Nr. 27/2008 vom 03.07.2008

Immer eins schlauer

Wie lässt sich erklären, dass der durchschnittliche IQ in den Industrienationen bis in die neunziger Jahre stieg? Die Intelligenzforschung weiss nicht weiter.

Von Matthias Martin Becker

Es war kein einfaches Spiel, das die PsychologInnen der Universität Michigan ihren Versuchspersonen da zumuteten: Auf einem Bildschirm mussten die Studierenden geometrische Figuren beobachten, während sie gleichzeitig über einen Kopfhörer Buchstaben vorgelesen bekamen. Alle drei Sekunden wechselten Buchstabe und Bild. Wiederholte sich dann in einer der nächsten Runden eine Verbindung, drückten sie einen Knopf. Je weniger Fehler sie dabei machten, umso länger dauerte es bis zur nächsten Wiederholung.

Diese Aufgabe fordert das Arbeitsgedächtnis gleich mehrfach: Akustische und visuelle Signale müssen gleichermassen präsent bleiben und fortwährend mit neuen Informationen abgeglichen werden. Niemand war überrascht, dass die Leistung der Studierenden von Sitzung zu Sitzung stieg. Aber nicht nur das - sie schnitten auch bei einem Intelligenztest besser ab, der ganz andere Anforderungen stellte. «Durch das Training konnten sie neue Aufgaben besser bewältigen», erzählt einer der beteiligten Forscher, der Schweizer Martin Buschkühl. «Ausserdem stellten wir fest, dass diese Steigerung umso grösser war, je länger die Teilnehmer übten.»

Lässt sich der IQ steigern?

Buschkühl und seine Kollegen veröffentlichten ihre Ergebnisse Ende April in der Zeitschrift «Proceedings of the National Academy of Sciences». Für sie belegt das Experiment, dass Arbeitsgedächtnis und Intelligenz ursächlich zusammenhängen. Ausserdem gehen sie davon aus, dass beides durch geeignete Übungen - wie etwa das im Experiment angewandte Spiel - verbessert werden kann. Buschkühl glaubt, dass die Erkenntnisse praktische Bedeutung im therapeutischen Einsatz bekommen werden. «Wir arbeiten an Trainingsprogrammen für Kinder mit Entwicklungsstörungen oder Patienten mit Hirnverletzungen.»

Für das Forscherteam belegt das Experiment, dass sich die «fluide Intelligenz» durch geeignetes Training steigern lässt. So bezeichnen PsychologInnen die Fähigkeit, unbekannte Probleme zu lösen und sich auf neue Situationen einzustellen. Im Gegensatz dazu steht die sogenannte «kristalline Intelligenz», die auf Erfahrung und erworbenem Wissen beruht. Die Intelligenzforschung unterscheidet mit andern Worten zwischen erlernten Fähigkeiten und einem angeblich allgemeinen, unspezifischen «Lernvermögen» - einem Vermögen, das überwiegend durch Vererbung bestimmt wird. Buschkühls Kollegin Susanne Jäggi wies deshalb in der «New York Times» darauf hin, wie überraschend es sei, dass die Versuchspersonen bei den Tests besser wurden: «Intelligenz galt in der Regel als unveränderliche ererbte Eigenschaft.»

Der britische Verhaltensgenetiker Robert Plomin kritisierte daraufhin, die KollegInnen aus Michigan würden ihre Ergebnisse überinterpretieren: «Es gibt keinen Widerspruch zwischen Vererbung und verbesserter Leistung.» Wie die meisten IntelligenzforscherInnen leitet er aus der Adoptions- und Zwillingsforschung ab, dass vor allem die Erbanlagen die intellektuellen Fähigkeiten bestimmen. Der neuseeländische Wissenschaftler James Flynn etwa geht von «zwei Dritteln Vererbung» aus. Diese Annahme nun lässt sich schlecht mit einem anderen Phänomen vereinbaren: Die durchschnittliche Intelligenz verändert sich im Laufe der Zeit.

Waren die VorfahrInnen dümmer?

Besonders eindrucksvoll belegt wurde das in den Niederlanden, wo 18-jährige Rekruten bei der Musterung getestet werden. Zwischen 1952 und 1982 ist die Leistung in den Intelligenztests immer weiter gestiegen. Dieselbe Anzahl richtiger Antworten, die zu Beginn der fünfziger Jahre mit 100 Punkten als durchschnittlich eingestuft wurde, brachte 30 Jahre später nur noch 80 IQ-Punkte. Da man bei einem IQ-Wert zwischen 70 und 85 Punkten von einer Lernbehinderung spricht, würde das Verhältnis zwischen den Jahrgängen 1952 und 1982 also dem zwischen einer lernbehinderten und einer ungefähr durchschnittlichen Person entsprechen - wie kann ein so grosser Unterschied zwischen den Generationen im Alltag unbemerkt bleiben? Fasst man alle verfügbaren Daten aus den westlichen Ländern zusammen, ist das Resultat ähnlich: Der IQ steigt pro Jahrzehnt um drei Punkte. Der Genbestand kann sich aber nicht in so kurzer Zeit verändern.

James Flynn hat dieses Phänomen 1984 zum ersten Mal beschrieben. Seitdem beschäftigt der «Flynn-Effekt» Fantasie und Forschung. Als mögliche Ursachen diskutiert werden die längere Schulausbildung und kleinere Familien, in denen Kinder mehr Aufmerksamkeit und Förderung erhalten. Auch Gesundheitsversorgung und Ernährung haben sich zweifellos verbessert. Manche argumentieren, die Menschen seien heute vertrauter mit Testsituationen beziehungsweise motivierter im Umgang damit. Selbst die GendeterministInnen haben noch nicht ganz aufgegeben und wollen auch die Unterschiede zwischen den Generationen biologisch erklären. Sie sprechen von «Heterosis» - der aus der Züchtung bekannten Tatsache, dass hybride Pflanzen oder Tiere oft leistungsfähiger sind als ihre reinerbigen Eltern.

Nun hat Flynn einen eigenen Erklärungsversuch vorgelegt. Seine Lösung des scheinbaren Paradoxes: Unsere VorfahrInnen waren nicht dümmer - sie bevorzugten nur das Konkrete und verliessen die Grundlage ihrer Wahrnehmung und Erfahrung nicht. Eine «wissenschaftliche Perspektive» musste ihnen deshalb fremd bleiben. Der Autor illustriert den Unterschied durch Interviews mit usbekischen Bauern aus den zwanziger Jahren. Beharrlich verweigerten diese die Analogieschlüsse, die ihr Gesprächspartner ihnen aufzwingen wollte. Zum Beispiel: «Die Stadt B liegt in Deutschland. In Deutschland gibt es keine Kamele. Gibt es in der Stadt B Kamele?» Antwort: «Ich weiss es nicht. Ich war niemals in einem deutschen Dorf. Wenn es eine grosse Stadt ist, sollte es dort Kamele geben.»

Ein anderer Dialog macht den Unterschied in der Denkweise - oder besser: der Denkhaltung - noch deutlicher: «Wo immer Schnee liegt, sind die Tiere weiss. In Novaya Zemlya liegt immer Schnee. Welche Farbe haben die Bären dort?» - «Ich kenne nur schwarze Bären, und ich rede nicht über Dinge, die ich nicht selbst gesehen habe.» - «Ja, aber was legen meine Worte nahe?» - «Wenn jemand nicht dort war, kann er aus den Worten gar nichts schliessen.»

Flynn kommentiert: «Diese Bauern haben völlig recht, sie verstehen den Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen. Reine Logik sagt nichts aus über die Wirklichkeit; das kann nur die Erfahrung. Allerdings wird ihnen diese Einstellung in einem Intelligenztest nicht gut bekommen.» Heute seien den meisten Menschen wissenschaftliche Kategorien vertraut. Entsprechend besser schneiden sie bei Intelligenztests ab, die allesamt unanschauliches und abstrahierendes Denken verlangen.

Flynn versucht deshalb, den Begriff der Intelligenz historisch zu fassen. Die Tests werten bestimmte Denkoperationen, während sie andere abwerten. Trotzdem: Wie ist der Flynn-Effekt möglich, wenn doch Vererbung entscheidend sein soll? Einer von Flynns Erklärungsansätzen lautet, «Talente» seien zwar in den Erbanlagen begründet, würden dann aber durch Umwelteinflüsse verstärkt. Ein musikalisch begabtes Kind etwa findet eine Umgebung, die seine Begabung weiter fördert. Es wird gelobt, bekommt bessere LehrerInnen und verbringt mehr Zeit mit gleichermassen musikalisch talentierten Kindern.

Solche Verstärkungseffekte sollen den immer besseren Durchschnitt erklären. Das gesellschaftliche Niveau steigt sozusagen, während die Ungleichheit zwischen den Individuen fortbesteht - auf höherer oder niedrigerer Ebene. Ist damit das Phänomen des über die Zeit ansteigenden IQ tatsächlich enträtselt?

Der dänische Psychologe Tom Teasdale war einer der Ersten, die feststellten, dass der Flynn-Effekt offenbar nicht unumkehrbar ist. In einer Studie verglich er die Testleistungen von mehr als einer halben Million dänischer Soldaten zwischen 1959 und 2004: Der durchschnittliche IQ stieg bis zum Ende der neunziger Jahre kontinuierlich an, stagnierte dann aber beziehungsweise fiel sogar leicht ab. Eine ähnliche Untersuchung aus Norwegen zeigte, dass auch dort seit Mitte der neunziger Jahre der IQ nicht mehr anstieg. Teasdale folgerte daraus, dass der Flynn-Effekt in Norwegen und Dänemark vorbei sei.

Heute gehen IntelligenzforscherInnen davon aus, dass dieser Befund mindestens auch auf Frankreich, Grossbritannien, die Schweiz, Österreich und Deutschland zutrifft. In den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen steigt der durchschnittliche IQ weiterhin. Wieder sind die Ursachen umstritten. Zusammen mit dem amerikanischen Psychologen David Owen stellte Teasdale fest, dass der historische Flynn-Effekt in erster Linie darauf beruhte, dass die Testpersonen im unteren Bereich besser abschnitten, während der Zuwachs bei den «Begabten» viel geringer war.

Geht es uns zu gut?

Sehr vorsichtig versuchten Teasdale und Owen daraufhin, den Abfall durch das Ende der Bildungsexpansion zu erklären: Im Vergleich zu den vorigen Jahrzehnten mache das dänische Bildungssystem weniger grosse Fortschritte, beispielsweise besuchten weniger SchülerInnen das Gymnasium. Andere machen eine Entwicklung in die Dekadenz verantwortlich: Ein passiver und konsumorientierter Lebensstil, angeblich besonders in den Unterschichten verbreitet, soll schuld sein. Auch habe ein Übermass an visuellen Reizen durch die massenhafte Verbreitung von elektronischen Medien und Computerspielen die Merk- und Konzentrationsfähigkeit geschwächt.

Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass der historische Vergleich der Intelligenztests eine ganz andere langfristige Gesellschaftsentwicklung widerspiegelt: das Wachsen des materiellen Wohlstand einerseits und die Verwissenschaftlichung und Technisierung der Arbeit andererseits. Sie prägten das 20. Jahrhundert, nun sind sie zum Stillstand gekommen. Das könnte sowohl den Flynn-Effekt als auch seine Umkehrung erklären. Auf jeden Fall wird die Intelligenzforschung künftig nicht um die Frage herumkommen, inwiefern ihre Begriffe historisch sind - und deshalb überholt.

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