Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Schnelle Mäuse, fleissige Katzen

Am 8. Februar 1996 verkündete John Perry Barlow am Wef die Unabhängigkeit des Cyberspace. Mittlerweile ist das technische Wettrüsten um die Kontrolle der virtuellen Welt in vollem Gang.

Von Matthias Martin Becker

«Für das Internet ist Zensur nur eine Betriebsstörung, die umgangen wird.» So wie der Cyberspace-Aktivist John Perry Barlow dachten bis vor kurzem viele. Das Netz galt als Hort von unbegrenzter Freiheit und Selbstorganisation. Heute behauptet das so kühn niemand mehr. Immer mehr Regierungen blockieren missliebige Websites.

Eine neue Studie der Open Net Initiative (ONI), eines Zusammenschlusses von Forschenden der Universitäten Toronto, Cambridge, Harvard und Oxford, belegt zudem: Die ZensorInnen werden besser. «Es droht die Verkontrollierung des Netzes», heisst es im demnächst erscheinenden Buch «Access Denied»*.

Noch vor sechs Jahren filterten nur fünf Staaten in grösserem Umfang das Internet, heute sind es mindestens 36. Ideologisch haben sie wenig gemeinsam: Das klerikale Saudi-Arabien zensiert ebenso eifrig wie das kommunistische Nordkorea. Aber auch Indien, oft «die grösste Demokratie der Welt» genannt, greift tief in die elektronische Kommunikation seiner Bürgerinnen und Bürger ein. Gesperrt wird, was gesellschaftlich nicht akzeptabel ist oder die Macht der Herrschenden bedroht.

Gelegentlich versuchen die Behörden den Eindruck zu wecken, die gewünschte Seite existiere gar nicht. Im Jemen oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten dagegen erscheint eine Nachricht, die erklärt, die gewünschte Seite sei verboten, weil sittenwidrig.

In Saudi-Arabien treibt die Sittenpolizei die Zensur noch etwas weiter ins Absurde: Dort wird auf der blockierten Seite eine Telefonnummer angegeben, unter der man sich über die Entscheidung der Zensoren beschweren kann - was natürlich die Kenntnis der blockierten Seite voraussetzen würde. Wer sie allerdings auf illegalem Weg betrachtet hat, ist in aller Regel klug genug, das den Polizisten nicht mitzuteilen.

Überwachen und Strafen

Die Entwicklung hin zum sogenannten Web 2.0 mit seinen weitergehenden Teilnahmemöglichkeiten stellt die ZensorInnen vor die Alternative, entweder noch gründlicher zu filtern oder zur Repression zu greifen, um die NutzerInnen einzuschüchtern und so zur Selbstzensur zu bringen. Die Technik spielt dabei oft eine untergeordnete Rolle. In Saudi-Arabien lassen sich die Blockaden ohne grosse Mühe umgehen, aber mit den Mitteilungen der Sittenpolizei werden bestimmte Themen - wie nichtmuslimische Religionen oder Glücksspiel - symbolisch geächtet. Ähnlich im Stadtstaat Singapur, wo trotz einer extrem restriktiven Rechtslage kaum je Websites gesperrt werden. Weshalb, erklärt Onlineaktivist Alex Au Waipang: «Die Regierung hat die Kunst perfektioniert, die Nutzer zu ihren eigenen Zensoren zu machen. Sie will ihnen Angst einjagen. Mit den Gesetzen sagen sie: ‹Wenn wir wollen und dich anzeigen, kommst du ins Gefängnis. Also riskiere nicht zu viel.›» Diese Strategie scheint erfolgreich zu sein. Au berichtet, dass BloggerInnen in Singapur sich mit politischer Kritik zurückhalten.

Die Drohung mit Repressalien bleibt unglaubwürdig, solange sich die Identität verschleiern lässt. Die Überwachung von InternetnutzerInnen spielt deshalb eine Schlüsselrolle. Fast alle Staaten, die zensieren, versuchen auch Software auszuschalten, die zur Anonymisierung von Daten dient. Internetcafés in der indischen Stadt Bombay müssen laut Berichten lokaler Zeitungen seit vergangenem Herbst einen sogenannten Keylogger installieren - ein Programm, das alle Tastatureingaben aufzeichnet.

Westliche KollaborateurInnen

Die Auseinandersetzung wird härter. Als den Machthabern in Burma die Kontrolle zu entgleiten drohte, schalteten sie das Internet und auch das Mobilfunknetz gänzlich ab - eine radikale und beispiellose Massnahme. Die Regierungen in Weissrussland und Kirgistan gingen stattdessen in die Offensive. Um oppositionelle Medien zum Schweigen zu bringen, nutzten sie laut ONI sogenannte Denial-of-service-Angriffe. Bei dieser Methode werden so viele Anfragen an einen Server geschickt, bis dieser überlastet ist und nicht mehr erreicht werden kann. Die Forschenden sprechen von einem generellen Trend zu sogenannten Just-in-time-Blockaden, die nur bei Bedarf - zum Beispiel während eines Wahlkampfs - eingesetzt werden.

Ohne die Expertise westlicher Softwarehersteller und die Zusammenarbeit mit E-Mail-Providern liesse sich das Internet kaum wirksam kontrollieren. Amerikanische Firmen wie Websense oder Secure Computing liefern Filterprogramme an den Jemen und nach Burma, E-Mail-Dienste wie Yahoo verraten in China den Behörden die Namen von verdächtigen DissidentInnen. Bis vor kurzem sahen BloggerInnen in China, die beim Microsoft-Onlinedienst MSN einen Eintrag mit dem Wort «Demokratie» betiteln wollten, eine automatisch erstellte, kafkaeske Meldung: «Sie müssen einen Titel eingeben. Der Titel darf keine verbotenen Ausdrücke wie Vulgaritäten enthalten. Bitte wählen Sie einen anderen Titel.»

Um solche Sperren zu umgehen, fügen InternetpublizistInnen neue Buchstaben oder Zeichen in inkriminierte Ausdrücke ein: Aus «Demokratie» wird »Demo!krahtie». So spielen sie mit den ZensorInnen weiter Katz und Maus: Während die einen eifrig versuchen, jedes Schlupfloch zu verstopfen, finden die anderen immer neue Auswege - noch.

Warum Netzzensur schwierig ist

Der Datenstrom im Internet kann mit einem Versandhandel verglichen werden. Da sucht sich eine Kundin auf dem Land ein Buch aus einem Katalog aus. Ihre Bestellung wirft sie in einen Briefkasten. Trifft die Bestellung im Versandhaus ein, wird dort das Buch, vielleicht ein Kriminalroman, eingepackt und an die Kundin geschickt. Ähnlich funktioniert die Datenübertragung im Internet, nur handelt es sich dort nicht nur um eine einzige Transaktion, sondern Bestellung und Zustellung gehen sehr schnell hin und her. Die Rolle der Post übernimmt ein Internetdienstanbieter (ISP), und statt eines Buchs bestellt die Kundin eine Internetseite. Ausserdem werden die gewünschten Daten auf ihrem Weg durchs Netz in kleinere Einheiten zerlegt.

ZensorInnen greifen üblicherweise an drei Stellen in diesen Ablauf ein: Sie fälschen den Katalog, schliessen das Versandhaus und/oder sortieren die Briefe im Briefkasten. Dem Versandkatalog entsprechen die Domain Name Server (DNS), die Webadressen (zum Beispiel www.woz.ch) in Internetprotokollnummern (IP) auflösen. Die IP stehen für einzelne Computer im Netzwerk, auf denen die gewünschten Daten abgelegt sind. Diese Methode ist sehr einfach, allerdings nicht sehr wirkungsvoll, denn InternetnutzerInnen müssen nur die Netzwerkeinstellungen ihres Computers verändern, um andere, unkontrollierte DNS anzuwählen.

Entscheiden sich Behörden dazu, das Versandhaus ganz zu schliessen, verhindern sie nicht nur, dass das unerwünschte Buch ausgeliefert wird, sondern unterbinden auch alle anderen Bestellungen. Im Netz entspricht dem das Sperren der IP-Nummer eines Servers, auf dem viele verschiedene Websites lagern. IP-Zensur ist extrem ungenau.

In der Regel bemühen sich die Behörden, weder zu viel noch zu wenig zu blockieren. Dazu müssen sie zwischen erlaubten und unerlaubten Bestellungen unterscheiden, also öffnen und lesen sie die Briefe. Aber das funktioniert nur, wenn die KundInnen einen Briefkasten benutzen, den die Zensoren auch kontrollieren können. Auf die Internetzensur übertragen: Behörden fangen die Datenpakete des Internetprotokolls (TCP/IP) ab und entschlüsseln sie, während die KundInnen gleichzeitig gezwungen werden, einen bestimmten Proxy-Server - eben, den Briefkasten - zu benutzen. Das ist aber kaum vollständig möglich, weil immer neue Proxy-Server geöffnet werden - manchmal nur zu dem Zweck, solche Sperren zu umgehen.

Weil die Menge der Daten menschliche KontrolleurInnen überfordert, benutzen sie Filterprogramme, die anhand bestimmter Wörter oder Buchstabenfolgen Datenpakete aufhalten. Solche Filter blockieren aber entweder zu viele Sendungen, die sie eigentlich passieren lassen sollten, oder lassen viele durch, die sie stoppen müssten. Die falschen Ergebnisse lassen sich nur vermindern, indem die Unterscheidungskriterien möglichst zielgenau festgelegt werden.

Mit Hilfe von Weblogs und Angeboten wie Youtube oder Flickr können heute NutzerInnen anonym und ohne technische Vorkenntnisse im Netz publizieren. Sie können sozusagen selbst einen Versandhandel gründen und veröffentlichen, was ihnen gefällt und einfällt. Deshalb sind die ZensorInnen auf eine Zusammenarbeit mit BetreiberInnen solcher Angebote angewiesen.

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