Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Oper frei Haus

Wie die Hackerbande das Zürcher Opernhaus verwanzte – und aus einem WOZ-Reporter einen Bitnik-Propagandisten macht.

Von Daniel Ryser

«This land is your land,
this land is my land»
Woodie Guthrie

«This land is your land,
this land is my land»
Gang of Four

«This land is your land,
this land is my land»
Luther Blissett

Das Beispiel stammt aus dem Manifest der Hacker. Es liegt herum im Bitnik-Atelier am Limmatplatz. Heller Raum, gut aufgeräumt, Neonröhren, verkabelte Computer. Vor kurzem herrschte hier noch Chaos, 120 Telefone auseinandergeschraubt, verkabelt, zusammengeschraubt. Da steht eine Kiste, «Walkie-Talkie» steht drauf, da ein Ticket aus der Oper, das war, als sie das erste Mal die Oper besuchten, kurz vor Weihnachten 2006, ein Ballett, «Sommernachtstraum», kostete ein Vermögen, gesehen hat man bloss eine Ecke, die die Sicht zur Bühne versperrte, also gar nichts, erst an der Bar dann, wo es eine TV-Übertragung des Geschehens gab, sahen sie, dass es ein Bühnenbild gab.

120 Telefone als Audioinstallation im Cabaret Voltaire im Zürcher Niederdorf. Absolute Fliessbandarbeit, sagt Doma Smoljo und schnauzt mich an: «Was sitzt du uns so komisch gegenüber? Das hier ist nicht Bitnik gegen den Journalisten, wir sollten aufhören mit diesem Spiel ‹Wir und die Medien›», sagt er. «Du bist ab sofort ein Teil von Bitnik.» Ein paar Stunden später verlasse ich das Atelier mit vier Stunden Material auf Tonband, Anwaltsschriften, Klageandrohungsschriften, Hackeranleitungen, einer eigenen Bitnik-E-Mail-Adresse, Manifesten, Aufklebern, Postern, einer CD.

Ein Gespräch mit VerwirrkünstlerInnen heisst: Jede Antwort verwandelt sich sofort wieder in eine Frage. Was ist real? Was ist wahr? Was ist Kunst? Ist dieser Artikel Teil des Bitnik-Gesamtkunstwerks? War die Opernhausempörung von Anfang an kalkuliert?

Opernanschlag

Bitnik verwanzten am 9. März dieses Jahres das Zürcher Opernhaus. Die Presse schrieb von einem «Kulturanschlag». Das Opernhaus reagierte empört. Wenn heute im Zürcher Opernhaus eine Oper beginnt, schalten sich Wanzen ein, die diese übertragen. Ein an 120 Telefone gekoppelter Server, installiert im Cabaret Voltaire, wählt per Zufallsgenerator Telefonnummern in der Stadt Zürich an. Die Oper kommt zu Ihnen nach Hause. Per Vorstellung sind das Hunderte Anrufe. Tausende Anrufe wurden bisher gemacht. Gesendet wurden bisher achtzig bis neunzig Stunden Oper. Durchschnittlich hören die Leute 2 Minuten zu, 58 Minuten ist der Rekord.

OpernhaustechnikerInnen suchten das Gebäude nach Wanzen ab, fanden zwei und hielten sie in die Kamera der «Tagesschau». Fast schien es, als wollten diese Wanzen gefunden werden. Eine war ein Handy, eines von Nokia, denn gewisse Nokia-Handys stellen bei Anruf automatisch eine Verbindung her. Die Aktion dauert bis Ende Mai.

Die Asche fällt von Domas Zigarette auf den Boden, Sven König ist gekommen, entschuldigt sich für die Verspätung, Silvan Leuthold fehlt, Carmen Weisskopf ist da. Bitnik sind zurzeit zu viert. Heute gehöre ich auch dazu. Ich mache Bitnik-Propaganda. Ich schreibe, dass es unser Ziel ist, Brüche in der Gesellschaft aufzuzeigen, aufzuzeigen, dass es keinen Plan A gibt, dass alles unklar ist. Um es mit Carmens Worten zu sagen: Es ist ein Bedürfnis der Leute, sicher zu sein. Sie legen sich für den Ernstfall Handlungsanleitungen zurecht. Was tun, wenns brennt? Feuerwehr alarmieren. Personen retten. Fenster und Türen schliessen. Wenns aber wirklich brennt, läuft es anders als geplant. Vielleicht ist die Anleitung verfügbar, vielleicht nicht. Die Realität ist gespickt mit solchen Brüchen, es stimmt einfach nie so ganz überein.

Das Bitnik-Motto: «A clever solution to an interesting problem. Eine clevere Lösung für ein interessantes Problem.» «Dabei», sagt Carmen, «stellen sich zwei Anforderungen: Erstens das interessante Problem zu finden. Zweitens die clevere Lösung.» An apple a day keeps the doctor away (Täglich ein Apfel erspart dir den Gang zum Arzt) ist ein Sprichwort, und Bitnik sagen: «A hack a day keeps the doctor away.» «Es geht um Aneignen, Verändern, Zurückspielen», sagt Carmen. «Ein Hack ist auch, einen Synthesizer auseinanderzubauen und dadurch neue Töne zu produzieren, ein System so zu gebrauchen, wie es nicht gedacht ist», sagt Doma. «Die Stadt Zürich zahlt jährlich 180 Millionen Franken für die Oper», sagt Carmen, «sie ist eine Institution und deshalb der richtige Ort für eine Öffnung.» « Heute ist Anfang Mai», sagt sie, «wir müssen noch den Spielplan für den Rest des Monats veröffentlichen.» Das Opernhaus hat mit Klage gedroht, doch die Aktion läuft weiter, und Bitnik haben für die Nachwelt und ganz im Sinne der Copy-and-Paste-Strategie ein Papier verfasst:

Wie verwanze ich ein Opernhaus?

Die Wanze: 1. Bau dir eine Audiowanze oder kaufe dir eine in deinem örtlichen Spionagezubehörgeschäft. 2. Stelle sicher, dass die Wanze eine Stromquelle hat. 3. Nimm an einer Führung durch dein örtliches Opernhaus teil (je mehr Leute an der Führung teilnehmen, desto einfacher für dich, fortzuschleichen, also bring deine Freunde mit). 4. Untersuche den Bereich hinter der Bühne und den Zuschauerraum nach einem geeigneten Ort, um die Wanze zu platzieren. (Wenn du einen guten, versteckten Ort in der Nähe einer Stromquelle findest, schnapp sie dir!). 5. Platziere die Wanze!

Die Telefonmaschine: 1. Verbinde den Empfänger der Wanze mit einem Computer. 2. Programmiere deinen Computer, sodass er der Reihe nach alle Einwohner deiner Stadt, deines Landes, einer anderen Stadt oder alle deine Freunde anruft, sobald er über die Wanze eine Opernaufführung empfängt. 3. Nimm eine kurze Ansage auf, die zu Beginn jedes Anrufs der Liveschaltung vorgeschaltet wird.

An der Aufführung teilnehmen: 1. Stell einen Plan zusammen mit Daten und Zeiten, an denen die Maschine die Oper frei Haus liefert. 2. Verteile die Pläne an Leute und Orte, die du anrufen willst.

BesucherInnen filzen

Das Opernhaus antwortete mit einem Brief: «Diese Übertragungen sind widerrechtlich und verletzen die Schutzrechte der Musiker und Sänger. Wir fordern Sie auf, sämtliche im Opernhaus installierten Wanzen im Beisein eines unserer Mitarbeiter zu entfernen und die Übertragung zu stoppen. Dann werden wir bezüglich der bisher begangenen Rechtsverletzungen beide Augen zudrücken.»

Das Opernhaus hätte es bevorzugt, wenn Bitnik um Erlaubnis gefragt hätten. Es musste eingestehen, dass die Verbreitung von Mitschnitten aus Aufführungen nicht zu verhindern ist. Es müsste ja sonst seine BesucherInnen filzen auf Handys und Tonbandgeräte. Das Opernhaus wollte eine Urheberrechtsklage machen. Weil die KünstlerInnen von ihrer Stimme leben und somit an jedem Anruf mitverdienen wollen. Plattenfirmenargumentation. Die sagen: «Wenn wir, die Plattenfirmen, bald kein Geld mehr verdienen, gibt es bald keine Musik mehr.»

Als Bitnik-Propagandist transkribiere ich Folgendes vom Tonband:

Wir betreiben eine künstlerische Verdichtung von Brüchen, die wir im System erkennen. Wir bilden ab. Die Reaktion ist eine andere Geschichte. Copyright-Diskussion? Senkung der Ticketpreise? Das können wir nicht planen. Wir haben hier eine Geschichte geschaffen, eine Dramaturgie: Die Reporterin von «20 Minuten» wurde ein Teil davon. Von ihr hat das Opernhaus von der Wanzenaktion erfahren: Wussten Sie, dass Sie verwanzt sind? Ist das nicht illegal? «10 vor 10» berichtete vom «Kulturanschlag», ein renommierter Blog forderte ein offenes Opernarchiv. Wollten wir, dass die Oper einige Wanzen findet? Sind es drei Wanzen oder 120? Sind es überhaupt Liveübertragungen? Oder sind es CDs? Letztere Frage ist eine, die man sich stellen sollte. Und dann sollte man sich als Nächstes fragen: Was macht das für einen Unterschied?

«Dass die Medien im grossen Mass aufsprangen, hat mit der erzählerischen Qualität des Projektes zu tun», sagt Carmen. Das Fernsehen sprach von einem Anschlag auf das Opernhaus. «Das ist ein falsches Bild», sagt sie, auch nachdem ich gefragt habe, wo denn eine ständige Erweiterung des Bitnik-Verwirrungsradius enden würde: Im Chaos oder im Terror?

«Unsere Ästhetik ermöglicht es, dass die Leute teilhaben an unseren Projekten. Die Angerufenen oder die Reporterin von ‹20 Minuten› wurden Teil der Performance. Terrorismus macht das nicht, Terrorismus ist ausschliessend: wir gegen sie. Wir hingegen schaffen Zugänge.»

«Das Schöne an Opera-Calling ist, es gibt den einfachen Leuten ...», sagt Doma. «Es gibt keine einfachen Leute ...», unterbricht Carmen. «Also», sagt Doma, «es gibt zum Beispiel meiner Mutter, einer hart arbeitenden Ausländerin, einen Zugang zu dieser Hochkultur, ganz einfach gesagt, wenn das Telefon klingelt, das ist eine Freiheit, die wir geben, das ist ein schönes Bild, ein einfaches Bild. Es ist natürlich auch ein bereits realisiertes Bild, die Copyrights sind abgelaufen, Opern werden überall gespielt, in Filmen und so weiter. Du nimmst ab, du weisst nicht, was genau es ist, aber du kennst es aus zwei Autowerbungen. Hier eine weitere Essenz: Wenn wir etwas fordern, dann Zugriff zu haben auf unsere Kultur. Bitnik ist Kritik an geschlossenen Systemen, Institution, Copyright.»

Hippies, Italiener, Max Goldt

Wir haben verschiedene Motivationen, zum Beispiel die Hippiemotivation. Hacken macht den Alltag schöner. Hack deine Migroskasse! Weigere dich täglich, jeweils einen Fruchtsaft zu tippen. Die Migros wird es nicht merken, dass du sie beraubst, nicht einmal die Kunden, die du beschenkst, aber es ist dein persönlich eingebauter Fehler im System. Bau «bolo’bolo» in deinen Alltag ein. Es geht uns darum, Freiräume zu schaffen, temporäre autonome Zonen. Wir sind nicht KünstlerInnen aus dem 19. Jahrhundert, wir ziehen uns nicht zurück in den Wald und ergötzen uns an der Schönheit der Natur. Wir sind vernetzt. Wir sind darauf angewiesen, dass wir Copy and Paste machen können. Woraus werden die neuen Originale geschöpft? Wurde dieser Satz, den Sie hier gerade lesen, nicht schon einmal geschrieben? Kann man Computercodes schützen? Mathematische Formeln schützen? Max Goldt hat eine Datenbank gefordert für alle Sätze, die jemals gesagt wurden, damit er nachlesen könne, von wem er klaut, wenn er schreibt. Die Verwirrung steigt. Das Einzigartige verschwindet. Die Artenvielfalt heute heisst Cola oder Pepsi.

Bitnik trinkt Cola.

In der Installation im Cabaret Voltaire sind Hunderte Aufnahmen von Personen zu hören, die im Rahmen der Opera-Calling-Aktion angerufen wurden, wie sie das Telefon abnehmen und gleich wieder auflegen oder sagen «die Oper ruft an» oder «ach, das sind diese Künstler aus der Zeitung». Oder eine italienische Familie, die sich streitet: «Oh, jetzt hast du wieder etwas abonniert», sagt die Frau, und der Mann sagt: «Nein, nein, die Ansage sagte, das sei gratis, ich habe gar nichts abonniert.» Sven sagt, dass das Internet die Definitionsmacht der Medienkonzerne untergräbt.

«Wir wurden noch nie verklagt», sagt Doma. «Wir gehen sorgfältig vor, wir spielen mit den Grenzen und übertreten die auch bewusst. Wir haben bei unseren Aktionen durchaus das Gefühl, dass wir irgendwie richtig liegen, wenn wir das nicht hätten, würden wir es nicht tun», sagt Sven. «Es gibt bei solchen Projekten immer einen Moment, wo du deeskalieren kannst oder Öl ins Feuer giessen», sagt Carmen.

«Hacker zu sein, ist eine Grundhaltung», sagt Sven. Wie Knigge: Der legte mit seinem Buch über die Benimmregeln des Adels, der guten Gesellschaft, verbotenes Wissen offen. «Knigge war ein Hacker», sagt Sven. Hacking ist eine Grundhaltung unabhängig von digitalen Netzen.

Hört, hört! Das Opernhaus hat verkündet, dass sie Bitnik an der Finissage Ende Mai im Cabaret Voltaire die gefundenen Wanzen zurückgeben. Wer sagt das? Die WOZ? Bitnik? Das Opernhaus? Ist dieser Artikel ein WOZ-Hack? Was ist noch echt? Wer war zuerst?

Gab es nicht schon einmal, vor hundert Jahren, Opera-Calling, ab 1893 bis 1919 in London, Paris, Budapest? Sind wir im Endlos-Remix? Welche Zitate in diesem Artikel sind geklaut? Journalismus oder PR? Wer finanziert die WOZ? Werden wir abgehört?

www.bitnik.org / www.opera-calling.com / www.cabaretvoltaire.ch

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