Nr. 20/2007 vom 17.05.2007

Wüste Wallis?

Von Bettina Dyttrich

Die Föhrenwälder im Wallis sterben. Warum? Und was ist für die Zukunft zu erwarten? Ein Forschungsprogramm sucht Antworten.

Es könnte in Zentralasien sein: steile, felsige Hänge, kleine Felder, staubtrockene Wiesen, lichter Nadelwald. Das Vispertal ist der Trockenpol der Schweiz: Nirgends im Land regnet es so wenig wie hier - durchschnittlich 530 Millimeter im Jahr. Das ist halb so viel wie in Zürich, und auf der nur zwanzig Kilometer entfernten Jungfrau regnet es fünfeinhalbmal so viel.

Schon Mitte April brennt die Sonne unangenehm heiss. Föhren, ausladend und knorrig, wachsen zwischen Dornsträuchern und struppigem Gras. Sie sehen nicht gut aus: Viele haben braune Nadeln, einige gar keine mehr. Andere serbeln vor sich hin, stark ausgelichtet und von Dutzenden von Misteln befallen. «Nach dem Hitzesommer von 2003 sah es hier noch schlimmer aus», sagt Andreas Rigling. «Die meisten abgestorbenen Bäume sind inzwischen gefällt. Aber seit ich das letzte Mal hier war, haben weitere Föhren braune Nadeln bekommen.» Andreas Rigling ist Waldökologe und arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Warum sterben die Föhren im Wallis, und wie sollen die WaldnutzerInnen darauf reagieren? Seit 2001 beschäftigen sich Forschende der WSL mit diesen Fragen.

Hitze, Misteln, Fadenwürmer

Schon in den siebziger und achtziger Jahren sahen die Föhren zwischen Visp und Siders schlecht aus. Schuld waren die Aluminium- und Chemiewerke. Nach dem Einbau von Filtern erholten sich die Bäume schnell. Doch Anfang der neunziger Jahre verschlechterte sich der Zustand der Wälder wieder - nicht nur im Wallis, sondern auch im Vintschgau (Südtirol), bei Innsbruck oder im Aostatal: in sogenannten inneralpinen Trockentälern, die durch hohe Berge von Niederschlägen abgeschirmt sind. Auffällig ist, dass sich das Föhrensterben auf Tallagen unterhalb von 1200 Metern beschränkt.

Warum sterben die Föhren? Die ForscherInnen der WSL stellten diverse Versuche im Gelände und im Labor an. Sie fällten zum Beispiel über 200 Föhren, gesunde und angeschlagene, stellten Holzproben im Labor in Brutkästen und beobachteten, was alles an Insekten ausschlüpfte. Sie untersuchten, ob Bäume mit vielen Misteln schneller abstarben, suchten nach schädlichen Holzpilzen, und sie infizierten Föhren in Töpfen mit Nematoden, winzigen Fadenwürmern. «Viele Faktoren schwächen die Föhren», sagt Andreas Rigling. «Aber wir sind inzwischen sicher, dass der Auslöser für das Sterben der Bäume die Klimaerwärmung ist.» Seit 1860 ist im Zentralwallis die mittlere Temperatur im Sommerhalbjahr um 1,2 Grad gestiegen, im Winterhalbjahr um 1,7 Grad. Seit 1980 werden vor allem die Sommer immer heisser: Die Anzahl sehr heisser Tage mit einer mittleren Temperatur über zwanzig Grad hat sich fast verdoppelt.

Bei grosser Hitze dringt das ohnehin knappe Regenwasser kaum mehr in den Boden ein, sondern verdunstet sehr schnell. Die Bäume reduzieren ihren Stoffwechsel, um nicht auszutrocknen. Misteln beziehen ihr Wasser von ihren Wirtsbäumen und verstärken den Trockenstress. Von Trockenheit geschwächte Bäume reagieren empfindlicher auf Nematoden- und Pilzbefall. Und in warmen Jahren gedeihen Schadinsekten besser. Nach Hitzesommern wie 2003 sterben deutlich mehr Föhren.

Was passiert, wenn es so weitergeht? Breitet sich dann im Wallis die Wüste aus?

Die Flaumeiche gewinnt

Strassen, Schienen, Fabriken, Gaststätten im Wildweststil und intensiver Obst- und Rebbau prägen heute das Rhonetal zwischen Brig und Sion. Nur eine kleine Insel erinnert daran, wie der Talboden früher einmal ausgesehen hat: der Pfynwald.

Auf einem kurzen Abschnitt mäandert die Rhone zwischen Kiesbänken durch den grössten Föhrenwald der Schweiz. Auf dem Waldboden wachsen feines Gras, Preiselbeerstauden und Wacholdersträucher. Küchenschellen blühen, ein Specht ruft. Neben einem Kanal, der das Kraftwerk der Alusuisse in Chippis mit Wasser versorgt, liegen die Forschungsparzellen der WSL. Hier untersuchen die Forschenden, welche Auswirkungen die Bewässerung von Waldbeständen hat. Auch im Pfynwald steht da und dort eine abgestorbene Föhre. Auffälliger ist aber etwas anderes: Überall am Boden wachsen kleine Bäumchen mit zarten hellgrünen Blättern. Es sind junge Flaumeichen - ein Mittelmeerbaum. Junge Föhren gibt es hingegen nur wenige.

Mittelmeer in den Alpen

Wenn die Entwicklung so weitergeht, stehen im grössten Schweizer Föhrenwald in wenigen Jahrzehnten nur noch wenige Föhren. Sie werden abgelöst von der Flaumeiche. Warum sind diese zarten Pflänzchen der Föhre überlegen? «Der entscheidende Punkt ist die Verjüngung», erklärte Andreas Rigling. «Eicheln keimen bereits im Herbst und können so den Winterregen ausnutzen. Die Föhrensamen keimen dagegen im Frühling, wenn es wenig regnet. Dann vertrocknen die jungen Bäumchen.» Die Flaumeiche sei besser angepasst an Sommerhitze: «Im Hochsommer hört sie auf zu wachsen und ist dadurch besser vor Austrocknung geschützt. Ganz anders die Föhre: Sie wächst immer, wenn es warm genug ist. In kälteren Regionen ist diese Überlebensstrategie sinnvoll, hier führt sie zu Trockenstress.»

Doch nicht nur das Klima ist entscheidend für die Ausbreitung der Flaumeiche. Die WSL hat auch die Veränderung der Waldnutzung in den letzten Jahrzehnten untersucht. Noch Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zogen Frauen und Kinder in den Wald und rechten Laub, Nadeln und Zweige zusammen, um Streu für die Ställe zu gewinnen. Und Tausende von Ziegen suchten ihr Futter im Wald. «Beides begünstigte die Föhre: Die Ziegen frassen lieber Laubbäume. Und der nackte Boden, den die Streunutzung hinterliess, war ideal für Föhrenkeimlinge. Heute werden sie oft von der dichten Krautschicht auf dem Waldboden überwachsen. Die Flaumeiche hingegen hat damit keine Probleme.» Auch das früher verbreitete Sammeln von Misteln für medizinische Zwecke kam den Föhren zugute.

Dann ist ja alles in Ordnung: Helle Laubwälder lösen dunkle Nadelwälder ab. Sie sind sicher ebenso schön, und sie schützen auch ebenso gut gegen Steinschlag, Erosion und Lawinen? So einfach sei es nicht, erklärt Andreas Rigling: «Wenn die Klimaprognosen stimmen, wird es früher oder später auch für die Flaumeiche zu warm sein. Bereits jetzt zeigen Eichen in heissen Jahren Anzeichen von Wachstumsstörungen.»

Auch in einem noch wärmeren Klima können Bäume wachsen: immergrüne Laubbäume wie die Steineiche, die im Mittelmeerraum verbreitet ist. Eine Wachsschicht schützt ihre dunklen Blätter vor Verdunstung. Doch im Gegensatz zur Flaumeiche wird die Steineiche nicht von selbst in die Alpentäler einwandern können. Der Weg ist viel zu weit. Menschen müssten sie pflanzen. Zudem ist fraglich, ob die frostempfindliche Steineiche die kalten Walliser Winter übersteht.

In der Forstwirtschaft sind nichteinheimische Baumarten verpönt, unter NaturschützerInnen sowieso. Aber was ist noch einheimisch, wenn sich das Klima rasant ändert? «Das ist eine politische Diskussion, die wir führen müssen. Der Wald ist im Alpenraum enorm wichtig, vielerorts wären menschliche Siedlungen ohne ihn nicht möglich. Vielleicht stehen wir in manchen Alpentälern bald vor der Wahl, nichteinheimische Bäume anzupflanzen oder gar keinen Wald mehr zu haben.»

Die Föhrenwälder im Zentralwallis sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der vielfältigen Waldlandschaft der Schweiz. Auch andere Wälder werden von der Klimaveränderung betroffen sein. Welche Probleme sieht Andreas Rigling auf die Schweizer Wälder zukommen? «Der kritische Punkt, der Flaschenhals sozusagen, ist die Verjüngung der Wälder. Gelingt sie, wenn sich das Klima schnell verändert? Welche Baumarten sollten gefördert werden? Für Baumarten, die heute ideale Keimbedingungen vorfinden, ist das Klima vielleicht bereits wieder ungünstig, wenn sie ausgewachsen sind.» Auch das Problem der Schadinsekten werde zunehmen, meint der Forscher. «Die Wärme kommt Borkenkäfern und anderen Insekten zugute. Das wird wahrscheinlich bald grosse Probleme geben, vor allem für Fichten.»

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