WOZ Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Masterplan und Megaplayer

Letzten Donnerstag präsentierte der Finanzplatz seine neue Strategie. Sie wird nicht mehr allein von den Grossbanken bestimmt. Das ist nicht viel – aber immerhin.

Von Gian Trepp

«Masterplan Finanzplatz Schweiz» heisst das Papier, das vier Spitzenverbände der Schweizer Finanzdienstleistungsbranche Ende letzter Woche als gemeinsame Standortstrategie präsentierten. Die vier Verbände sind die Bankiervereinigung, der Versicherungsverband, die Swiss Funds Association und die neue Finanzplatzholding SWX/SIS/Telekurs.

Die Bannerträger des «Masterplans» sind Peter Gomez, der Präsident der fusionierten SWX/SIS/Telekurs, die die Infrastruktur für den Schweizer Wertschriftenhandel betreibt. Und Pierre Mirabaud von der gleichnamigen Genfer Privatbank, der auch Präsident der Bankiervereinigung ist.

Das grundsätzlich Neue bei diesem «Masterplan» für den Finanzplatz sind die anvisierten Ziele. Bislang galt im Bereich der Standortstrategie das Gesetz des Neoliberalismus: Was gut ist für die privaten Banken und Finanzdienstleister – sprich maximale Eigenkapitalrendite und maximale Managerboni – , ist automatisch gut für den Finanzplatz Schweiz. Damit macht der «Masterplan» Schluss und verkündet stattdessen zwei volkswirtschaftliche Zielgrössen: mehr Arbeitsplätze und höhere Steuereinnahmen.

Damit löst sich die Standortstrategie erstmals in der Geschichte vom Gängelband des privaten Gewinnstrebens der massgebenden vier Megaplayer des Finanzplatzes Schweiz – UBS, Credit Suisse, Swiss Re und Zurich Financial – , auch wenn diese in den jeweiligen Verbänden nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.

Der Finanzsektor hat zentrale Bedeutung für die Schweizer Volkswirtschaft. Hier die neuesten Zahlen: 2006 betrug die direkte Wertschöpfung, also das Bruttoinlandprodukt (BIP) des Finanzsektors, 70 Milliarden Franken oder 15 Prozent des gesamten BIP. Erarbeitet wurde dieser BIP-Beitrag von rund 200 000 Beschäftigten, das sind 5 Prozent aller Beschäftigten. Das Steueraufkommen des Finanzsektors belief sich 2005 auf 17 Milliarden Franken oder 16 Prozent des gesamten Steueraufkommens.

Die Finanzlastigkeit der Volkswirtschaft will der «Masterplan» mit seinen ambitionierten Wachstumszielen noch verstärken. Bis 2015 soll das Finanzgewerbe 40000 bis 80000 neue Arbeitsplätze schaffen – bei einer Verdoppelung des letztjährigen Steueraufkommens auf sagenhafte 30 Milliarden Franken. Die heutige krisenhafte Situation auf den Weltfinanzmärkten versteht Peter Gomez dabei nur als Delle in einem langfristig ungebremsten Expansionsprozess. Von einer verfehlten Finanzplatzmonokultur im imaginierten Jahr 2015 will Gomez nichts wissen. Er halte es vielmehr mit dem Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber, der ihm gesagt habe, der Finanzplatz sei kein Klumpenrisiko, sondern eine Klumpenchance.

Der «Masterplan» kommt aus der Küche der US-amerikanischen Beratungsfirma McKinsey, deren Schweizer Filialleiter Thomas Knecht bei der Präsentation des grossen Planes anwesend war. Deshalb vermag die Fixierung auf das zahlenmässige Wachstum wenig zu erstaunen. Mit dieser Mentalität des Wachstums um jeden Preis trug McKinsey zum Untergang der Swissair bei.

Neben dem Wachstumsfetischismus krankt McKinseys grosser Plan noch an einem anderen grossen Defizit: Er ignoriert die Geopolitik. Es ist schon erstaunlich, wie Thomas Knecht und seine Leute die überragende Bedeutung der Repolitisierung der Finanzmärkte für die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz schlichtweg ausblenden. Bereits heute meiden viele reiche Russen die Finanzplätze New York und London, weil sie dort aus politischen Gründen keinen fairen Deal mehr bekommen. Das Gleiche gilt auch für reiche ChinesInnen, gar nicht zu reden von reichen IranerInnen und SyrerInnen. Wenn alle von der angloamerikanischen Wirtschaftskriegspolitik verfemten Finanzkapitalisten bis 2015 in die Schweiz kommen, dann gibt es hierzulande auch mehr Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, und zwar ohne angloamerikanische Hedgefonds, Private-Equity-Spekulanten und Investmentbanken.

Gesamthaft lässt sich festhalten, dass der neue «Masterplan Finanzplatz Schweiz» trotzdem die richtigen Prioritäten einer zukünftigen Finanzplatzpolitik aus Angestelltensicht formuliert: mehr Arbeitsplätze und höheres Steueraufkommen statt maximaler Shareholder-Value und maximale Managersaläre für die vier Megaplayer UBS, Credit Suisse, Swiss Re und Zurich Financial.