Nr. 44/2007 vom 01.11.2007

Exkommunikation der Ketzerin

Eine russische Forscherin behauptet, Gentech-Soja sei für Ratten giftig. Weil ihre Studien wissenschaftlich nicht vollkommen wasserdicht sind, lässt sie ein bekanntes Fachjournal ins Messer laufen. Und die Gentech-Industrie kann sich Häme nicht verkneifen.

Von Roland Fischer

In der Septemberausgabe druckte das Wissenschaftsmagazin «Nature Biotechnology» einen ungewöhnlichen Text. Der Herausgeber des Hefts hatte so etwas wie ein Interview im Dreieck arrangiert. Er hatte eine russische Wissenschaftlerin eingeladen, Stellung zu ein paar kritischen Fragen zu einer Fütterungsstudie mit gentechnisch verändertem Soja zu nehmen. Darauf war Irina Ermakova, die Forscherin, gern eingetreten, bislang hatte sie ihre Resultate erst an Konferenzen präsentiert. Die Studie hatte für einiges Aufsehen gesorgt, berichtete Ermakova doch von einer toxischen Wirkung auf den Laborrattennachwuchs, von Verkrüppelungen und niedrigen Überlebensraten.

Ihre Antworten wurden vor der Veröffentlichung vier anderen Forschern zugesandt, die sich des Langen und Breiten über die Mängel der Studie auslassen konnten. Diese Kritik wurde mit abgedruckt, sie nahm schliesslich sogar den Hauptteil des Artikels ein. Auf die vernichtenden Kommentare reagieren konnte Ermakova nicht mehr – tatsächlich sah sie die definitive Fassung des Textes das erste Mal am Tag, als das Heft erschien. Die Verantwortlichen waren so freundlich, ihr pünktlich zum Erscheinungstermin ein PDF zu schicken.

Boulevard in der Fachzeitschrift

Andrew Marshall, der Herausgeber von «Nature Biotechnology», macht für dieses Versäumnis «logistische Gründe» geltend. Es gebe ein unendliches Hin und Her, wenn Autoren die Kritikpunkte schon vor Drucklegung zu sehen bekämen. Dann würden sie ihren Text anpassen, was wiederum Änderungen bei den Kommentaren nach sich zöge. «Das muss irgendwo aufhören», rechtfertigt sich Marshall.

Wo man dieses «Irgendwo» ansetzt, liegt allerdings ganz im Ermessen der Herausgeber. Im Fall des Ermakova-Artikels entschied man sich für die einfachste Variante und kappte den Austausch ganz. Das ist befremdlich, gerade für eine wissenschaftliche Publikation.

Normalerweise gibt es bei Fachjournalen einen penibel befolgten Ablauf. Wer glaubt, etwas Bemerkenswertes gefunden zu haben, reicht einen nach strengen formalen Regeln aufgebauten Artikel ein. Die Artikel werden ausgesuchten ExpertInnen zur Beurteilung vorgelegt. Diese können den Vorschlag entweder rundweg ablehnen, kommentarlos durchwinken oder, der häufigste Fall, mit Verbesserungsvorschlägen an die AutorInnen zurückschicken. Daraufhin erarbeiten diese eine neue Fassung, die wieder beurteilt und (eventuell nach weiteren Zusatzschleifen) dem Herausgeber zum Druck empfohlen wird. Dieses sogenannte PeerReview-System hat seine Mängel (mitunter werden vielversprechende Resultate von direkten KonkurrentInnen ausgebremst), doch zumindest sind die Mechanismen transparent – die Spielregeln sind für alle Beteiligten klar.

Mit einem solchen Fachartikel hatte der Text über Ermakovas Arbeit indes nicht das Geringste zu tun. Es handelte sich um eine seltsame Mischung von Interview und Examensmitschrift. Tatsächlich haben viele Wissenschaftspublikationen in den letzten Jahren den journalistischen Teil stark ausgebaut. Dieser ist den eigentlichen Fachtexten vorangestellt, er soll die Hefte einer breiteren Leserschaft zugänglich machen. Denn Fachartikel sind für Aussenstehende oft etwa so spannend zu lesen wie Sitzungsprotokolle. Marshall sagt selbst, dass der Artikel eine Premiere dargestellt habe: «Wir haben Inhalte noch nie in dieser Form gebracht.» Trotzdem verweist er wiederholt auf «übliche Verfahren», um das Vorgehen zu rechtfertigen.

Von den KritikerInnen eingefädelt

Dass man sich im Verlagshaus Nature mit dem Artikel auf unbekanntes Terrain vorwagt, bestätigt auch Harvey Marcovitch, früher selbst Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift und heute Direktor von Cope (Committee on Publication Ethics), einem Organ der Fachjournal-Herausgeber vornehmlich im medizinischen Bereich. «Das ist eine Art von Publikation, wie sie mir noch nie begegnet ist», sagt Marcovitch. Tatsächlich hätten ihn beim Lesen «einige Dinge überrascht». Er will sich allerdings nicht festlegen, was da genau passiert ist: «Entweder hat der Herausgeber mit einer neuen Form experimentiert, wobei nicht alles nach Wunsch geklappt hat, oder es handelt sich tatsächlich um etwas Düstereres, eine Verschwörung oder wie auch immer man es nennen will.» Solange sich nichts eindeutig belegen liesse, glaube er allerdings lieber an Ersteres.

Sieht man sich die Hintergründe der Veröffentlichung etwas genauer an, verdichten sich allerdings die Zweifel an einer unschuldigen journalistischen Experimentierfreude im Hause Nature. Eines ist augenscheinlich: Der Artikel ist alles andere als ausgewogen. Die – vermeintlichen – Experten lassen kaum ein gutes Haar an Ermakova. Und sie kommen dabei so sehr in Schuss, dass sie auch gleich noch Aspekte kritisieren, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben. Das muss auch Marshall zugeben. Auf die Frage, ob die vier in einem Peer-Review-Verfahren als Gutachter hätten durchgehen können, antwortet er ausweichend, dass sie für «manche Aspekte» hätten beigezogen werden können. Doch bei konkreten Fragen zu Fütterungsstudien oder bezüglich Tierphysiologie und Toxikologie müssten alle vier eigentlich passen. Sie hätten zusätzliche Expertisen eingeholt, sagt Marshall. Man kann sich denken, wo. Denn unbeschriebene Blätter sind die vier keineswegs. Sie sind allesamt als GVO-Fürsprecher bekannt, mit vielfältigen Beziehungen zur Industrie.

Wie kommt denn ein Herausgeber einer an sich unabhängigen Zeitschrift dazu, gleich vier nicht gerade unparteiische Experten auszuwählen? Die Antwort ist einfach: Er brauchte nicht auszuwählen, er brauchte nicht einmal zu suchen, der ganze Artikel war nämlich eine Idee der Kritiker. Sie hatten Marshall im Sommer eine E-Mail geschrieben und selbst vorgeschlagen, sich des Falls Ermakova anzunehmen. Marshall versuchte zwar, der Sache einen etwas ausgeglicheneren Anschein zu geben, indem er den Kritikern nicht allein die Bühne überliess, doch er sah es nicht als nötig an, Ermakova in die Hintergründe einzuweihen. Verständlich aus Sicht eines Herausgebers, der sich ein heisses Thema nicht entgehen lassen will: Ermakova sagt selbst, dass sie sich, wäre sie transparent informiert worden, auf das Spiel nicht eingelassen hätte.

«Nature Biotechnology» räumt der russischen Forscherin zwar die Möglichkeit ein, sich in einer der folgenden Nummern zur Kritik zu äussern. Marcovitch findet das nur eine unbefriedigende Lösung: «Ein Autor muss immer die Möglichkeit haben, auf Kritik zu antworten, und zwar vorzugsweise in derselben Nummer.»

Tatsächlich muss sich der Herausgeber die Frage gefallen lassen, weshalb er Studienresultate, die rigorosen wissenschaftlichen Vorgaben wohl nicht standhalten würden und die deshalb keine Chance hätten, in einem Peer-Review-Verfahren publiziert zu werden, nicht einfach ignoriert. Ermakova hat nie einen Hehl aus den Mängeln ihrer Studien gemacht, sie war jederzeit offen für Verbesserungsvorschläge. Durch ihre Gutgläubigkeit war sie ein dankbares Opfer für einen Schauprozess.

Die Reaktion vonseiten der Industrie kam postwendend. In einem Newsletter der Internutrition, des Interessenverbands der Schweizerischen Gentech-Industrie, wurde der Fall Ermakova als beispielhafte Bauchlandung einer Forscherin präsentiert, die sich ohne seriöse Resultate zu einem Streifzug gegen Gentech-Nahrung aufmacht. Diese Chance, in einem Rundumschlag sämtliche Kritiker unglaubwürdig zu machen, konnte sich die Gentech-Lobby nicht entgehen lassen.

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