WOZ Nr. 04/2008 vom 24.01.2008

Wu und Hu schlagen Ben

Der unkontrollierte, massenweise Einsatz von Finanzderivaten hat die globalisierten Finanzmärkte destabilisiert. Davon wissen smarte Staatskapitalisten aus China, Russland, dem Nahen Osten und Singapur zu profitieren.

Von Gian Trepp

US-Hypothekenkrise, Subprime-Crisis, Kreditkrise, Bankenkrise: Mit solchen Begriffen versuchte der hiesige Mainstream-Wirtschaftsjournalismus im Sommer 2007 die undurchsichtige Lage auf den US-amerikanischen Finanzmärkten auf den Punkt zu bringen. Berichtet wurde damals mit der Stossrichtung, das Ganze sei zwar ein ziemlich unangenehmes, aber isoliertes Phänomen, und der Markt werde es schon wieder richten. Im August sprach Bankenkommissionspräsident Eugen Haltiner in einem Zeitungsinterview noch von einer «gesunden Marktreaktion». Diese selbstzufriedene Gesundbeterei des ehemaligen UBS-Managers Haltiner machte damals vor allem seinem alten Chef Marcel Ospel Freude, die UBS war bereits beim ersten Donnergrollen auf den US-amerikanischen Finanzmärkten im Februar 2007 bös abgestürzt.

Seither ist ein halbes Jahr vergangen. Auf den globalisierten Finanzmärkten und dem Finanzplatz Schweiz ist nichts mehr, wie es damals war. Überall liegen die grossen Investmentbanken am Boden, überall sind die Börsen gecrasht, und die grosse Spekulationsparty der Hedge Fonds, Private-Equity-Firmen und Versicherungsgesellschaften scheint zu Ende zu sein.

Das Problem sind nicht die Milliardenverluste an der Börse, das Problem ist das System. Weitergehen wie bisher kann es in der Weltfinanz nicht, doch die StrategInnen in Washington, an der Wall Street und in der City of London wissen nicht, wo es in Zukunft langgehen soll.

Strategiedefizit und Konfusion des anglo-amerikanischen Finanzkapitalismus werden nirgends besser sichtbar, als wenn US-Finanzminister Hank Paulson und US-Zentralbankpräsident Ben Bernanke zu Gesprächen nach Peking pilgern, wo sie sich von Wu Xiaoling und Hu Xiaolian bereits mehrmals haben zurechtweisen lassen müssen. Wu ist Vizepräsidentin und Auslandchefin der Peoples Bank of China (Zentralbank), Hu ihre Devisenchefin. Im Einklang mit dem Politbüro weigerten sich Wu und Hu bislang strikte, den Yuan Renminbi aufzuwerten, wie von der Bush-Regierung immer eindringlicher verlangt.

Innere und äussere Krisenfaktoren

Die gegenwärtige Krise des anglo-amerikanischen Finanzkapitalismus hat zwei Hauptursachen, eine ökonomische und eine politische. Ökonomisch betrachtet sind die Auswirkungen des massenweisen Einsatzes von Finanzderivaten auf den globalisierten Märkten ausser Kontrolle geraten. Politisch gesehen schrumpft die Regulationsmacht der USA auf den globalisierten Finanzmärkten im Gefolge eines erstarkenden Staatskapitalismus, was den Kontrollverlust noch verschärft.

Was den Staatskapitalismus als politischen Destabilisierungsfaktor der Finanzmärkte betrifft, so müssen hier vor allem China und Russland erwähnt werden. Nach ihrem Sieg im Kalten Krieg vor bald zwanzig Jahren haben die USA das Finanzsystem des von ihnen dominierten Westblocks globalisiert. Der Plan war, den gescheiterten Sowjetkommunismus wie auch das bereits seit Ende der siebziger Jahre wirtschaftsreformbereite kommunistische China als Vasallen in die neue Weltordnung einer imperialen Pax Americana einzugliedern.

Doch es kam anders. Aus den Ruinen des Marxismus-Leninismus in China und Russland stiegen die Staatskapitalisten auf, welche die US-amerikanische Hegemonie über Weltpolitik, Weltwirtschaft und Weltfinanz nicht akzeptieren wollen. Darüber hinaus existiert eine bunte Schar mehr oder weniger staatskapitalistischer weiterer Nationalstaaten wie Indien, Brasilien, Venezuela oder Singapur, sowie eine aufstrebende schariakonforme Islamfinanz von Marokko bis Indonesien. Die kapitalkräftigen Staatskapitalisten, die in den vergangenen Wochen gecrashte Investmentbanken gleich reihenweise mit frischem Geld versorgt haben (vgl. Tabelle «Staatsfonds»), verfolgen nicht bloss finanzielle, sondern auch politische Ziele.

Das können die Staatskapitalisten, weil die jeweiligen Regierungen in diesem Wirtschaftssystem die Geld-, Kredit-, und Währungspolitik im Namen des Gesamtinteresses der nationalen Volkswirtschaft kontrollieren. Dies im Unterschied zum Finanzkapitalismus, in dem Geld, Kredit und Währung nicht vom Staat, sondern von den politisch unabhängigen Zentralbanken gesteuert werden. Getreu der neoliberalen Doktrin, die fordert, der Staat müsse von diesem Bereich ferngehalten werden, weil er seine Ausgaben sonst über kurz oder lang durch die eigene Banknotenpresse finanziere, was zu Geldentwertung und letztlich zu Totalverlust bei RentnerInnen, SparerInnen und InvestorInnen führe. Neben diesem Unterschied haben Staatskapitalismus und Finanzkapitalismus auch zwei Gemeinsamkeiten: Beide anerkennen das Privateigentum und die Marktwirtschaft.

Der geplante Einstieg eines Staatsfonds aus Singapur bei der UBS ist ein konkretes Beispiel eines staatskapitalistischen Mix aus Profit und Politik. Statt die Währungsreserven in nutzlosen Stabilisierungsaktionen zu verpulvern, wie es die Schweizer Nationalbank im Verbund mit den Notenbanken der USA, Britannien und der EU tut, kauft sich die Zentralbank des Stadtstaates Singapur mit ihren Währungsreserven bei der grössten Bank des Konkurrenzstandortes Schweiz ein.

Derivate destabilisieren

Bisher haben die globalisierten Finanzmärkte, ja die Globalisierung insgesamt, funktioniert, weil alle massgebenden MarktteilnehmerInnnen die vom anglo-amerikanischen Finanzkapitalismus neoliberaler Prägung definierten globalen Marktordnungen akzeptierten. Jetzt hat der Wind gekehrt. Die Finanzglobalisierung ist ins Stocken geraten. Die goldenen Jahre der SpekulantInnnen neigen sich ihrem Ende zu. Die Prognose sei gewagt: Die US-dominierten globalisierten Finanzmärkte werden schrumpfen und gleichzeitig neue Regionalmärkte entstehen.

So wie der Aufstieg des Staatskapitalismus die US-dominierten globalisierten Finanzmärkte von aussen schwächte, hat der massenweise Derivateinsatz die Märkte von innen destabilisiert. Derivate sind Wetten auf die Zukunft, Termingeschäfte mit unsicherem Ausgang in juristischer Form eines Finanzinstrumentes. Weil kein gewöhnlicher Sterblicher die Zukunft vorhersagen kann, sind Derivate irrational, Glückssache, das ist ihr tieferes Geheimnis. Dieses Geheimnis versteht jeder, auch wenn Derivate im Detail und in der Praxis höllisch kompliziert sind und ohne besondere Kenntnis in Mathematik nicht durchschaut werden können.

Im Prinzip sind Derivatgeschäfte im Wirtschaftsleben schon lange bekannt. So konnte ein Fischer am See Genezareth bereits zu biblischen Zeiten seinen Fang zum Fixpreis verkaufen, noch bevor das Boot aus dem Hafen ausgelaufen war. Gingen mehr Fische ins Netz, gewann der Käufer, und der Fischer verlor. Gingen weniger Fische ins Netz, verlor der Fixpreiskäufer, und der Fischer gewann. Spekulationsgeschäfte dieser Art machten auch BäuerInnen, wenn sie Geld brauchten und dem Müller das Getreide schon im Frühling verkauften. Doch blieben Transaktionen dieser Art noch bis vor wenigen Jahrzehnten marginal und waren in der Regel auch direkt mit einem Geschäft in der Realwirtschaft verbunden.

Die Entwicklung der Derivate zum eigenständigen, vom Grundgeschäft losgelösten Massengeschäft begann mit den Devisenderivaten nach der Einführung des Systems der freien Wechselkurse 1971. Dann kamen die Rohstoffderivate, Aktienderivate, Zinsderivate, Kreditderivate, dann die Derivate dieser Derivate, bis das Derivat schliesslich in den neunziger Jahren neben der Aktie und der Obligation zur tragenden Säule des Finanzkapitalismus herangewachsen war.

Die PropagandistInnen des Derivatebusiness sagen, das sei gut, weil die Derivate den Risikotransfer zwischen risikoberereiten und risikoscheuen MarktteilnehmerInnen ermöglichten, was das Wirtschaftsystem insgesamt stabilisiere. KritikerInnen hingegen weisen darauf hin, dass dieser Risikotransfer zum Selbstläufer geworden sei, der die Finanzwirtschaft in gefährlicher Weise von der Realwirtschaft entkopple und diese damit destabilisiere. Das Derivatgeschäft lebe nicht mehr von den Bedürfnissen der Realwirtschaft, sondern werde vielmehr von der Geldgier der Finanzdienstleister getrieben, die hier viel verdienen könnten.

Finanzplatz Schweiz bedroht

Jetzt haben die Ereignisse auf den Finanzmärkten den DerivatkritikerInnen recht gegeben. Mit Derivaten lässt sich der Rückzahlungszeitpunkt von Schulden hinausschieben. Dieser bis anhin gut geschmierte Transmissionsmechanismus ist nun ins Stocken geraten - die Blase ist geplatzt.

Die Börse crasht, eine Rezession droht, der globale Finanzkapitalismus wird von einer strukturellen Krise geschüttelt, und die Staatskapitalisten stehen vor der Tür. Gleichzeitig fehlt dem hiesigen Finanzplatz die strategische Führung. Die Grossbanken und Grossversicherungen liegen am Boden, was auch die Bankiervereinigung schwächt. Während Bundesrat, Bankenkommission und Nationalbank bislang noch wenig Substanzielles zum Niedergang der Milchkuh zu sagen hatten, die im vergangenen Jahr etwa fünfzehn Prozent des Bruttoinlandproduktes brachte. Wer rettet den Finanzplatz?