WOZ Nr. 32/2008 vom 07.08.2008

Trotziger Denker

Am 6. August feierte der Filmemacher und Autor seinen achtzigsten Geburtstag. Dazu erscheint eine Textsammlung mit einem Vorwort von Peter Bichsel. Ein Vorabdruck.

Von Peter Bichsel

Alexander J. Seilers Texte sind für mich so etwas wie eine versteckte Autobiografie. «Daneben geschrieben» wird wohl ein Buch sein, das man eher kreuz und quer liest als von vorn nach hinten. Und bei dieser Art von Lesen treten die einzelnen Texte miteinander in einen Dialog und beginnen sich gegenseitig zu erzählen. Sie erzählen von ihrem Autor. Und wenn ich beim Lesen ein gutes, ich meine ein grosses, Glas Rotwein trinke, wird das zu einem Roman, zu einem Entwicklungsroman, zu der Geschichte der Entwicklung einer Zeit.

Alexander J. Seiler hat diese Zeit engagiert mitgelebt, als Linker, als Oppositioneller, als trotziger Selbstdenker, und wo er auch war, er erschien immer als Fremder, als anderer - ein erratischer Block, er lebte seine Zeit engagiert, aber er kam nicht aus dieser Zeit.

Er begann Filme zu machen, als es noch nicht üblich war, dass jeder Intellektuelle in seinem Hinterkopf die Lust verspürte, Filme zu machen. Es gab zwar schon einen Schweizer Film, aber einen ganz anderen, meist brav patriotischen, und es war nicht üblich, dass einer kam und sagte, er mache nun einen Film. Ich habe Alexander Seiler zum ersten Mal an den ersten Solothurner Filmtagen getroffen, auch hier ein erratischer Block in dieser buntfröhlichen, jungen Gesellschaft der sechziger Jahre. Erratische Blöcke sind jene Steine in unseren Wäldern, die geologisch nicht hierher gehören, aber vor Urzeiten vom Gletscher in unsere Gegend getragen wurden. Sie fallen nicht auf in unseren Wäldern, sie gehören durchaus dazu. Man muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie besonders sind, von einem begeisterten Primarlehrer zum Beispiel, aber in Wirklichkeit bleibt auch so der Stein durchaus ein Stein unserer Gegend.

Alexander J. Seiler, inzwischen schon längst mein Freund Xandi, kam - auch mit seinem Jahrgang 1928 - aus dem 19. Jahrhundert, nicht irgendwie aus einem hinterwäldlerischen 19. Jahrhundert, sondern aus dem aufstrebenden Jahrhundert des Liberalismus, der Demokratie, des Bürgertums, vor allem aus jener oft belächelten, inzwischen oft vermissten Welt des Bildungsbürgertums.

Er ist nicht in einer reichen, aber gut bürgerlichen Familie aufgewachsen, seine Mutter war Psychoanalytikerin der ersten Generation nach Freud, sein Vater Jurist und als solcher Präsident eines Wirtschaftsverbandes, daneben ein leidenschaftlicher Geiger, der in seinem Haus mit Berufsmusikern regelmässig Streichquartett spielte - nicht einfach ein Kunstsammler oder Opernfreund - sondern eben ein persönlich engagierter Bildungsbürger - mit Bibliothek, mit Büchern und mit dringendem Interesse, stelle ich mir vor.

Diesen Hintergrund des Bildungsbürgers, so scheint mir, hat Seiler mitgetragen in seine Zeit, als Journalist, als Organisator eines Musikfestivals, als Literat, befreundet mit grossen Musikern, Autoren, Künstlern, und als engagierter Sozialist. Hier in dieser Welt war er der erratische Block. Er gehörte sehr dazu und war in dieser Welt gleichzeitig ein bisschen fremd. Das schaffte die Distanz, die diese Texte so besonders macht: der trotzige Denker mit einem sanften, gepflegten, kulturellen Hintergrund.

Fast hätte ich seine Filme vergessen - «Siamo Italiani», er ging mir unter die Haut und prägte mein politisches Denken. In Wirklichkeit aber ist Alexander Seiler ein Autor, ein Literat - ein Literat, der auszog, Filme zu machen, der sich wie kaum ein anderer für den Film und das Filmschaffen in der Schweiz einsetzte, und eigentlich auch hier ein Fremder blieb, kein Filmer, aber einer, der Filme macht. Seine Texte begleiten eine Biografie, die nicht abenteuerlich ist, aber spannend.