Nr. 10/2007 vom 08.03.2007

Treibstoff für die Forschung

Eine halbe Milliarde Dollar zahlt BP drei staatlichen Forschungsinstitutionen in den USA. Das Klima soll vom Abkommen profitieren, sagen die einen.

Von Marcel Hänggi

Eine neue wissenschaftliche Disziplin soll aus der Taufe gehoben werden: «Energiebiowissenschaft». Dies sagte John Browne, CEO des Erdölkonzerns BP, an einer Pressekonferenz Anfang Februar. BP hat einen Vertrag mit der renommiertesten öffentlichen Universität der USA, der UC Berkeley, und zwei Juniorpartnern abgeschlossen. Eine halbe Milliarde Dollar zahlt BP.

Es handelt sich um den mit Abstand grössten Beitrag der Industrie an die öffentliche Wissenschaft. Die frühere British Petroleum, die heute nur noch BP heisst und das Kürzel als «Beyond Petroleum» («über Erdöl hinaus») verstanden haben möchte, will mit dem Energy Bioscience Institute (EBI) die Erforschung nachhaltiger Energien fördern. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger versprach an der Pressekonferenz weitere vierzig Millionen vom Staat. Mit dem Geld sollen Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen erforscht, umweltschonendere Techniken der Erdölgewinnung gesucht und Verfahren entwickelt werden, Kohlendioxid aus Abgasen abzuscheiden und im Boden endzulagern.

Nicht alle freuen sich über das Geschenk. So schrieb Miguel Altieri, Professor an der UC Berkeley, BP eigne sich «mit für ihre Verhältnisse relativ geringen Investitionen akademische Expertise an, die über Jahrzehnte mit öffentlicher Unterstützung aufgebaut worden ist, um sie in Milliardeneinnahmen für sich selbst zu überführen».

Ungleiche Partner

Was BP will, sind keine sauberen, unumstrittenen Lösungen für das Klimaproblem. Pflanzen sollen gentechnisch «optimiert» werden; zur Umwandlung in Treibstoffe sollen Enzyme aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen zum Einsatz kommen. Doch auch ohne Gentechnologie sind Biotreibstoffe umstritten (siehe WOZ Nr. 46/06): Der Anbau von Energiepflanzen konkurrenziert die Nahrungsmittelproduktion und erhöht den Druck, Wälder abzuholzen. Viele Forscher, darunter Altieri, glauben, dass die Gesamtklimabilanz von Biotreibstoffen negativ sei.

Die Erdölkonzerne stossen ins lukrative, weil patentträchtige Feld der Biotechnologie vor. Sie verpassen sich dabei ein grünes Image - und laufen den Biotechnologiefirmen, die bisher mit Beiträgen in zweistelliger Millionenhöhe das Wissenschaftssponsoring dominiert haben, den Rang ab. 2002 schloss die Stanford University mit Exxon-Mobil, General Electric, Schlumberger und Toyota einen Vertrag über 225 Millionen Dollar ab; auch hier geht es um die Entwicklung von Biotreibstoffen. Die Partner solcher Deals sind ungleich: Mit 22,5 Milliarden Dollar betrug der Reingewinn von BP vergangenes Jahr das Zehnfache des gesamten Jahresbudgets der UC Berkeley.

Nichts gelernt

BP-MitarbeiterInnen haben Einsitz im Komitee, das über die einzelnen Forschungsprojekte entscheidet. Wie frei wird eine Forscherin sein, die mit BP-Geld unter demselben Dach mit BP-Forschern in einer von BP bestimmten Forschungsagenda arbeitet, wenn sie etwa zum Schluss kommen sollte, dass die Verwendung von Biokraftstoffen der Abholzung tropischer Regenwälder Vorschub leistet? Zu den Kritikern unter den Berkeley-ProfessorInnen gehört auch Ignacio Chapela. Er war einer der härtesten Kritiker eines Abkommens zwischen der UC Berkeley und Novartis über 25 Millionen Dollar, das von 1998 bis 2003 galt. Chapela wurde 2003 in einem undurchsichtigen Berufungsverfahren die Professur verweigert. Er focht den Entscheid vor Gericht an und bekam Recht. BeobachterInnen vermuten, die Nichtberufung habe mit Chapelas Widerstand gegen das Novartis-Abkommen zu tun gehabt.

Eine Untersuchung der Novartis-Affäre ergab zwar, es sei zu keinem ernsthaften Fehlverhalten gekommen. Der Untersuchungsbericht empfahl aber, solche Verträge künftig zu unterlassen, wenn sie «ganze akademische Abteilungen oder grosse Forschungsgruppen» beträfen; vor Vertragsabschluss habe eine öffentliche Diskussion stattzufinden. An diese Empfehlungen hat sich die UC Berkeley nun nicht gehalten. William Drummond, Vorsitzender des Universitätssenats, beklagte sich, dass die ProfessorInnenschaft von der Diskussion um den BP-Deal ausgeschlossen und schlecht informiert worden sei.

Unklar ist die Rolle Schwarzeneggers. Als die Bewerbung um die BP-Millionen lief, diskutierte Kalifornien ein Gesetz (Proposition 87), das vorgesehen hätte, Alternativenergien mit vier Milliarden Dollar zu fördern. Das Geld wäre durch eine Steuer auf die Mineralölkonzerne zusammengekommen. Die Ölfirmen bekämpften das Gesetz, und Schwarzenegger verweigerte ihm schliesslich die Unterstützung. KritikerInnen sehen einen Zusammenhang zwischen Schwarzeneggers Haltung zur Proposition 87 und der Bewerbung um BP-Geld.

BP: Folgenreiches Antiumweltlobbying

Wie die «Financial Times» in ihrer Ausgabe vom 5. März schreibt, hat die Erdölfirma BP in Texas erfolgreich gegen schärfere Umweltauflagen lobbyiert, die Erdölraffinerien verpflichtet hätten, die von ihnen emittierten flüchtigen Kohlenwasserstoffe (Volatile Organic Compounds, VOCs) abzufackeln, statt in die Atmosphäre zu entlassen. VOCs sind eine Stoffgruppe, zu der hochgiftige Gase sowie Treibhausgase gehören. 2005 waren bei einer Explosion in einem BP-Werk in Texas fünfzehn Menschen getötet worden. Ein Untersuchungsbericht kommt zum Schluss, dass die Explosion glimpflicher abgelaufen wäre, wenn BP die VOCs abgefackelt hätte. Die «Financial Times» zitiert eine interne E-Mail, in dem ein BP-Mitarbeiter - vor dem Unfall - sich brüstet, durch die Verhinderung der strengeren Vorschriften 150 Millionen Dollar eingespart zu haben.

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