Nr. 19/2008 vom 08.05.2008

«Die Nakba geht weiter»

Für die PalästinenserInnen ist die Gründung des Staates Israel nicht bloss eine historische Katastrophe, sagt die Sozialwissenschaftlerin Lena Jayyusi.

Interview: Yves Wegelin

WOZ: In diesem Monat feiert Israel seinen 60. Unabhängigkeitstag - ein Ereignis, an das sich die Palästinenser als Nakba, als Katastrophe, erinnern. Ist dies den Israelis schlicht egal?

Lena Jayyusi: Die Mehrheit der Israelis verdrängt diese Seite ihrer Geschichte. Zwar kann man noch heute überall im Land historische Spuren aus der Zeit vor der israelischen Staatsgründung sehen - arabische Häuser oder zerstörte Dörfer. Doch man will sich nicht damit beschäftigen. Zudem kennen jene, die erst in den letzten Jahren nach Israel ausgewandert sind, nur die offizielle israelische Geschichtsschreibung. Es ist also beides: Zum einen wollen sie es nicht wissen, und zum anderen wissen sie es nicht. Es gibt aber auch eine Minderheit von kritischen Israelis, die sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen - dazu braucht es aber enorme Überwindung. Denn es hinterfragt das Fundament des israelischen Staates.

Wie sieht die offizielle Geschichtsschreibung aus?

Sie glorifiziert die Entstehung des Staates. Es gibt jedoch verschiedene Erzählungen - es kommt darauf an, zu welchem Anlass sie geäussert werden. Manchmal wird behauptet, Palästina sei unbewohnt gewesen, manchmal, es habe einen Krieg gegeben, den man gewonnen habe. Die historischen Fakten werden einfach unter den Tisch gekehrt [vgl. die dieser WOZ beiliegende Ausgabe von «Le Monde Diplomatique»].

Und wie stark weicht die Erinnerung der Palästinenser von der Wirklichkeit ab? Liegt die Wahrheit in der Mitte?

Ich glaube nicht, dass die Wahrheit immer in der Mitte liegt. Es gibt Ereignisse, bei denen der Fall klar ist: Palästina wurde erobert, besetzt und seine Bevölkerung zu einem grossen Teil vertrieben. Diese historischen Fakten kann man nicht verhandeln. Klar, in den Erzählungen der einzelnen Palästinenser gibt es sicher kleinere Abweichungen. Allerdings ist es bemerkenswert, wie die Erinnerungen einzelner palästinensischer Zeitzeugen mit der modernen Archivforschung - etwa jener des israelischen Historikers Ilan Pappé - übereinstimmen.

Wie stark prägt dieses historische Ereignis die Identität der Palästinenser heute?

Sehr stark. Denn es ist nicht nur ein historisches Ereignis. Für die Palästinenser hat die Nakba nie aufgehört. Das Leben in den Flüchtlingslagern und unter der israelischen Besetzung gehört zu ihrem Alltag. Sie versuchen nicht, sich an etwas zu erinnern, was vor sechzig Jahren geschah.

Sie glauben, dass es wichtig ist, sich an die Geschichte zu erinnern. Warum?

Es ist ein Bestandteil des politischen Widerstands, den man bei allen kolonialisierten Völkern beobachten kann. Der Kolonialist versucht immer auch die Erinnerung und Identität der Kolonialisierten auszulöschen. Deshalb spielt die Erinnerung eine zentrale Rolle im politischen Kampf.

Ist es nicht in jedem Konflikt auch wichtig, vergessen zu können, um eine friedliche Zukunft aufzubauen?

Sobald es Gerechtigkeit gibt, ja - aber nicht vorher.

Israel feiert seinen Unabhängigkeitstag mit zahlreichen hohen politischen Gästen aus ganz Europa. Offenbar fühlt man sich hier eher der israelischen als der palästinensischen Geschichte verpflichtet.

Es sagt etwas über die internationale politische Ordnung aus. Ich glaube jedoch, dass auch in jenen Ländern, deren Regierungen Israel seit Jahrzehnten bedingungslos unterstützen, es immer mehr Menschen gibt, welche die Ungerechtigkeit gegenüber den Palästinensern anprangern - zwischen den Bevölkerungen und ihren Regierungen existiert eine Kluft.

Sie glauben also an die Veränderung?

Oh ja! Doch sie hat noch nicht die kritische Masse erreicht, die nötig ist, um Druck auf die israelische Regierung auszuüben. Und genau das ist es, was es braucht. Ohne externen Druck wird es im Nahen Osten niemals Frieden geben.

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