Nr. 17/2008 vom 24.04.2008

Was die Bäuerin weiss

Wer die wichtigste Menschheitsfrage beantworten will, braucht einen breiten Wissenschaftsbegriff. Nicht alle finden das gut.

Von Marcel Hänggi

Manchmal verbergen sich Geschichten hinter einem einzelnen Buchstaben. Das Gremium aus über vierhundert WissenschaftlerInnen, das am 15. April 2008 seinen bahnbrechenden Bericht zur Weltlandwirtschaft präsentiert hat – bahnbrechend, falls er ernst genommen wird – , ist zuständig für die «Internationale Bewertung von landwirtschaftlichem Wissen, Wissenschaft und Technik für die Entwicklung», englisch International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development. Das Akronym dazu, das auch für das Gremium steht, heisst IAASTD – ohne «K» für «Knowledge». Die Geschichte dieses «K» spiegelt, was den Bericht so aussergewöhnlich macht – und wofür er gescholten wird.

Doch von vorn: Das IAASTD formierte sich 2002 im Auftrag und finanziert von verschiedenen Uno-Organisationen, Staaten und der Weltbank. Es sollte Antworten auf die wohl wichtigste Frage zur Zukunft der Menschheit zusammentragen: Wie kann eine wachsende Weltbevölkerung ökologisch und sozial verträglich ernährt werden?

Technik reicht nicht

Vorbild war das Uno-ExpertInnengremium für den Klimawandel IPCC, das 2007 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Der Vorsitzende des IAASTD, Robert Watson, hatte von 1997 bis 2002 das IPCC präsidiert – dann wurde er auf Druck der Erdölindustrie abgesetzt. Wie das IPCC sollte das IAASTD einen Überblick über das vorhandene Wissen schaffen, diesmal im Bereich der nachhaltigen Landwirtschaft. Neben Regierungen waren auch internationale Organisationen, die Industrie und zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten.

Methodologisch breit abgestützt war das Unterfangen durch das «K». Mit «Knowledge» ist nämlich das Erfahrungswissen der wichtigsten AkteurInnen, der LandwirtInnen, gemeint. Es steht für die Einsicht, dass Wissenschaft und Technik allein nicht genügen. Unter den AutorInnen des Berichts finden sich ausser Agronominnen und Vertretern verwandter Disziplinen deshalb auch Fachleute für indigene Kultur oder für Genderfragen.

«Bevor wir mit dem Schreiben begannen, sprachen wir weltweit mit vielen Bauern,» sagt Hans Herren, einer der Ko-Vorsitzenden des IAASTD. «Da wurde uns klar, dass man nicht einfach nur auf die Wissenschaft setzen kann, ohne die Erfahrung dieser Leute einzubeziehen.» Der Geograf Hans Hurni von der Universität Bern hat als leitender Autor beim IAASTD-Bericht mitgewirkt. Er ergänzt: «Ich stellte zu Beginn oft fest, dass da die Erwartung vorhanden war: 'Jetzt kommt der grosse wissenschaftlich-technische Fortschritt!' Und dann merkte man, wie wichtig die Kleinbauern sind. Das bedingte, dass man traditionelles Wissen mit einbezog.»

Für manch hartgesottene NaturwissenschaftlerInnen war das nicht leicht zu akzeptieren, und auch die Industrie zeigte sich wenig erfreut. Denn mit «Wissenschaft» und «Technik» verdient sie Geld – mit «Wissen» nicht. Agrarkonzerne sehen in der gegenwärtigen Aufregung um steigende Nahrungsmittelpreise eine Chance, ihre Botschaft zu verkünden: Jetzt brauchen wir Gentechnik! Der IAASTD-Bericht bietet dazu nicht Hand.

Doppelter Bedarf bis 2050

Ab den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verbreitete sich um die Welt, was man die «Grüne Revolution» nennt: Synthetische Dünger, chemische Pflanzenschutzmittel, Mechanisierung und leistungsfähigere Sorten liessen die Flächenerträge an Nahrungsmitteln explodieren. Der IAASTD-Bericht betrachtet diesen Erfolg kritisch. Die Menschen hätten unterschiedlich von der Grünen Revolution profitiert, und die moderne Landwirtschaft trage zur Zerstörung ihrer eigenen Grundlagen bei, lautet das Fazit.

Bis 2050 wird sich der Bedarf an Nahrungsmitteln gegenüber heute nahezu verdoppeln. Wer sich eine zweite Grüne Revolution nach dem Muster der ersten erhofft, setzt auf Technik. Beispielsweise sollen gentechnisch veränderte, trockenheitstolerante Sorten den Anbau auch in Steppengebieten ermöglichen. Das IAASTD sieht das nüchtern: Bis heute fehle die klare Evidenz für die Vorteile der Gentechnik, während patentiertes Saatgut gentechnisch veränderter Sorten neue Abhängigkeiten geschaffen habe.

Statt auf die Technik legt der Bericht den Fokus auf eine kleinbäuerliche, ressourcenschonende Landwirtschaft. Dass ein im weiteren Sinne biologischer Landbau die wachsende Weltbevölkerung ernähren kann, ist keine neue Botschaft. Auch ein Bericht der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO kam 2007 zum selben Schluss.

Zu den IAASTD-AutorInnen gehörte auch Deborah Keith, Mitarbeiterin des Agrochemiekonzerns Syngenta. Im Herbst 2007 verliess sie das Gremium unter lautem Protest. «Wir sind enttäuscht», schrieb sie im «New Scientist»: «Der Entwurf des Berichts würdigt die Beiträge der Pflanzenwissenschaften zu einer nachhaltigen Landwirtschaft nicht ausreichend.» Die Agrarökologin Angelika Hilbeck von der ETH Zürich, die mit Keith in derselben AutorInnengruppe sass, widerspricht: «Der Bericht fordert im Gegenteil mehr Forschung, er setzt Pflanzenwissenschaft aber nicht mit Gentechnik gleich.» Keith sei an einer konstruktiven Mitarbeit gar nicht interessiert gewesen: «Sie hat Termine nicht eingehalten und Texte geliefert, die wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen.»

Tatsächlich sollte man der Kritik der Agrarindustrie wohl nicht mehr Gewicht beimessen als der Kritik von Zigarettenherstellenden an Studien, die den Zusammenhang von Rauchen und Krebs belegen, oder der Kritik der Erdölindustrie an der Klimaforschung. Schwerer wiegt die Kritik der Dachorganisation sechzehn internationaler Agrarforschungszentren CGIAR. Diese nannte den IAASTD-Bericht «unwissenschaftlich».

Für IAASTD-Kopräsident Herren ist das Ausdruck von Konkurrenzangst. Inhaltlich nämlich bestehen viele Gemeinsamkeiten. Beispielsweise setzt das CGIAR-Zentrum für Landwirtschaft in Trockenzonen, das Icarda im syrischen Aleppo, vor allem auf die Optimierung traditioneller Bewässerungssysteme und nicht auf moderne Biotechnik – ganz einfach, weil Ersteres mehr Erfolg verspricht (siehe WOZ Nr. 41/04).

Die Wissenschaftszeitschrift «Nature» zollte der kritischen Haltung des IAASTD gegenüber der Gentechnik sogar Respekt – wenn auch widerwillig: «Obwohl zweifellos übervorsichtig und unausgeglichen, drückt der Bericht doch nicht nur die Meinung einer kleinen Minderheit aus.»

Natürlich ist der Anspruch des IAASTD vermessen. Autor Hans Hurni sagt, man habe es nicht immer geschafft, streng wissenschaftlich zu sein. Das sei aber bei der Ausgangslage gar nicht anders möglich gewesen. Und diese ist gut: «Dass hier erstmals eine solche Bewertung nicht von einer einzelnen Interessengruppe gemacht worden ist und dass man versucht, alle wichtigen Aspekte in einem global ausgewogenen Bericht zu berücksichtigen, das ist für mich das Grossartigste.»

Radikale Lösungen gefragt

Das Vorbild des IAASTD, das Klima-Expertengremium IPCC, ist von einem viel engeren Wissenschaftsbegriff ausgegangen. Es hat alles Politische zu vermeiden versucht – mit Resultaten, die für einen Friedensnobelpreisträger grotesk sind. So ist im Landwirtschaftskapitel des IPCC viel davon die Rede, welche Bodenbearbeitungstechnik wie viele Treibhausgase vermeiden hilft. Die gesellschaftlich-ökonomischen Strukturen allerdings, die bestimmen, wie Landwirtschaft betrieben wird, sind dort kein Thema: Bodenbesitzverhältnisse etwa sind dem IPCC ganze drei Zeilen wert. Und der Agrarfreihandel wird lediglich erwähnt, weil er den Bedarf an Transportenergie erhöhen könnte.

Da ist das IAASTD viel radikaler, im besten Sinn des Wortes: Es interessiert sich für die Wurzeln der Probleme. Dazu zählen das Agrarhandelsregime ebenso wie Patentrechte oder der ungleiche Zugang zu landwirtschaftlichen Techniken von Frauen und Männern. Vor allem scheut sich das IAASTD nicht, politische Fragen politisch zu beantworten. «Eine unserer Schlussfolgerungen ist, dass die ärmsten Länder in den meisten Freihandelsszenarien zu den Verlierern gehören,» sagt Hans Herren – und betont, dass radikale Lösungen nottun: «Wir haben keine Minute zu verlieren.»

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