Nr. 01/2007 vom 04.01.2007

Biblisch geplagt

Nach einem warmen Hochmittelalter begann das Wetter ab 1300 verrückt zu spielen. Bis heute sorgt die Interpretation dieser Entwicklungen für rote Köpfe.

Von Roland Fischer

«In demselben Jahr ist bei der Stadt Würzburg und in den benachbarten Gebieten eine ungeheure und erstaunliche Menge an Heuschrecken von riesenhafter Grösse gesehen worden, die die Frucht des Bodens in den meisten Orten abfrassen, aber die Weinberge nicht beschädigten, einige Städte für einige Tage bedeckten, dass in ihnen die Sonne ihre Strahlen nicht zu Boden werfen konnte», berichtet ein Chronist über das Jahr 1338, als grosse Schwärme Heuschre-cken aus dem Osten kommend über Bayern und Schwaben Richtung Rhein zogen und sich an der reifenden Ernte gütlich taten. Die Insekten wurden erst durch einen frühen Schneeeinbruch Mitte Oktober kalt erwischt - ebenso wie die Weinbauern, die mit der Lese noch nicht begonnen hatten. Die Heuschrecken sind die biblische Plage par excellence (die fünfte Posaune der Apokalypse), doch das Jahrhundert wurde von vielen Plagen ein ums andere Mal heimgesucht.

«Es war das schlimmste Jahrhundert der letzten tausend Jahre», sagt Christian Pfister, Umwelthistoriker an der Uni Bern. Eine derartige Summation von exogenen Faktoren - Verheerungen, für die der Mensch keine Verantwortung trägt; höhere Gewalt, würde man heute sagen - sei in der neueren Geschichte unerreicht. Zu Unwettern und Agrarkrisen gesellte sich auch noch die Pest, das schlimmste Unheil seinerzeit.

Aber immer wieder war es das Wetter, das den Menschen in Mitteleuropa vor gut siebenhundert Jahren das Leben schwer machte. Das 14. Jahrhundert stand im Zeichen einer grossen klimatischen Umwälzung, einer Klimaverschlechterung an breiter Front. Vorangegangen war eine Warmperiode, die einige hundert Jahre angedauert hatte (etwa vom Jahr 1000 bis ins 13. Jahrhundert). Doch nun ging es unaufhaltsam auf die kleine Eiszeit zu, die Europa vom 15. oder 16. bis ins ausgehende 19. Jahrhundert reihenweise schlechte Sommer und Winter ungewöhnlicher Härte beschert hat. Der Bodensee fror mehrere Male zu, dreimal bereits im 14. und insgesamt 29 Mal in den folgenden vier Jahrhunderten. Am eindeutigsten hat sich diese Kälteperiode von 1550 bis 1700 bemerkbar gemacht. Vorboten gab es aber schon früher zuhauf. 1318 schneite es am 30. Juni in Köln, und die Jahre von 1345 bis 1347 sind als «Jahre ohne Sommer» in die Annalen eingegangen. 1315 schliesslich hält Pfister überhaupt für das «schlimmste Jahr des ganzen Jahrtausends». Auf einen kalten Frühling folgte ein sehr nasser Hochsommer, was grosse Ernteeinbussen zur Folge hatte. Und weil der Herbst in Sachen Regen dem Sommer kaum nachstand, wirkte sich der Agrarnotstand auch noch auf die Ernte des folgenden Jahres aus. Grosse Hungersnöte waren die Folge, 1315/16 ebenso wie dreissig Jahre später.

Katastrophal waren auch Überflutungen an Rhein und Main im Jahr 1342. Der «hydrologische Gau», wie die HistorikerInnen das Hochwasser mitunter nennen, nahm kaum zu fassende Ausmasse an. In einer Chronik liest man: «In diesem Sommer war eine so grosse Überschwemmung der Gewässer durch den ganzen Erdkreis unserer Zone, die nicht durch Regengüsse entstand, sondern es schien, als ob das Wasser von überallher hervorsprudelte, sogar an den Gipfeln der Berge, sodass das Wasser Gegenden bedeckte, wo es ungewöhnlich war.»

Bei der Einschätzung der Auswirkungen schwieriger klimatischer Bedingungen auf den Weltlauf sind die HistorikerInnen allerdings vorsichtig. Historische Begebenheiten müssen zunächst historisch gedeutet werden. Denn neben den direkten Folgen für die Landwirtschaft gibt es eine Vielzahl von sekundären Auswirkungen, die eingebettet in ein komplexes Zusammenspiel wirtschaftlicher und politischer Faktoren betrachtet werden müssen. Lebensmittelpreise steigen, es kann zu Unruhen und Migrationswellen kommen. Es wäre zu einfach, die schwierige Lage im Spätmittelalter (Hundertjähriger Krieg, Bauern aufstände und andauernde politische Instabilität) allein auf die Unbilden des Wetters zurückzuführen. Aber auf jeden Fall ist das Klima, so Pfister, «nach heutiger Einschätzung ein wichtiger Faktor» im Gang der Geschichte.

Ob der Klimaumschwung um das 14. Jahrhundert herum tatsächlich so abrupt war, dass er eine Gesellschaft aus den Angeln hat heben können, ist unter KlimahistorikerInnen umstritten. Zumindest im nördlichen Mitteleuropa war für diesen Zeitraum, soviel man heute weiss, aber ein überaus turbulentes Wettergeschehen prägend. Die miserablen Sommer um 1315 und 1346 führt Pfister auf Vulkanausbrüche auf der Südhemisphäre zurück, doch darüber lagert sich ein grösserer Trend, eben jene allmähliche Abkühlung hinein in die kleine Eiszeit, die sich ja inzwischen längst ins Gegenteil verkehrt hat. Über diese langsamen Schwingungen im Temperaturverlauf weiss die Klimaforschung noch nicht in allen Details Bescheid, vor allem, wenn sie nur lokal auftreten. Es gibt drei astronomisch bedingte Zyklen, die aber Laufzeiten von mehreren Zehntausend Jahren haben und mit denen sich weltweite und einschneidende Umwälzungen wie die langen Eiszeiten gut erklären lassen. Schwankungen aber, wie sie im letzten Jahrtausend aufgetreten sind, geben den ExpertInnen nach wie vor Rätsel auf.

Ein Lieblingsargument der so genannten KlimaskeptikerInnen, die nicht an den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt der Gegenwart glauben wollen, ist deshalb der Rückgriff auf diese Schwankungen im Erdklima - auch die mittelalterliche Wärmeperiode wird in dem Zusammenhang gern genannt. Demnach wäre der Temperaturanstieg, den wir heute beobachten, nur ein weiterer, ganz natürlicher Schlenker in der Klimakurve, Emissionen von Treibhausgasen kämen dabei nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

Diese Argumentation ist aber Augenwischerei, denn erstens nimmt sie die Rasanz des gegenwärtigen Temperaturanstiegs nicht zur Kenntnis, und zweitens setzt sie einen globalen Trend, wie er momentan beobachtet wird, regionalen Extremen gleich. Denn gerade durch jüngste Studien hat sich die Sicht erhärtet, dass das Unheil die EuropäerInnen im Mittelalter tatsächlich wie eine Verwünschung getroffen hat. Während das Wetter bei uns drunter und drüber ging, scheint sonst auf der Welt alles in geordneten Bahnen abgelaufen zu sein. Bereits in Südeuropa waren die Auswirkungen kaum mehr zu spüren. Die kleine Wetterapokalypse im 14. Jahrhundert hat also mit der derzeitigen weltweiten Klimaveränderung nicht viel gemein. Diesmal haben wir den Fluch, der sich über uns zusammenzubrauen beginnt, selbst verhängt. Das müsste Gottergebenheit als Reaktion eigentlich ausschliessen.

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