Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Mit Kanonen zur Kunst

Ohne seine Waffen hätte Emil G. Bührle nie Bilder kaufen können. Ohne ihre Waffen hätten die Räuber am Sonntag seine Bilder nicht stehlen können.

Von Daniel Ryser

«Was ist schon ein Kunstraub gegen die Gründung einer Kunstsammlung? Wie beispielsweise die des Schweizer Waffenexporteurs Bührle, dessen Vermögen in den Jahren 1936 bis 1944 von 0,14 auf 127 Millionen Franken anwuchs.»
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Die Russen? Ein Milliardär, der den Kick braucht? Betrunkene? Ein Auftrag? Eine Versicherungserpressung? Die «Jugo-Mafia»? Am Sonntag gegen 16.30 Uhr stürmen drei Maskierte das Museum der Sammlung E. G. Bührle im Zürcher Quartier Seefeld. Einer der drei bedroht Angestellte und BesucherInnen mit einer Pistole. Die anderen beiden hängen vier Bilder im Wert von 180 Millionen Franken ab, Werke der Impressionisten Vincent Van Gogh, Claude Monet, Edgar Degas und Paul Cézanne. Dessen «Der Knabe mit der roten Weste» ist das Aushängeschild der Sammlung und hat allein einen Wert von 100 Millionen Franken. Drei Minuten später rasen die Räuber in einem womöglich weissen Auto davon. CNN und «Spiegel Online» berichten vom «grössten Kunstraub in der Geschichte Europas». Die Bührle-Stiftung setzt am Montag eine Belohnung von 100 000 Franken aus. Von den Tätern fehlt jede Spur.

Art-Napping

Die Versicherung Axa-Art, die jene Picasso-Bilder versicherte, die vor zwei Wochen aus dem Pfäffiker Kulturzentrum Seedamm gestohlen wurden (Wert: mehrere Millionen Franken), geht davon aus, dass die Bilder irgendwann wieder auftauchen, ob es nun Wochen oder Jahre dauern wird: Die Räuber würden bald merken, dass sie die Bilder nicht verkaufen können. Diese seien alle registriert und im seriösen Kunstmarkt nicht absetzbar. «Graue Kanäle» gebe es kaum. «Der Milliardär, der ein Bild kauft, will es auch zeigen und nicht verstecken.» Ob Wochen oder Jahre, «irgendwann tauchen die Bilder wieder auf», so der Sprecher. Das habe die Vergangenheit gezeigt. Oder ist es doch gezieltes Art-Napping und folgt eine Lösegeldforderung für die «entführte» Kunst? Dies sei höchst selten, so der Sprecher, vor allem auch deshalb, weil sich die Bestohlenen in die Illegalität begeben müssten, um die Bilder auf jenem Weg zurückzukaufen.

Beschwichtigung? Erfahrung? Oder blosse PR? Beim 1969 in Palermo geraubten Werk des Malers Caravaggio (Wert: 20 Millionen Dollar) vermutet die Polizei etwa, dass es im Tresor eines Mafioso gelandet ist. Und wo befinden sich die beiden Rembrandts, die 1990 aus einem Museum in Boston gestohlen wurden (Gesamtwert der Beute: 300 Millionen Dollar)? Oder die Van-Gogh-Bilder, die 2002 in Amsterdam gestohlen wurden (Gesamtwert: 30 Millionen Dollar)? Cézannes «Blick auf Auvers-sur-Oise» (Wert: drei Millionen Pfund)?

Um zu sehen, dass die «grauen Kanäle» nicht trockengelegt sind, braucht es keine besondere Recherche, sondern nur einen Blick auf die Homepage des US-amerikanischen FBI: Entwendete Bilder von Picasso bis Dalí, geplünderte Schreine und Grabstätten im Irak, geplünderte Grabstätten in Ägypten - Kunstraub ist ein Milliardenmarkt und zählt laut Interpol neben Menschen- und Drogenhandel zu den einträglichsten Delikten. Der Geschäftsleiter einer der renommiertesten Privatdetekteien der Schweiz sagt: «Ich kenne tatsächlich eine Person, die schon öfter Bestohlene bei Art-Napping-Verhandlungen vertrat.» Leider will diese Person nicht mit der WOZ reden.

Ein Anwalt in Frankfurt

Vielleicht könnte Edgar Liebrucks helfen. Liebrucks ist ein Strafverteidiger aus Frankfurt am Main mit Kanzlei im Stadtteil Sachsenhausen. Er verteidigte unter anderem einen der islamistischen Terroristen, die im Dezember 2000 versucht hatten, den Strassburger Weihnachtsmarkt in die Luft zu sprengen. Er ist in der Frankfurter Unterwelt bekannt. Er genoss und geniesst dort als Strafverteidiger erhebliches Vertrauen. Dieser Umstand machte sich im Zusammenhang mit einem Kunstraub bezahlt: 1994 drangen Räuber in die Frankfurter Kunsthalle ein und stahlen zwei Leihgaben der Tate Gallery. Es waren Werke des Malers William Turner, «Schatten der Dunkelheit» und «Licht und Farbe». Sie gelten als britisches Kulturerbe. Es war der grösste Kunstraub Deutschlands.

Deutsche Fahnder vermuteten die «Jugo-Mafia» als Drahtzieher des Diebstahls. Der britische High Court of Justice, zuständig für alle hochwertigen und sehr dringlichen Fälle, beauftragte Scotland Yard, die Bilder wieder aufzutreiben - auch mit unkonventionellen Methoden. 1998, vier Jahre nach dem Raub, trat ein Fahnder von Scotland Yard in Liebrucks Büro und bat ihn, seine Kontakte in die Unterwelt spielen zu lassen. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft garantierte dem Anwalt auf dessen Anfrage, bei einer Bildervermittlung nicht gegen ihn zu ermitteln. Die Tate Gallery überwies daraufhin mehrere Millionen Euro auf ein deutsches Konto, die im Fall einer Übergabe als Lösegeld dienen sollten. «Es war eine Ausnahmegenehmigung, weil die Bilder derart wertvoll waren. Es herrschte Notstand, die Briten drohten, nie wieder Kunst an Deutschland auszuleihen», sagt Liebruck am Telefon. Art-Napping sei durchaus gang und gäbe, ist der Strafverteidiger überzeugt.

Ein Koffer voller Geld

Das Problem dabei: Auch wer sich als Bestohlener an einem solchen Rückgabedeal beteiligt, erfüllt den Straftatbestand der Hehlerei. Ein Spaziergang war die Sache für Liebrucks nicht, trotz Scotland Yard und Staatsanwaltschaft im Rücken: «Das Problem war, dass die Galerie nicht bereit war, im Vorfeld Geld zu geben, sondern erst nachdem sie die Bilder hatte. Die Räuber wiederum waren nicht bereit, die Bilder herauszurücken, bevor das Geld bei ihnen war. Also habe ich zwei Millionen Euro vorgeschossen.» Sie haben was? «Ich vertraute dem Mann von Scotland Yard voll und ganz. Er hatte als einziger Zugang zum Konto, auf das die Tate Gallery das Lösegeld überwiesen hatte. Ich wusste, dass er mich bezahlt, wenn ich ihm die Bilder liefere.»

Und Liebrucks lieferte: Im Sommer 2002 übergab er den «Leuten», wie er die Räuber ausschliesslich nennt, in Frankfurt auf einer Parkbank einen Koffer voller Geld. Kurz darauf erhielt er das erste der beiden Turner-Gemälde. Nach weiteren Verhandlungen fuhren die «Leute» Liebrucks mit verbundenen Augen zu einer Waldhütte in Offenbach. Dort übergab er einen weiteren Geldkoffer, er bekam dafür das zweite Werk, «Licht und Farbe». «Ich wusste: Wenn ich jetzt einen Fehler mache, bin ich tot», sagte er später. Doch Liebrucks machte keinen Fehler. Kurz vor Weihnachten 2002 war auch das zweite Turner-Werk zurück in England.

Woher wusste Liebrucks, dass die Räuber nicht einfach sein Geld nehmen und verschwinden würden? «Sie waren froh, die Bilder loswerden zu können. Ich war deshalb überzeugt, die Sache zu einem Abschluss bringen zu können. Aber es waren lange, aufreibende neun Monate für mich vom ersten Kontakt bis zur letzten Übergabe. Ich wurde auch bedroht, es gab schwierige Situationen. Es handelte sich nicht um Kleinkriminelle, die davor zurückgeschreckt wären, mir etwas anzutun. Das war das organisierte Verbrechen.» Er würde nicht noch einmal als Vermittler tätig sein - «zu aufreibend, aber als Berater stünde ich zur Verfügung».

Der Flugabwehr sei Dank

Waffen und Kunst: Waffenhändler Adnan Kashoggi kaufte sich in den Achtzigern eine 86 Meter lange Jacht, benannte sie nach seiner Tochter und stellte sie für einen James-Bond-Dreh zur Verfügung. Waffenexporteur Bührle kaufte sich in den dreissiger, vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wie besessen Kunst. 1934 kaufte er eine erste Zeichnung von Degas. Mit dem Geld aus dem Waffenverkauf legte sich der Kunstsammler den Boden für seine gepflegte Sammlung (und zahlte der Stadt Zürich 1954 den Kunsthaus-Neubau - vier Millionen Franken). Bührle hatte seine Flugabwehrkanonen in den dreissiger Jahren in über dreissig Länder verkauft, wo sich KommunistInnen und FaschistInnen damit gegenseitig totschossen. Die siebentausend Flabkanonen, die er an Hitler verkaufte, machten den ehemaligen Kavallerieoffizier der deutschen Reichsmacht und Kunststudenten Bührle definitiv zum Mehrfachmillionär und füllten seinen Keller mit Kunst. Seine Sammlung gehörte bereits in den fünfziger Jahren zu einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt: Vierzehn Van Goghs, neunzehn Cézannes, zwölf Renoirs, zwölf Monets, fünfzehn Manets. «Wer bei Bührle stiehlt, stiehlt immer in Millionenhöhe», sagt ein Kunsthistoriker.

Dreizehn Bilder, die er nach dem Krieg kaufte, waren Raubkunst der Nazis. Per Gerichtsentscheid wurde Bührle 1948 gezwungen, die Bilder an die jüdischen Besitzer zurückzugeben. Neun kaufte er später zurück. Das jetzt gestohlene Cézanne-Bild «Der Knabe mit der roten Weste», kaufte er 1948. Es ist 80 cm hoch und 64,5 cm breit. Der französische Künstler malte es in den Jahren 1894/95 in der Rue d'Anjou in Paris. Es gilt als eines der schönsten Figurenbilder überhaupt. Als der Waffenexporteur das Bild kaufte, war die Kunstwelt noch längst nicht derart ökonomisiert (auch wenn die Summe für jene Zeit bereits stattlich war). Bührle bezahlte für das 100-Millionen-Franken-Werk eine Dreiviertelmillion.

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