Nr. 02/2007 vom 11.01.2007

Wo die Zukunft schmilzt

Auf der grössten Insel der Welt zeigen sich die Wirkungen der Klimaveränderung besonders drastisch. Während den Inuit die Lebensgrundlage abhanden kommt, wittern Tourismusverantwortliche den Frühling.

Von Esther Banz

Gleich gibts für die Weitgereisten was zu erleben. Der Bootskapitän wirft einen schnellen Blick über die Schulter, drosselt den Motor, krallt sich eine Stange mit spitzem Ende und wuchtet seinen kräftigen, tätowierten Körper eilends aufs kleine Deck. Dort beugt er sich zum Wasser, hackt in eine dahintreibende Eisscholle, hievt sie an Bord und sticht so lange auf sie ein, bis das Eis in kleine Stücke zerbröckelt. Die Reisebegleiterin ist mit Plastikbechern zur Stelle, und keine Minute später prosten sich sieben JournalistInnen mit einem grönlandeisgekühlten Martini Bianco zu. Strahlende Rotnasen-Gesichter, im Hintergrund ein ins Meer mündender grosser Gletscher: Willkommen in Grönland, willkommen auf der grössten Insel der Welt, willkommen im Eis.

Grönland hat sich vorgenommen, zu einer Tourismusdestination nicht nur für ExtremabenteurerInnen zu werden. An Publizität mangelt es der teilautonomen dänischen Kolonie derzeit nicht. Wann immer vom Klimawandel die Rede ist, geht es auch um das schmelzende Eis. In Grönland sehen ForscherInnen, wie sich das Gefrorene unter ihren Füssen in Wasser verwandelt. Die Angaben zur Menge des Schmelzeises unterscheiden sich je nach Messart, sie reichen von 80 bis 240 Kubikkilometer pro Jahr. Auch jene Inuit, die nicht in einem der Dörfer mit den farbigen Holzhäusern oder in der weniger schmucken Hauptstadt Nuuk wohnen, sondern fernab fischen und jagen, sind Zeugen der Folgen der Klimaveränderung: Mit dem Eis schmilzt ihre Lebensgrundlage weg.

Des einen Leid, des andern Freud, liesse sich lakonisch feststellen - denn Menschen, die selbst in der Katastrophe noch den Profit wittern, gibt es auch in Grönland. Seit der Klimawandel weitherum als nicht umkehrbarer Prozess anerkannt ist, fragen sich einige, was diese Veränderung wohl an Positivem zu bieten hat: Wo liegt bisher verborgenes?

Kapital, wie zum Beispiel Bodenschätze? In und um Grönland vermutet man Gas und allem voran riesige Ölfelder. «Im Sommer 2006 erlebte Grönland ein überwältigendes internationales Interesse an potenziellen Ölvorkommen», stellte die grönländische Regierung im September in ihrer Ausschreibung zur Lizenzvergabe für die weitere Erforschung und schliesslich Gewinnung der Bodenschätze vor der Küste der Diskobuchtregion fest. Hier im Westen Grönlands leben rund 12 000 Menschen, also fast ein Fünftel der gesamten Bevölkerung. Spätestens seit Peter Hoegs Bestseller «Fräulein Smillas Gespür für Schnee» gehört die Gegend auch touristisch zu den attraktivsten der Insel. Bis Mitte Dezember konnten sich Ölfirmen aller Welt um die Lizenz zur Ölsuche und -förderung bewerben. Die Regierung erwartet von der designierten federführenden Firma neben umfassender Erforschung des Ölvorkommens auch genügend finanzielle Mittel zur «Entwicklung der Region».

Unzählige weitere Schätze könnten dereinst geborgen werden: Gold, Diamanten, Silber und andere wertvolle Mineralien. Dass diese Bodenschätze bis heute nicht geplündert wurden, hat weniger mit Umweltschutzüberlegungen zu tun als mit dem Umstand, dass die Bergung im rauen Klima ungemein aufwendig und gefährlich war und damit äusserst teuer. Ausserdem muss Grönland das Recht auf die Bodenschätze noch immer mit Dänemark teilen. Doch die Hoffnung, dass die Erlöse aus Bodenschätzen in absehbarer Zeit die dänischen Finanzzuschüsse ersetzen werden, dürfte nicht nur in Grönland, sondern auch im europäischen Kleinstaat gross sein. Fast ein Drittel des gesamten Einkommens der Insel, 600 Millionen Franken jährlich, sind Subventionen Dänemarks. Sie sind es, die eine moderne Zivilisation auf der Insel überhaupt erst ermöglichen.

Vom Klimawandel profitieren wird auch die Tourismusindustrie. Natürlich nicht bei uns, wo der Schnee zunehmend ausbleibt. Aber in Grönland haben Neugierige noch die Chance, den 1,7 Millionen Quadratkilometer grossen Eispanzer zu bestaunen, der, abgesehen von einigen Küstenstrichen, die ganze Insel bedeckt - und dessen Wegschmelzen zu verfolgen. Szenarien, wie diese neue Klientel von KlimawandeltouristInnen zu bedienen sei, werden bereits diskutiert. Niels Feerup nimmt noch eine letzte Tasse Kaffee, bevor er für den Rest des Tages im Konferenzzimmer des Hotels Hans Egede verschwindet. Feerup ist Marketingchef von Grönland Tourismus und nimmt im feinsten Hotel von Nuuk an einem zweitägigen Treffen hinter verschlossenen Türen zur Zukunft des Tourismus in Grönland teil, zusammen mit Hotelbesitzern, Tourismusfunktionären, Reiseführerinnen, Vertreter der staatlichen Fluggesellschaft Air Greenland. Der Däne Niels Feerup bestätigt: «Ja, das Schmelzen des Eises lockt Neugierige nach Grönland.» Leute, die das Abenteuer lieben, und Leute, die mit eigenen Augen das viele Eis sehen wollen, solange es das viele Eis noch gibt.

Im Gegensatz zum Rest der Arktis kann Grönland diesen TouristInnen nebst des Eiserlebnisses eine Infrastruktur bieten: Hotels, Restaurants, in der Hauptstadt Nuuk ein modernes Kulturhaus, Cafés, ein paar Läden zum Shoppen. Grönland entdeckt gerade seine «unique selling proposition», die weltweite touristische Marktlücke sozusagen, und überlegt sich, wie man diese noch aufwerten könnte. Denn Reisen nach und in Grönland ist teuer, sowohl die Anreise wie auch Übernachtung und Verpflegung. 1600 Franken kostet der Flug von Kopenhagen nach Nuuk, mehr als ein Drittel davon für den anderthalbstündigen Inlandflug von Kangerlussuaq in die Hauptstadt, denn Direktflüge nach Nuuk gibt es nicht. Wer sich entlang des rund 1200 Kilometer langen Küstenabschnitts im Westen und Südwesten bewegen will, ist ebenfalls auf die teuren Inlandflüge oder die etwas weniger kostspieligen Schiffsverbindungen angewiesen, da es zwischen den einzelnen Ortschaften keine Strassen gibt.

Genau gleich ergeht es den EinwohnerInnen: Erst kürzlich wurde in Südgrönland die Fährverbindung zwischen zwei Ortschaften eingestellt. «Nein, es gibt sie noch», widerspricht der Marketingverantwortliche für Tourismus Niels Feerup, «sie wurde nur privatisiert.» Die Privatisierung bedeutet, dass die Fahrt mit dem Schiff nun fast gleich viel kostet wie die Flugverbindung, wie die Einheimischen im Süden klagen. Dies wird mit dem knappen Budget und dem deshalb nötigen Setzen von Prioritäten gerechtfertigt.

Yvon Csonka kennt noch andere Gründe. Der Schweizer ist Professor für Kultur- und Sozialgeschichte an der Grönländischen Universität - der kleinsten Uni der Welt in der kleinsten Hauptstadt der Welt, wie es heisst.

Csonkas Institut befindet sich in einem historischen Holzbau am Rande von Nuuk, sein Spezialgebiet ist die Inuitkultur. Im Januar startet er im Rahmen des International Polar Year 2007-2008 zusammen mit einigen StudentInnen eine Feldforschung mit dem Namen «Relocation and Resettlement in the North», Umsiedlung und Wiedereingliederung im Norden. Die ForscherInnen interessieren sich dabei vor allem für die langfristigen Konsequenzen solcher Umsiedlungen für die Menschen, ihre Gesellschaft und die nachfolgenden Generationen.

Auf der Suche nach besseren Fang- und Jagdgründen waren die Inuit schon immer in Bewegung, Zwangsumsiedlungen gibt es jedoch erst seit dem 20. Jahrhundert. Die bisher grösste und aufsehenerregendste fand 1953 statt. Wegen der neu errichteten US-Militärbasis in Thule musste damals die gesamte Bevölkerung der Umgebung auf Anordnung der Regierungen in Washington und Kopenhagen innert weniger Tage wegziehen. Heute werden die Inuit von ihrer eigenen, der grönländischen Regierung zum Umzug gedrängt. «Zwanzig Prozent aller Grönländer wohnen in kleinen Siedlungen von fünfzig bis hundert Personen. Das ist das kulturelle Herz des Landes», sagt Yvon Csonka. «Aus ökonomischer Sicht sind diese Siedlungen eine Belastung. Sie kosten die Regierung viel Geld, bringen gleichzeitig aber keines rein. Viele Politiker denken‚ dass es ohne sie viel einfacher wäre. Natürlich sagen sie das so nicht. Stattdessen sorgen sie dafür, dass das Leben in diesen Siedlungen langsam und kontinuierlich schwieriger wird. Ein Beispiel dafür ist die Schliessung dieser Fährverbindung im Süden. Von offizieller Seite heisst es, es gebe ja noch die Flugverbindung. Aber die teuren Flüge können sich die Einheimischen nicht leisten.»

Fünf Kreisel, eine Ampel

Was es bedeuten kann, wenn Inuit ihre Umgebung und Tätigkeit aufgeben müssen, um fortan in einer Stadt zu leben, ist in Nuuk sichtbar - auch für TouristInnen, die nur wenige Tage in der Kleinstadt mit knapp 15 000 EinwohnerInnen verbringen. «Im grossen Plattenbau gleich neben Ihrem Hotel lebt ein Prozent der gesamten grönländischen Bevölkerung», sagt ein Deutscher, der sich vor einigen Jahren in Nuuk niedergelassen hat und nun Touristen und Journalistinnen auf einer Zickzackfahrt im Bus die Stadt erklärt. In seinen Worten findet sich wenig Beschönigendes, sie passen zum Grau des Himmels und der Wohnquartiere, an denen der Bus vorbeifährt. «Fünf Kreisel und eine Verkehrsampel gibt es in Grönland, alle hier in der Stadt. 110 Kilometer geteerte Strasse gibt es in und um Nuuk - das wärs dann quasi mit den befahrbaren Strassen auf der Insel. Hier gehen die Jugendlichen mit den Autos ihrer Väter blochen, erwischen die Kurve nicht und donnern in den See.» Es muss eine besondere Liebe zu Ort und Menschen sein, die den Teilzeitguide hier halten. Belustigt erzählt er, heute und morgen sei Zahltag: «Drum das Highlife: Die Leute verprassen ihr ganzes Geld mit Einkäufen und Trinken. Aber das Alkoholproblem ist nicht schlimmer als anderswo. Nur die sozial Schwachen trinken.»

Tatsächlich besteht die Gesellschaft Grönlands zu einem grossen Teil aus sozial Benachteiligten. Die Arbeitslosenquote in den Städten beträgt nach offiziellen Angaben 9,3 Prozent, unser Reiseführer spricht sogar von 17 000 Menschen ohne Arbeit, nach seiner Rechnung jeder Dritte. Betroffen davon sind vor allem die Inuit, die 88 Prozent der gesamten Bevölkerung ausmachen. Das Alkoholproblem ist jedenfalls offensichtlich: Das Hotel Egede steht nicht nur gleich neben dem grössten Plattenbau (es gibt diverse davon, jeder gekennzeichnet mit einem nüchternen Einzelbuchstaben, «Q» zum Beispiel), sondern auch gleich an jener Kreuzung, wo die Hauptstrasse auf die Shoppingmeile trifft. Hier sitzen in einer Bushaltestelle bei nächtlichen Minustemperaturen unzulänglich gekleidete Männer. Sie warten nicht auf den Bus. Seit drei Jahren könne man in Nuuk wieder ab neun Uhr morgens Alkohol kaufen, sagte der Deutsche. Die Erklärung für die Liberalisierung laute, zuvor hätten die Warteschlangen vor den Spirituosenregalen den ganzen Laden blockiert.

Yvon Csonka ärgert, dass in Grönland noch immer Umsiedlungen stattfinden ohne eine Abklärung der Konsequenzen durch die Regierung. Er nennt Kanada als Beispiel, wo ohne vorgängige Studie über die möglichen Auswirkungen keine Umsiedlung vorgenommen werden dürfe. «Aber hier fragen sich die Politiker nicht einmal, was diese Leute in Zukunft arbeiten werden», sagt der Soziologieprofessor. Die Umsiedlung in Thule blieb nicht die einzige; die in den Jahrzehnten darauf folgenden könnten Vorboten dessen sein, was auf die Insel zukommt, wenn Wasser und Boden sich weiter erwärmen. Csonka: «In den sechziger und siebziger Jahren verwaisten plötzlich ganze Fischerdörfer. Damals war der Fang von Kabeljau ein ökonomischer Grundpfeiler, es gab viel davon, und der Export lief prächtig. Die Regierung ermunterte Männer, die aus Robbenjägerfamilien stammten, auf Kabeljaufang umzusatteln. Es wurden auch Fabriken zur Verarbeitung der Fische gebaut. Dann zogen die Fische plötzlich westwärts Richtung Kanada. Man hat herausgefunden, dass sie sensibel auf einen Anstieg der Wassertemperatur um ein, zwei Grad reagierten. Als es keinen Kabeljau mehr gab, mussten auch die Fabriken geschlossen werden.»

Hungern muss man in Grönland deshalb nicht, heute wird ein Grossteil der Lebensmittel importiert. Zumindest in Nuuk gibt es praktisch alles zu kaufen: die neuste Mode aus Europa, die angesagten Hip-Hop-CDs aus den USA, den Kühlschrank, den es hier eigentlich gar nicht bräuchte. Neben Gemüse, Fleisch und Glacé wird sogar Fisch eingeführt, Grönlands zweitwichtigstes Exportgut nach Garnelen. Apropos Fisch und Globalisierung: «Royal Greenland muss auf die Globalisierung reagieren» steht auf der Website des nach eigenen Angaben grössten Fisch- und Meeresfrüchte-Unternehmens der Welt. Rund 2500 Menschen arbeiten in der gänzlich der grönländischen Regierung gehörenden Firma. Wegen der hohen dänischen Löhne werden Verarbeitungsprozesse wie das Räuchern in Billiglohnländer ausgelagert. Ein solcher Standortwechsel ist bereits beschlossene Sache, betroffen davon eine Royal-Greenland-Fabrik in Glyngore, Dänemark. Die dortige Arbeit wird künftig in Polen verrichtet.

Prosperierende Firma

Auch in Grönland selbst hat Royal Greenland kürzlich eine Fabrik zugemacht. Sie stand in Narsaq, einer kleinen Ortschaft im Süden. «Fünfzig Leute wurden dadurch arbeitslos», sagt die dortige Reisebegleiterin, «sie sollen nun umgeschult werden.» Der Besuch der JournalistInnen in Narsaq dient aber nicht der Besichtigung der geschlossenen Fabrik. Grund der Visite ist vielmehr, dass hier vor kurzem eine Firma ihren Betrieb aufgenommen hat, die bereits weltweit für Schlagzeilen sorgt: das Greenland Brewhouse. Das Dreimannunternehmen braut Bier, dessen wichtigster Rohstoff Inlandeis ist. Dabei wird laut Geschäftsführer Salik Hard selbstverständlich nur jenes Eis verwendet, das bereits abgebrochen ist. Dieses schwimmt der Firma buchstäblich vor der Nase vorbei, in Form von langsam der Küste entlangtreibenden Gletscherabbrüchen, kleinen Schollen und meterhohen Eisbergen. In Grönland dürfen die Jungunternehmer ihr Bier wegen eines Monopols der Konkurrenz noch nicht verkaufen. In Dänemark aber sind ihr «Brown Ale», ihr «Pale Ale» und jüngst ihr Weihnachtsbier ein Renner.

Wird der Martini Bianco mit Inlandeis am Rande des Gletschers oder das Eisbier dereinst in Schweizer Bars zum nächsten Hype? Exotik im und aus dem Norden für uns, die wir vom Süden schon alles haben, was wir begehren?

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