WOZ Nr. 33/2008 vom 14.08.2008

Wer Nein sagt, ist ein Sünder

Mit dem Hundertmeterfinal von Seoul 1988 wurde das Dopingzeitalter offiziell eingeläutet. Die seither installierte Repressionsmaschinerie entbehrt jeder rechtsstaatlichen Grundlage: entwürdigende Kontrollen, gesellschaftliche Ächtung, totale Überwachung.

Von Rolf-Günther Schulze

Zwei Tage lang war er der König des Leichtathletiksports. Der Kanadier Ben Johnson war am 24. September 1988 in Seoul Weltrekord gelaufen: hundert Meter in 9,79 Sekunden, dreizehn Hundertstelsekunden schneller als Carl Lewis. Am übernächsten Tag folgte der Fall: Dem muskulösen Schwarzen wurden Steroide im Urin nachgewiesen, der Dopingskandal war perfekt. Seitdem ist das Sport zerstörende Übel Doping als Stigmatisierung von EinzeltäterInnen im Umlauf - und seit einiger Zeit wird auch die gesellschaftliche Dimension diskutiert.

Bis anhin entsprechen die AthletInnen weitgehend dem Bild unpolitischer Profis: Leistungssport ist ein narzisstisches Selbstformungsprojekt, das umso besser funktioniert, je mehr Aussenbezüge vernachlässigt werden. Die eigenen körperlichen Fähigkeiten perfektionieren und automatisieren - das ist der wesentliche Faktor, um in zehn, fünfzehn Berufsjahren ein Maximum an Erfolgen zu erzielen. Das hat Folgen für das Bewusstsein der AthletInnen: Statt nachzudenken, muss intuitiv gehandelt werden, SportlerInnen, die reflektiert-politische Positionen einnehmen, sind rar.

Das erklärt vielleicht, warum SportlerInnen der Repression und der zunehmend entwürdigenden Kontrollpraxis im Antidopingkampf so selten widersprechen. Statt sich zu wehren, wenn sie sich von fremden Personen auf die ausgeleuchteten Genitalien blicken lassen müssen, regen einige SportlerInnen vielmehr eine verschärfte Verfolgung an. Die deutsche Schwimmerin Antje Buschschulte sagt etwa: «Am allerbesten fände ich regelmässige Razzien. Ich wäre auch vollkommen damit einverstanden, dass die Beamten meine Sachen durchwühlen.» Die schwedische Weltklasse-Leichtathletin Carolina Klüft und ihr Landsmann Stefan Holm, der Hochsprung-Olympiasieger von 2004, fordern gar die Implantierung von Computerchips unter die Haut, damit ihr Aufenthaltsort immer bekannt ist. «Es klingt zwar brutal», sagt Holm, «aber es scheint mir eine gute Lösung zu sein, um falsche Verdächtigungen zu vermeiden. Ohne Chip gibt es keine hundertprozentige Sicherheit.»

Unschuldsvermutung gilt nicht

Nur wenige AthletInnen wie etwa die Tennisschwestern Williams in den USA verweigern den DopingkontrolleurInnen den Zutritt in ihr Haus. Allerdings haben die meisten SportlerInnen auch keine andere Wahl: Wer die weitreichenden Vorgaben und Auflagen ablehnt, stempelt sich selbst zum Dopingsünder und ist den Job los. LeistungssportlerInnen bewegen sich in einem abgeschlossenen juristischen Universum. Die autonome Sportgerichtsbarkeit urteilt häufig jenseits rechtsstaatlicher Standards. Vor allem dass beschuldigte SportlerInnen ihre Unschuld zu beweisen haben und nicht umgekehrt, widerspricht dem allgemeinen Rechtsverständnis.

Ben Johnson, Jan Ullrich, Marion Jones oder Martina Hingis: Jeweils anders gelagerte Fälle finden sich in derselben unendlichen Geschichte; gerade weil aber ihre Unterschiede ungenügend beleuchtet werden, bleibt das ideologische Ganze verschleiert. Man analysiert den Einzelfall und verliert die Gemeinsamkeit aus dem Blick, die Erzählung, die die BetrachterInnen am Bildschirm interessiert: Wie hat er oder sie die Leistung erzielt? Wird er oder sie erwischt, zeigt er oder sie dann Widerstand oder Reue? Letztlich die Frage: Wie bestehe ich selbst in einer (Arbeits-) Welt der ständigen Überwachung und Selbstoptimierung?

Der unpolitische Charakter macht den Profisport zudem zum idealen Durchlauferhitzer, um aufgeladene Themen in der Gesellschaft durchzusetzen. Der Sport nimmt entscheidende repressive politische Aktionen vorweg und etabliert sie schliesslich, indem er sie für natürlich erklärt. Die ideologische Zielrichtung der Repression wird der Wahrnehmung entzogen. Der Kampf gegen Doping ist ideologisches Schmieröl für gesellschaftliche Entwicklungen - vom Generalverdacht gegenüber SozialhilfeempfängerInnen bis hin zur staatlichen Überwachung der BürgerInnen, ganz im Sinne der bürgerlichen Litanei: Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.

Doping? Kein Doping!

«Der Kampf ist nicht zu gewinnen!», heisst es zum Thema Doping immer wieder, was im Übrigen an die Sprache der Terror- oder Korruptionsbekämpfung erinnert. Das hat weitreichende Folgen für die Dopingliste. Jenseits von offenkundigen Mitteln wie Erythropoietin, kurz Epo, dem Ausdauerhelfer, oder den anabolen Steroiden, den Kraftmachern, ist der Verbotskatalog für AthletInnen ein kruder Flickenteppich, an dem ständig weitergenäht wird im Namen einer scheinbar objektiven Verfeinerung, Verbesserung oder Anpassung an neue Dopingmittel.

Zum Beispiel Koffein: In der Schwimmhalle der Kurzbahn-EM im November 1993 in Sheffield hatten die VeranstalterInnen gut vorgesorgt, auch ein Kaffeeautomat für die TeilnehmerInnen stand bereit. Um am Morgen in Schwung zu kommen, trank die Berliner Brustschwimmerin Sylvia Gerasch reichlich: sieben oder acht Becher. Wenige Tage später stand Gerasch als Koffein-Doping-Sünderin in den Schlagzeilen. «Mir war von vornherein klar: Ich habe schuld!», sagt Gerasch heute. Sylvia Gerasch wurde für zwei Jahre gesperrt.

Knapp ein Jahrzehnt danach, im Herbst 2003, wurde Koffein von der Dopingliste gestrichen. Professor Klaus Müller, der langjährige Leiter des Antidopinglabors im deutschen Kreischa, sagt warum: «Den weltweit üblichen Konsum von Kaffee kann man den Athleten nicht gänzlich versagen. In hohen Dosen ist Kaffee für die Leistung sogar kontraproduktiv.» In seiner Wirkung gebe es physiologisch ausserdem grosse Unterschiede, so Müller. «Bei einigen Menschen wird er unverändert wieder ausgeschieden.» Dass Koffein überhaupt auf die Dopingliste kam, sei «dem Starrsinn von Manfred Donike», dem früheren deutschen Antidopingpapst, zuzuschreiben. Die Sperre für Sylvia Gerasch nennt Müller heute «eine sehr bedenkliche Geschichte».

Oder zum Beispiel Kreatin: «Die Muskulatur wird fester, man wird spritziger, man kann mehr trainieren - die Kraftwerte werden besser!» Wer im November 2001 ins ZDF-Sportstudio zappte, wähnte sich beim Interview mit Carolin Soboll mitten in einem Anabolikageständnis. Die junge deutsche Speerwerferin jedoch sprach über Kreatin: «Ich kenne fast niemanden, der es nicht nimmt.» Das Problem bei der synthetischen Variante einer Substanz, die ganz natürlich auch in der Nahrungsmittelkette vorkommt, ist, dass sie nicht nachweisbar ist. Damit erhält Kreatin, das Steroid light, ein Unbedenklichkeitsattest und wird viel und gern verordnet. Der Schweizer Sportmediziner Max Brönnimann sagt: «Um zum Beispiel Bodybuilder von Anabolika abzubringen, muss ich ihnen eine andere leistungssteigernde Alternative anbieten.»

Die zwei Beispiele veranschaulichen den Sinn oder Unsinn von Dopinglisten: Wenn mit einer fortgesetzten Ächtung von Koffein der ganze Verbotskatalog delegitimiert zu werden droht, nimmt man es wieder von der Liste. Kann man Kreatin partout nicht nachweisen, bleibt es halt so lange erlaubt, bis man eine Nachweismöglichkeit gefunden hat.

Der Fussball bleibt verschont

Schliesslich gibt es noch die Schmerzmittel, die besonders im Fussball häufig als Cocktail regelmässig und prophylaktisch eingesetzt werden. Ein Mix «von bis zu acht Tabletten ist nicht ungewöhnlich», sagt der deutsche Biochemiker Mario Thevis, Dopingwissenschaftler (Overall Certifying Scientist) an den Olympischen Spielen in Peking. Der Schmerz wird so vermieden und die Leistungsgrenze nach oben verschoben. Gesundheitliche Schäden werden in Kauf genommen - Gelenke dauerhaft überbelastet, der Magen angegriffen, das Risiko von Herzinfarkten eingegangen -, um im Wettkampf besser bestehen zu können. Diclofenac, Voltaren oder einfach nur Aspirin: Bewusste Gesundheitsschädigung und manipulierte Leistungssteigerung - zwei der zentralen Dopingmerkmale sind erfüllt. «Der Einsatz von Schmerzmitteln stellt zumindest einen Grauzonenbereich des Dopings dar», kritisiert Thevis.

Wie zahlreiche andere ExpertInnen prangert der Kölner Professor das Thema Schmerzmittel im Leistungssport aber nicht offensiv an. Fussball, der Profisport Nummer eins, würde sonst ins Straucheln geraten. Mit seiner kommerziellen Bedeutung ist Fussball schlicht erhaben über ethisch-moralische Bedenken - und erhebt sich über definitorische Feinheiten von Doping.

Die viel beschworene Chancengleichheit, mit der gegen Doping argumentiert wird, ist damit schon im Wettstreit der unterschiedlichen Topsportarten im Kampf um Fernsehzeiten und Sponsorengelder nicht gegeben. Ohnehin: Im Leistungssport soll doch gerade ein Chancenvorsprung erzielt werden - sonst würden ja alle gleichauf ins Ziel kommen. In diesem Wettkampf spielen auch noch ganz andere Faktoren eine Rolle: soziale Absicherung, staatliche Förderung oder der Vorteil eines besseren Materials. Der Dämon Doping aber wird in erster Linie an einem authentisch reinen Körper festgemacht - es gibt offenbar keine externe Einflussnahme für die Leistungsmaximierung, jedenfalls keine strafbare.

Immer neue Sieger

Bei all dem hat sich sogar der Charakter des Leistungssports verändert: Einerseits die fortwährend wechselnden AntidopingkämpferInnen, die zwischen legalen und illegalen Substanzen schwimmen, an Messverfahren und Normwerten feilen sowie Regularien, und Definitionen fortschreiben, und andererseits die SportlerInnen, die geradezu elastisch darauf reagieren und «versuchen, alles auszuschöpfen, was irgendwie legal ist», wie der deutsche Hochspringer Ralf Sonn sagt. Das Rennen endet nicht mehr auf der Ziellinie, das Spiel nicht mehr mit dem Abpfiff. Über Jahre hinweg eingefrorene Dopingproben und zurückgehaltene Prämien: Sportlicher Wettkampf wird zum schwebenden Verfahren und ewig währenden Prozess. Die Siegerlisten der Tour de France werden ständig neu sortiert, olympische Medaillen neu vergeben, wie jüngst bei der Aberkennung der Goldmedaille für die US-amerikanische 4-mal-400-Meter-Staffel der Olympischen Spiele von 2000.

Es geht auch um das Hegen des Verbrechens. Dopingbekämpfung hat mittlerweile fast die Anmutung von Kalkül und Inszenierung: Dem Ausbalancieren zwischen Entdecken und Zurschaustellen von DopingsünderInnen, um die Verfolgung als ernsthaft und wirkungsvoll zu markieren, und der notwendigen Zurückhaltung, um nicht die Existenz einzelner Sportarten zu gefährden oder gar eine ganz andere Wahrheit offenkundig werden zu lassen - dass, wie es der deutsche Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen sagt, nämlich «der ganze Komplex des Leistungssports eben Wahnsinn ist».