Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Lauwarme Gesten

Wenn es um Massnahmen geht, bleibt das Uno-Klimagremium in seiner engen Weltsicht gefangen. Doch statt es dafür zu kritisieren, übernehmen selbst Umweltorganisationen seine blinden Flecken.

Von Marcel Hänggi

Wenn das ein Witz war, dann ein sehr schlechter. Bert Metz, einer der Koordinatoren der Arbeitsgruppe 3 des Uno-Klimagremiums IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), sagte an der Pressekonferenz im heissen Bangkok vergangenen Freitag: «Wir haben während unserer Sitzung hier irgendwann die Kühlung reduziert, weil es uns zu kalt war. Damit haben wir einen Beitrag zum Klimaschutz geleistet und es erst noch angenehmer gehabt.»

Erstaunlicherweise löste der dritte Teil des IPCC-Klimaberichts in den Schlussverhandlungen weniger Kontroversen aus als die ersten beiden Teile. Dabei ist dieser der wichtigste: Behandelte Teil 1 den Klimawandel an sich und Teil 2 seine Folgen, geht es nun um Massnahmen. Hier wird die Politik vorgespurt.

Beherrscht von ÖkonomInnen

Vielleicht lag die breite Akzeptanz an einer der Hauptbotschaften: Es ist zwar dringend nötig zu handeln, und wir werden unseren Lebensstil ändern müssen - aber Opfer bringen, das müssen wir nicht. Und kosten wird alles maximal 0,12 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Jahr. Klimaanlage reduzieren - und es erst noch angenehmer haben.

Der IPCC ist ein umstrittenes Gremium. Kritisiert wird er jedoch fast nur aus einem Lager, nämlich von denen, die nicht wahrhaben wollen, dass das Klima sich drastisch ändert. Einer ihrer Kritikpunkte lautet: Der IPCC bildet den Konsens der Wissenschaft ab, aber Wissenschaft lebt vom Dissens. Konsenswissenschaft ist schlechte Wissenschaft. Das hat etwas für sich. Doch die PhysikerInnen der ersten Arbeitsgruppe (gegen die sich diese Kritik in erster Linie richtet) können sich immerhin auf allgemein akzeptierte Grundlagen ihrer Disziplin, die Naturgesetze, und auf zunehmende Evidenz stützen. Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften können das nicht: Hier sind selbst die Grundannahmen hochgradig weltbildabhängig.

Konsens ist da nur möglich, wenn eine Weltanschauung dominiert. Der Soziologe Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie hat beim IPCC-Bericht von 2001 mitgearbeitet und sagt: «Die Arbeitsgruppe 3 ist beherrscht von den Ökonomen, und zwar von einer bestimmten, vor allem in den USA beheimateten Richtung. Diese gehen den Klimawandel mit Kosten-Nutzen-Analysen an.»

Sie vergleichen also beispielsweise, was es kostet, wenn die Malediven untergehen - und was es kosten würde, das zu verhindern. Das ist eine mögliche Sichtweise, und viele EntscheidungsträgerInnen mögen nur diese Sprache verstehen. Aber es ist eben nur eine Sichtweise. Andere Sichtweisen, sagt Sachs, wie zum Beispiel eine, die sich auf Rechtserwägungen stützt, würden marginalisiert. In einer solchen Sichtweise käme der Untergang der Malediven nicht infrage, auch wenn er relativ wenig Kosten verursachte, da er massiv Völkerrecht und Menschenrechte verletzen würde.

Diese ÖkonomInnen seien zudem sehr technologiegläubig. Sie sprächen viel von besseren Technologien und den Entscheiden einzelner KonsumentInnen, übersähen aber, was Sachs die «systemische Ebene» nennt: Dass beispielsweise Strassen oder Siedlungsstrukturen die KonsumentInnen zu einem bestimmten Verhalten zwingen. Es ist die Schwäche liberaler Weltanschauung, individuelle Freiheit zu überschätzen und soziale Zwänge zu unterschätzen.

Im Bericht manifestiert sich das so, dass viel von Effizienzsteigerung die Rede ist und davon, dass es mehr nichtfossile Energien braucht (erneuerbare wie auch Atomenergie). Die systemische Ebene wird in einem Fall - «Landnutzung und Verkehrsplanung» - zwar genannt, aber als letzter Punkt im Bereich Verkehr - nach «effizientere Autos», «Hybridautos», «Biotreibstoffe», «Velofahren und Zufussgehen».

«Weniger» ist tabu

Nirgends wird die simple Grundwahrheit jeglichen Klimahandelns ausgesprochen: Wenn hinten weniger CO2 rauskommen soll, darf vorne weniger Öl, Gas und Kohle reingehen. Vielleicht ist das ja zu banal. Aber: Mit mehr Effizienz und mehr nichtfossiler Energie ist noch gar nichts gewonnen. Mehr Effizienz muss nicht heissen: Mit weniger Energie dasselbe tun. Es kann auch heissen: Mit gleich viel Energie mehr tun. Nichtfossile Energien müssen nicht an die Stelle fossiler Energieträger treten, sie können sie auch ergänzen. Der Markt allein wirds nicht richten, denn Energie, die auf den Markt kommt, schafft sich ihre Nachfrage schon selber. Doch das Wort «weniger» ist für orthodoxe ÖkonomInnen tabu. Es kommt in der 35-seitigen Zusammenfassung ganze vier Mal vor.

Der IPCC soll den Konsens abbilden - doch es scheint, er schaffe ihn gleich selber. Und zwar auch bei denen, die dessen Blindheit kritisieren müssten. Einen Tag vor dem IPCC lud in Bangkok der WWF zur Pressekonferenz. Titel: «Stoppt den Klimawandel: Es ist möglich!» Der WWF argumentierte mit Kosten-Nutzen-Rechnungen, und er teilte mit dem IPCC dessen Blindheit für diesystemische Ebene. Sowie den Zweckoptimismus. Anhand von sechzehn Beispielen wurde erläutert, wie Klimaschutz konkret aussehen könnte: In Sydney schalteten die Menschen eine Stunde lang alle elektrischen Geräte ab, um für den Klimawandel zu sensibilisieren! China will seinen CO2-Ausstoss pro Einheit des BIP um jährlich vier Prozent senken! In der Schweiz sorgt Carsharing für weniger Autokilometer! Das Kioto-Abkommen ist ein Erfolg!

Kauft Klimaanlagen!

Nun: Sydney war eine Geste, keine Massnahme. China will seine Emissionen pro BIP-Einheit (einen der höchsten Werte weltweit, höher als der der USA) mit fragwürdigen Mitteln reduzieren, und beim derzeitigen chinesischen BIP-Wachstum ist diese relative Reduktion eine absolute Zunahme. Das Carsharing von Mobility in der Schweiz bewirkt laut einer Studie eine Reduktion von durchschnittlich 200 Kilogramm CO2 pro Kundin oder Kunden (aber drei Viertel der KundInnen legen mit Carsharing etwas mehr Autokilometer zurück als ohne). Indem Mobility diese Einsparungen der Stiftung Klimarappen als CO2-Gutschriften verkauft, hilft sie dieser, ihre Klimaschutz-Verhinderungspolitik zu erfüllen. Das Kioto-Abkommen schliesslich bleibt mit seinen Reduktionszielen weit hinter dem Notwendigen zurück und bietet mit den «flexiblen Mechanismen» den Vertragsstaaten auch gleich die Handhabe, ihre Verpflichtungen zu umgehen. Ein Erfolg ist allenfalls, dass überhaupt ein Abkommen zustande gekommen ist - ein symbolischer Erfolg also.

Symbolik genügt jetzt aber nicht mehr. Halten wir uns also an die Empfehlungen des IPCC. Kaufen Sie, wenn Sie noch keine haben, eine Klimaanlage. Dann können Sie sie im Sommer reduzieren. Dem Klima zuliebe.

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