Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Keine Woche ohne Angriff

Auf deutschen Plätzen sind antisemitische Vorfälle noch immer gang und gäbe - nicht nur bei den ZuschauerInnen. Ein Gespräch mit Tuvia Schlesinger, dem Vorsitzenden des Berliner Klubs TuS Makkabi.

Interview: Martin Krauss und Torsten Haselbauer

«Jude, verrecke», «Synagogen müssen brennen» - solche und andere antisemitische Beschimpfungen bekam der Berliner Fussballklub TuS Makkabi im September 2006 bei einem Gastspiel beim VSG Altglienicke im Osten der Stadt zu hören. Der Verein verliess unter Protest den Platz. Der Schiedsrichter wollte angeblich nichts gehört haben. «Das Schlimmste, was einem jüdischen Verein seit der Hitler-Diktatur in Deutschland widerfahren ist», beschrieb der Vorsitzende von TuS Makkabi den Vorfall später. In einem Prozess vor dem Berliner Sportgericht wurden die Altglienicker Spieler im Oktober 2006 zum Besuch von Anti-Rassismus-Seminaren verurteilt, sie mussten zudem zwei Heimpartien ohne ZuschauerInnen austragen.

WOZ: Seit diesen Vorfällen in Altglienicke spricht niemand mehr über Antisemitismus im Fussball. Heisst das, so etwas gibt es nicht mehr?

Tuvia Schlesinger: Nein, im Gegenteil. Die Situation hat sich für unsere Fussballmannschaften eher verschlechtert. Es vergeht kein Wochenende, an dem wir nicht angegriffen werden, keine Woche ohne ein antisemitisches Vorkommnis.

Wie sehen die Anfeindungen aus?

Wenn unsere A-Jugend sich in der Kabine umzieht und eine Mannschaft des anderen Vereins schon hereinkommen möchte, dann hört man zum Beispiel: «Wann sind die Scheissjuden endlich draussen?» Ein anderes Beispiel: Neulich wurde bei einem Spiel unserer ersten Mannschaft ein gegnerischer Spieler vom Platz verwiesen. Statt auf den Schiedsrichter zu schimpfen oder sich über sich selbst zu ärgern, ging der Spieler vom Platz und rief: «Dieser verfickte Scheissjudenverein!»

Hat sich die Qualität der antisemitischen Angriffe verändert?

In Altglienicke ging der Antisemitismus von den ZuschauerInnen aus. Häufig beteiligen sich jetzt auch Spieler daran. Aber nie physisch, sondern immer verbal. Mittlerweile scheint es gesellschaftsfähig zu sein, uns zu beleidigen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht einer unserer Spieler antisemitisch beschimpft wird. Derzeit herrscht eine Stimmung gegen uns, die ist nahezu unerträglich.

Wie reagiert der Berliner Fussballverband auf die Vorkommnisse?

Viel zu milde. Meiner Ansicht nach trägt der Verband sogar eine gewisse Mitschuld an den antisemitischen Tendenzen. Der Berliner Fussballverband ist im Fall Altglienicke nicht konsequent genug gewesen. Er hätte die Gelegenheit gehabt, durch massive Sanktionen ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass solche Attacken einfach nicht geduldet werden. Das wurde verpasst. So entsteht der Eindruck, dass man sich auf deutschen Fussballplätzen mehr oder weniger ungestraft antisemitisch äussern darf.

Sie fühlen sich ungerecht behandelt?

Ja, wir müssen permanent kämpfen, auch ausserhalb des Spielfeldes. Alles, was von uns verlangt wird, muss immer sofort geschehen. Alles, was der Verband für uns macht, dauert sehr lange.

Aber es ist doch auch zu beobachten, dass sich der Fussballverband verstärkt bemüht, antisemitischen und rassistischen Tendenzen entgegenzuwirken?

Ja, das will ich auch nicht leugnen. Es gibt Fortschritte. Der Berliner Fussballverband hat mittlerweile einige Massnahmen eingeleitet. Die Schiedsrichter werden in Lehrgängen sensibilisiert. Das Rechtswesen wird überarbeitet und die Sportrichter geschult. Nur, das dauert natürlich seine Zeit, bis das alles greift. Dass unsere A-Jugend weiter «verpisst euch, ihr Juden» zu hören bekommt, wird sich so schnell nicht ändern.

Machen türkische und arabische Klubs ähnliche Erfahrungen?

Ja, denen geht es genauso. Wir haben engen Kontakt zu Türkiyemspor, sie erleben rassistische Angriffe, wir antisemitische.

Ist Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen besonders verbreitet? Haben Sie etwa negative Erfahrungen mit arabischen Vereinen gemacht?

Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn wir gegen palästinensische Vereine spielen, zum Beispiel gegen al-Quds, dann läuft das meistens sehr ruhig ab. Beide Bevölkerungsgruppen sind sich der Brisanz bewusst.

Makkabi versteht sich als offener Verein, dem auch Nichtjuden beitreten können. Kommen auch Jugendliche mit muslimischem Hintergrund?

Nein, die kommen nicht zu uns. Wenn man in einen Verein geht, dann will man dort Leute treffen, die man kennt und mit denen man auf einer Wellenlänge liegt. Das dürfte der Grund für das Fehlen dieser Bevölkerungsgruppe bei uns sein.

Helfen denn sportliche Erfolge dabei, Diskriminierungen zu überwinden?

Wir spielen jetzt in der Verbandsliga und können vielleicht sogar in die Oberliga aufsteigen. Das wäre eine immense sportliche Anerkennung für unsere Arbeit. Ob uns das bei der gesellschaftlichen Anerkennung hilft, weiss ich nicht.

Wenn Sie aufsteigen, werden Sie vielleicht zu hören bekommen: Die reichen Juden haben sich den Erfolg gekauft!

Das kann vorkommen. Wenn wir aufsteigen, dann würden wir gegen Hansa Rostock II spielen und Hertha BSC II. Das birgt gewisse Risiken. In unserer ersten Mannschaft spielen zwar aktuell nur zwei Juden mit. Aber alle unsere Spieler werden als Juden wahrgenommen. Schon deshalb, weil wir den Davidstern auf dem Trikot haben.

Wie lange muten Sie sich das alles noch zu?

Wir Verantwortlichen im Verein stellen uns vermehrt diese Frage. Die Zustände verschlechtern sich, aber wir machen weiter. Das ist eine Art Trotzreaktion.

 

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