. Nur wie lange haben solche Freiräume Bestand?

Und wie lange dauern Aufbauphasen-Durststrecken? Esther Kern ist optimistisch, dass sie ihr Ziel, mit www.waskochen.ch binnen absehbarer Zeit genügend Geld zu verdienen, erreicht. Die Entscheidung zur eigenen Homepage und zur damit verbundenen Selbstständigkeit bedauert sie bis heute nicht, «aber das Glück hat auch seine Schattenseiten». Die Freiheit, das zu arbeiten, was sie will, hat ihr neben Freiräumen auch jede Menge Existenzängste beschert. Und «Megastress», den ihr die Arbeit regelmässig bereitet. Manchmal wünscht sie sich einen Boss zurück, der ihr wichtige Entscheidungen abnimmt. Helmut Hamm empfindet die selbstständige Arbeit im Zeitalter des Internet ebenfalls als zwiespältige Angelegenheit. Die Kommunikation mit Kundinnen und Händlern sei dadurch nicht besser geworden und die Bewegungsfreiheit sogar kleiner. Der virtuelle Filmplakateladen halte ihn zwar permanent auf Trab, dabei sei er aber örtlich gefangen nämlich vor seinem Computer.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Frei und ängstlich aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr