Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Helden am Fenster

Von Sabina Brunschweiler

Tobi kaut an einem Vorhangzipfel und beobachtet zwei Jungen im Hinterhof. Feltz nimmt es wunder, was der Nachbar im Garten umgräbt. Andreas freut sich, dass seine Frau nicht zuhause ist und er den Blättern vor dem Küchenfenster zuschauen kann, ohne sich erklären zu müssen. Der heimliche Blick durchs Fenster taucht in Silvio Huonders Erzählband «Wieder ein Jahr, abends am See» mehrmals auf. In der letzten der vierzehn Kurzgeschichten, «Bist du einsam heut Nacht?», ist er sogar ein Hauptmotiv. Da verfolgt einer eine Unbekannte, die er für die Frau seines Lebens hält. Im Kebablokal sitzend beobachtet er den Eingang zum Schulhaus, wo sie unterrichtet, und vom Treppenhaus des gegenüberliegenden Gebäudes aus sieht er in ihre Wohnung. Bis ihn die Polizei aufspürt und verhaftet.

Huonders HeldInnen haben den Hang dazu, erst einmal abzuwarten. Die Frage, ob sie eine Chance packen können, zieht sich durchs gesamte Werk des Churer Schriftstellers. Die nun erschienenen Kurzgeschichten stammen aus verschiedenen Schaffensphasen. Die Entstehungsjahre sind zwar im Sammelband nicht angegeben, es gibt aber Hinweise: Der Text «Tobi» etwa hat 2005 den Literaturpreis des Mitteldeutschen Rundfunks gewonnen, zwei andere Erzählungen sind verfilmt worden, 1997 und 2000.

Die Orientierung am Film ist in diesen Texten spürbar. Es gibt zahlreiche, meist unerwartete Schnitte. Zudem erklärt Huonder wenig; er erzählt in Bildern, zieht zügig vorwärts. Und plötzlich steckt man mitten in einer Geschichte und fragt sich, ob man hier wirklich dabei sein will. Zum Beispiel wenn der Barkeeper in «Feierabend» einem Paar, das von der Toilette kommt, verächtlich nachschaut. Sie hat aus der Herrentoilette ein «ersticktes Gurgeln» gehört und kann ihm, einem Fremden, gerade noch das Leben retten. Er kommt ohne sein Haarteil ins Lokal zurück und schliesst unterwegs seinen Gürtel, mit dem er sich vor wenigen Minuten aufgehängt hat.

Silvio Huonder erzählt vom eintönigen Alltag, von Ungemach, ja Entsetzen mit einer Leichtigkeit, die in ihren Bann zieht. Dies fasziniert und irritiert zugleich und ist unterdessen zu einem Markenzeichen des 54-jährigen Schriftstellers geworden.

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