Nr. 49/2006 vom 07.12.2006

Alles begann mit Little Richard

Viele nennen ihn den besten DJ aller Zeiten. Nun sind die Memoiren des englischen Radiomoderators erschienen.

Von Suzanne Zahnd

Der 2004 verstorbene John Peel ist für das Popradio etwa das, was Hunter S. Thompson für den New Journalism war. Er hatte eine untrügliche Nase für grossartige Popmusik, und er gilt als Entdecker nahezu jeder Band, die in den letzten dreissig Jahren Relevantes hervorgebracht hat. Natürlich hat ein Radio-DJ kein Vermächtnis im Sinne eines Werkes, aber John Peel war von derart eminenter Wichtigkeit für den Siegeszug einer neuen Musiksprache und die Etablierung komplett neuer Hörgewohnheiten, dass es niemand seltsam fand, als ihm der «New Musical Express», das wichtigste Organ der englischen Musikpresse, den «Godlike Genius Award» verlieh. John Peel war der beste DJ aller Zeiten, obwohl es ihm regelmässig passierte, dass er die Platten mit falscher Geschwindigkeit abspielte.

Einstiegsdrogen

Peel wurde als John Ravenscroft 1939 in Heswall in der Nähe von Liverpool geboren und durchlief eine klassische englische Erziehung inklusive Kindermädchen und Internate mit fragwürdigen Zuchtmethoden, in denen er Schlimmes erdulden musste, bis hin zum sexuellen Missbrauch. Sein Vater pflegte John als «Idiot der Familie» vorzustellen.

«Als ich mit dreizehn das erste Mal ohne jede Vorwarnung Little Richard schreien hörte, klang das so wild, so exzessiv, dass ich echte Angst hatte, auf der Stelle wahnsinnig zu werden. Im Grunde ist es diese Erfahrung, auf die ich noch heute jedes Mal hoffe, wenn ich eine Platte auflege.» Die Einstiegsdrogen für seine lebenslängliche Abhängigkeit von neuartiger, eigenständiger Popmusik waren die in den fünfziger Jahren üblichen Verdächtigen: Elvis Presley, Duane Eddy, Bobby Darin, Gene Vincent und Eddie Cochran, allen voran aber die Skiffle-Legende Lonnie Donegan. Mit seiner aufkeimenden Musikliebhaberei wurde John Peel aus seinem Herkunftsumfeld buchstäblich herauskatapultiert.

Papa Ravenscroft schickte seinen Sohn, von dem er nach einem miserablen Abschlusszeugnis nach zweijähriger Militärausbildung ohnehin nicht mehr viel erwartete, 1962 nach Texas, wo John bei der Baumwollbörse unterkam und dann erste Radioerfahrungen beim Sender WRR machte. Er blieb bis 1967 in den USA, wo er in verschiedenen Städten bei verschiedenen Sendern zugange war. Zurück in London, wollte er das in Amerika längst gängige DJ-Radio in England durchsetzen. Da dies im staatlichen Sender undenkbar war, stieg er bei Radio London ein, einem Piratenradio, das von einem Schiff aus sendete. Seine Show «The Perfumed Garden» spielte, nomen est omen, vor allem Psychedelisches und machte Furore. Die öffentlich-rechtliche BBC kam unter Zugzwang und Peel wechselte zu Radio One, wo er eine eigene Late-Night-Show - «Top Gear»- erhielt. Bei seinen alten Kumpels galt er deshalb als Verräter, was ihn sehr schmerzte. Ausgerechnet bei der BBC realisierte er bis zu seinem Tod Hunderte von Shows mit einem treffsicheren Instinkt für Avantgardistisches und Wegweisendes. Besonders hervorzuheben sind dabei die ungezählten «Peel Sessions», für die er MusikerInnen und Bands, die er mochte, zu sich ins Studio einlud und sie unplugged aufnahm. Jüngstes Zeugnis ist die ausgesprochen empfehlenswerte CD, auf der PJ Harvey die Highlights ihrer Peel-Sessions aus den Jahren 1991 bis 2004 vereint.

Der Mann, der weint

Ein Radiomoderator muss die Popmusik aufrichtig lieben, damit sie ihn zurückliebt und sich ihm offenbart. Sonst ist er nur ein Geck, der gerne seine eigene Stimme hört. Peel hat immer Personality-Radio gemacht, aber mit so viel Understatement, dass die Musik stets im Mittelpunkt blieb und sich seiner sonoren Stimme anschmiegte. Das Revolutionäre an den ersten Radio-DJs war ja, dass sie Techniker, Redakteur und Moderator in Personalunion waren und damit in der Lage, eine Sendung vollumfänglich zu gestalten, ja sogar noch während der Ausstrahlung spontan umzugestalten. So gehen Legenden wie etwa die, dass John Peel während einer Sendung einmal beiläufig erwähnt habe, er sei hungrig. Fünf Minuten später habe der damals völlig unbekannte Billy Bragg auf der Matte gestanden mit einem Biryani und seiner ersten Platte unterm Arm.

Peel sinniert in seinen Memoiren locker mal über fünf Seiten hinweg über einen Song. Nur: Wenn Peel zum Beispiel zwei Stücke, die ohnehin kaum einer kennt, am Radio miteinander verglich und daraus allerhand Schlüsse zog, so spielte er dazu die Songs, und der Hörer war unabhängig von seinen eigenen Kenntnissen in der Lage, diese Gedankengänge nachzuvollziehen. Im Buch ist das natürlich nur Eingeweihten möglich. Aber das ist nicht das Hauptproblem dieser Memoiren.

Ein Rest Althippietum

Es wird zwar beschrieben, wie John Peel seine Chefs wiederholt ausgetrickst hat, wenn die wieder mal nach leicht konsumierbarer Musik schrien, sonst aber wird Radio fast ausschliesslich anekdotisch verhandelt, sowohl von Peel selbst, der den ersten Teil verfasst hat, als auch von seiner Frau Sheila - «The Pig» - und den vier gemeinsamen Kindern, die den zweiten Teil nach Peels Tod geschrieben haben. Damit verpufft das kultur- und medienpolitische Gewicht, das diesen Aufzeichnungen eigentlich innewohnt. John Peels Karriere entlang liesse sich nämlich problemlos Aufstieg und Fall des Popradios nachzeichnen, und dieser war in England quasi identisch mit dem um fünf Jahre hinterherhinkenden restlichen Europa. Der Weg von der Anfangseuphorie des DJ-Radios und seinen fast grenzenlosen Freiheiten bis zur sogenannten «Hörerfreundlichkeit», wie wir sie heute kennen, war ein langer und für MusikliebhaberInnen gewiss ein bitterer.

Hingegen erfährt man viel über den Privatmann Peel: Ein bescheidener älterer Herr mit einem Rest Althippietum im Blut, der mangelnden Respekt vor Prominenten als essenzielle Geisteshaltung erachtete und der sich von seinen netten Nachbarn wohl in erster Linie dadurch unterschied, dass er den Haushalt mit Tonträgern vollgestellt hatte. Für Peel-Fans und Radionostalgiker ist es absolut vergnüglich zu lesen, wie aus dem «Jungen, der niemals weint» «der Mann, der keine gute Gelegenheit auslässt, loszuheulen» wird. Sicherlich auch für einen Laien. Aber wenn Letzterer verstehen möchte, was John Peel tatsächlich geleistet hat, bekommt er in dieser Biografie wohl kaum Antworten. Und alle miteinander werden wir nie erfahren, mittels welches Vorgehens der grosse Peel seine Programme zusammengestellt hat. Mist aber auch!

 

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