Nr. 49/2007 vom 06.12.2007

Räumung eines «leeren» Landes

Der israelische Historiker Ilan Pappé beschreibt, wie jüdische Milizen die PalästinenserInnen 1948 von ihrem Land vertrieben - und rüttelt damit an Israels Gründungsmythos.

Von Carlos Hanimann

Das Land war fast leer gewesen. Heisst es. Und die PalästinenserInnen, die noch auf dem Land lebten, zogen freiwillig weg. So zumindest ist die israelische Staatsgründung im Mai 1948 in der zionistischen Geschichtsschreibung überliefert, und so oder ähnlich steht es in den israelischen Schulbüchern. Eine Reihe von israelischen Historiker-Innen begann Anfang der neunziger Jahre die offizielle Geschichtsschreibung Israels zu kritisieren und versuchte, den Gründungsmythos zu revidieren. Zu den sogenannten neuen HistorikerInnen gehört auch der in Haifa geborene und dieses Jahr nach England ausgewanderte Geschichtsprofessor Ilan Pappé. Das Land sei nicht unbewohnt gewesen, und als «freiwillig» könne man die Flucht der PalästinenserInnen schon gar nicht bezeichnen, schreibt Pappé in seinem neusten Buch, «Die ethnische Säuberung Palästinas».

Kühl kalkuliert

Ilan Pappé will zweifach mit den offiziellen historischen Darstellungen brechen: zum einen mit dem Mythos der angeblich freiwilligen Migration der palästinensischen Bevölkerung, aber auch mit der palästinensischen Version, der «Nakba» (Katastrophe). Es sei kein tragisches Unglück gewesen, was 1947/48 geschehen ist, sondern eine kühl kalkulierte «ethnische Säuberung». Dieser Begriff, der 1992 während des Jugoslawienkriegs zum «Unwort des Jahres» erklärt wurde, ist zwar sehr provokativ und wurde wohl gerade deshalb gewählt. Doch Ilan Pappé zeigt auf, dass der Begriff die Vertreibungspolitik der Zionisten (wie des ersten israelischen Staatspräsidenten David Ben Gurion oder des späteren Friedensnobelpreisträgers Yitzhak Rabin) genau auf den Punkt bringt. Eine ethnische Säuberung ist, so eine gängige Definition, «eine klar umrissene Politik einer bestimmten Personengruppe, eine andere Gruppe aufgrund religiöser, ethnischer oder nationaler Herkunft systematisch aus einem bestimmten Territorium zu eliminieren. Eine solche Politik umfasst Gewalt und geht sehr oft mit Militäroperationen einher.» (Drazen Petrovic im «European Journal of International Law», 1994.) Wer das Buch Pappés liest, könnte meinen, die Definition sei wörtlich den militärischen Anweisungen der israelischen Führung von 1948 entnommen.

Ein Masterplan

Dank neu zugänglicher Quellen aus israelischen Militärarchiven, dem Archiv der jüdischen Miliz Hagana, aber auch Interviews mit Palästinenserinnen und israelischen Soldaten zeichnet Pappé die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus Palästina nach. Er beschreibt ausführlich, wie ein enger Kreis von Zionisten am 10. März 1947 einen Masterplan erstellte, der die Entvölkerung Palästinas besiegelte. Mittels arabischer Kollaborateure sammelten die zionistischen Staatsgründer detaillierte Informationen über palästinensische Dörfer und ihre BewohnerInnen, bauten eine militärische Struktur (Hagana, Irgun, Stern) auf und vertrieben schliesslich bis Ende 1948 rund 800 000 PalästinenserInnen (knapp die Hälfte der ansässigen Bevölkerung) - anfangs noch getarnt als Vergeltungsaktionen, anschliessend mit massiver Einschüchterung und schliesslich mit offenen Angriffen auf die palästinensische Bevölkerung, bei denen es auch zu den Massakern von Deir Yassin oder Tantura kam.

Schmerzhafter Rückblick

Ilan Pappés Buch - es ist sein erstes, das auf Deutsch erscheint - ist eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit, wie er selber schreibt. Er erntete mit der Veröffentlichung seines mutigen Werks 2006 nicht nur Applaus - vor allem in seiner Heimat Israel geriet er in Kritik. Als Folge davon gab Pappé seinen Lehrstuhl an der Universität von Haifa auf und wanderte nach England aus, wo er zurzeit an der Universität Exeter Geschichte unterrichtet, wie er im Gespräch auf Seite 12 erläutert. Vielleicht lohnt sich gerade deshalb der schmerzhafte Rückblick - weil in Israel auch sechzig Jahre später das Zweifeln am Gründungsmythos tabu ist.

 

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Räumung eines «leeren» Landes aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr