Nr. 37/2007 vom 13.09.2007

Der wunderbar falsche Sound

Simon Reynolds beschreibt in seinem Buch «Rip it Up and Start Again. Postpunk 1978-1984» eine musikalische Epoche, die Frau und Mann, Weiss und Schwarz zusammenbrachte.

Von Julian Weber

Punk war notwendig. Unbedingt. Aber, so wendet der englische Musikjournalist und Autor Simon Reynolds ein, seine musikalische Revolution blieb unvollendet. Für viele Chronisten war Punk bereits 1978 gescheitert und zur Geschichte geworden. Dabei wurden seine Früchte erst hinterher geerntet. Nach dem Urknall schleuderte der Postpunk die Trümmer in unterschiedliche Richtungen, setzte die Ideen von Punk mit anderen Ingredienzien in Beziehung. Heute ist längst alles über Punk gesagt, der 1976 und 1977 in England und den USA kulturelle Umbrüche hervorbrachte. Wenig dokumentiert dagegen ist die Zeit von 1978 bis 1984, die Ära von Postpunk und New Pop. Für Simon Reynolds ist Postpunk «ein Glücksfall». In den sechs Postpunkjahren hat er eine eigenständige musikalische Epoche ausgemacht. Mit «Rip it Up and Start Again - Schmeiss alles hin und fang neu an: Postpunk 1978 - 1984», hat der in New York lebende Autor dem Phänomen des Postpunk das fällige Denkmal gesetzt.

Postpunk und Gleichberechtigung

«Postpunk hat die Ideen von Punk vollendet», erklärt Reynolds. Es war eine gleichberechtigte Musikkultur. «Das fing ein bisschen mit Punk an, dass Frauen mehr wie Männer sein sollten und Männer mehr wie Frauen, und dann nahm es beim Postpunk an Fahrt auf.» Wie nie mehr hinterher spielten Musikerinnen im Postpunk eine entscheidende Rolle, übernahmen wie selbstverständlich Schlagzeug und Bass, die vorher als Heavy-duty-Männerjobs galten. «Während Punk im Zorn von Veränderung und Zerschlagung sang, blieb er musikalisch weitgehend bei klanglichen und stilistischen Klischees haften. Punk war männlich dominiert als musikalische Rückbesinnung auf Rockabilly und Mod. Alles an Postpunk ist dagegen Reaktion gegen das, was vorher da war. Postpunk war die fällige Korrektur, es komplettierte Punk, folgte dabei seiner inneren Logik und vollführte sich selbst. Innerhalb weniger Monate änderten sich die Vorzeichen komplett.»

Die Energiespritzen des Punk waren zweifellos wichtig, so Reynolds, musikalisch Innovativeres geschah Ende der siebziger Jahre jedoch in den Genres Reggae, Funk und Disco. Und auf diese hat sich Postpunk näher eingelassen. Postpunk ist so zur integrierten Popkultur geworden. Schwarze und weisse Musiker spielen zusammen in Bands wie bei den englischen A Certain Ratio. Hip-Hop und No Wave passieren in New York an den gleichen Orten in Downtown Manhattan, wo der Rapper Kurtis Blow und der leichenblasse Saxofonist James Chance gemeinsam aufgetreten sind. In England wird die Soundästhetik des Reggae zum Propeller für die Radikalität der New Wave: Der afrobritische Dubproduzent Dennis Bovell steht für die Freakouts der Pop Group und für den minimalistischen Popsound der Frauenband The Slits im Studio an den Reglern.

Signal- und Störtöne

Zentral bei Postpunk, so Reynolds, ist sein Hunger nach Neuem, die Forschung nach unbekannten klanglichen Terrains. Synthesizer sind Ende der siebziger Jahre erstmals erschwinglich und werden von den Postpunkbands massenhaft eingesetzt. Nicht als Melodiegeber, wie noch beim Progrock, sondern für Signal- und Störtöne, so wie es die einflussreiche amerikanische Band Pere Ubu vormachte. «Soundschlieren» nennt Reynolds diese elektronischen Geräusche, die erst viel später mit House und Techno weltumspannend wurden. «Rip it Up» überzeugt vor allem auch als Phänomenologie, als Versuch, der musikalischen Umwälzung eine adäquate sprachliche Beschreibung zu geben.

Besonders an Postpunk, so arbeitet Reynolds heraus, ist nicht nur der klangliche Einfallsreichtum, sondern auch die Leidenschaft, die nie wieder so widersprüchlich dargestellt wurde wie Ende der siebziger Jahre. So wickelt Reynolds etwa die Geschichte des englischen Musikers Green Garthside und seiner Band Scritti Politti auf. In wenigen Jahren brachte er es vom Übungskeller in einem besetzten Haus in London bis zur Aufnahmesession beim amerikanischen R 'n' B-Edelproduzenten Arif Mardin, ohne dabei seine Ideale zu verraten. «Ende der siebziger Jahre fiel das Licht auf die reaktionären Aspekte von Rock und die regulativen Mechanismen der Musikindustrie.» Genau diese Zerrissenheit prägt die Musik von Scritti Politti. Es sind zwar Songs nach klassischem Muster, aber gleichzeitig werden ihre Strukturen musikalisch auseinandergenommen, und in den Texten hinterfragt Garthside die Grundannahmen des Pop. Postpunk geht als Ära der Entfremdung in die Geschichte ein. Musikalisch nimmt er die politischen Umwälzungen vorweg, in den USA den Übergang vom liberalen Jimmy Carter zum konservativen Ronald Reagan, in England den Beginn des Thatcherismus und das Ende des Sozialstaats. Die illusionslose Gesellschaftsanalyse ist typisches Merkmal jener Postpunkzeit, so wie sie in den schneidenden Funksongs der englischen Band Gang of Four zum Ausdruck kamen. «Es war eine explizit linke Jugendkultur, gerade auch, weil sie ideologisch vollkommen unorthodox daherkam und sehr an Stil und Äusserlichkeiten interessiert war.»

Lydia Lunch kommt zu Wort

Kreuz und quer schiebt sich Reynolds mit seinem Buch vorwärts und seitwärts. Er verlässt sich weniger auf bereits vorhandene Meinungen und Texte, er hat all die vergessenen Figuren selbst wieder ausfindig gemacht und interviewte für «Rip it Up» 124 ZeitzeugInnen. Stars wie John Lydon oder Lydia Lunch kommen dabei ebenso zu Wort wie Plattenfirmen-, Clubbesitzer und JournalistInnen. Ihre Aussagen sind die Wegmarken in «Rip it Up». Reynolds versteht sich, im Unterschied zu den Ansätzen in seinen früheren Büchern, weniger als dominierendes Autoren-Ich denn als Kollaborateur der Postpunks. «Ich dokumentiere damit auch die menschliche Seite von Individuen, die sich zusammengetan haben und auch risikoreich darum bemüht waren, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Viele der Musiker sind ihre eigenen schärfsten Popkritiker. Ich sehe mich darum mehr als Kontextgeber, der die Ideen meiner Gesprächspartner in einen grösseren Zusammenhang stellt.» Reynolds wollte unbedingt einen akademisch-thematischen Aufbau seines Buches vermeiden. Vielleicht auch, weil er mit «Rip it Up» in seine eigene Geschichte eintaucht. Der 1963 geborene Engländer erlebte Postpunk selbst als Teenager in der Provinz, las damals die in England weitverbreiteten Music Weeklies, wöchentlich erscheinende Musikmagazine wie NME («New Musical Express») und «Melody Maker».

Postpunk war die grosse Zeit der Dezentralisierung. Neben den Metropolen London und New York entstanden signifikante Musikszenen auch in den Industriestädten des englischen Nordens, wie in Manchester und Liverpool, aber auch in Schottland und in der amerikanischen Industriestadt Cleveland. Jede Stadt hatte ihren eigenen Sound. Überall, wo Punkbands 1976 / 77 aufgetreten waren, gründeten Leute aus dem Publikum später eigene Bands und machten sich daran, die Botschaften in die Tat umzusetzen. Gerade die Begeisterung für Black Music und ihre komplizierten Songstrukturen stellten die Postpunks aber vor Schwierigkeiten. «Viele Musiker hatten keine musikalischen Vorkenntnisse, aber jede Menge seltsame Ideen. Sie versuchten, Black Music nachzuahmen, aber scheiterten daran. Und genau in diesen Fehlern schufen sie einen eigenwilligen, wunderbar falschen Sound. Die Postpunkversion von Funk klingt angespannt und vorsichtig - eine Musik der Neurosen.»

Mit der Regionalisierung entstand auch eine Anzahl kleiner Labels. In der Regel unabhängige Plattenfirmen, die die Ideen des Do-it-Yourself für sich nutzten. In Schottland gründete sich das Label Postcard Records, das die lokale Szene anschob, Bands wie Josef K. oder Orange Juice, die mit «Rip it Up» 1982 einen der ganz grossen Hits landeten und für Simon Reynolds Buch darum titelwürdig waren. «Der Song hält sich an die Prinzipien von Postpunk: Es geht um stetige Erneuerung, um spielerischen Umgang mit den Mitteln und um eine analytische Freude an Pop.»

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