Nr. 38/2008 vom 18.09.2008

Gegen den verengten Blick

Brauchen wir Emissionshandel? Solarzellen? Oder muss es doch eine Revolution sein? Der neue «Widerspruch» diskutiert drängende Fragen.

Von Bettina Dyttrich

Alle sind sich einig: Das Klima muss gerettet werden. Alle sitzen im gleichen Boot, also muss die «Weltgesellschaft» auch gemeinsam handeln. Mit Klimaschutz lässt sich sogar Gewinn machen!

Zwei Jahre nach Al Gores «Unbequemer Wahrheit» haben sich die meisten in einer ziemlich bequemen Wahrheit eingerichtet. Theoretische Bekenntnisse zum Klimaschutz gibt es viele, passiert ist wenig. Auch die linke Klimadiskussion bleibt häufig oberflächlich. Da kommt die neue Ausgabe des «Widerspruchs» gerade recht.

Ungeplant ergänzen, widersprechen und kommentieren die AutorInnen der verschiedenen Beiträge einander. «Wer die heutige Debatte verfolgt (...), gewinnt oft den Eindruck, dass der Umweltschutz weniger ein politisches als vielmehr ein rein technisches Problem sei», schreibt der Zürcher Grüne und WOZ-Autor Balthasar Glättli - und mehrere Beiträge im Buch zeigen genau, was er meint. Zum Beispiel jener von Hermann Scheer, Präsident von Eurosolar, der gemeinnützigen europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien, der vom goldenen solaren Zeitalter schwärmt, das kommen wird.

Das Öl im Boden lassen

Ein anderes Beispiel: Wäre Ecuadors Politik ein Weg? Die ecuadorianische Regierung will auf die Ausbeutung von Erdölreserven verzichten, wenn sie dafür eine finanzielle Kompensation bekommt. Achim Brunnengräber, Kristina Dietz und Simon Wolf glauben, dass diese Strategie Zukunft haben könnte - aber Elmar Altvater (siehe WOZ Nr. 35/08) zeigt im gleichen «Widerspruch», warum sie eine Ausnahme bleiben muss: «Der Verzicht auf die Förderung von Öl wäre nichts anderes als ein Akt der Kapitalvernichtung» - und kann sich deshalb in einem System, in dem Investitionsmöglichkeiten knapp und begehrt sind, nicht durchsetzen.

Altvaters Text steht am Anfang des neuen «Widerspruchs» und erklärt einige Grundlagen wie den Kohlenstoffkreislauf und den Emissionshandel. Wer diese Fakten kennt, merkt schnell, dass die Idee der «Senken», auf die heutige Klimapolitik setzt, problematisch ist.

Überhaupt löst sich die scheinbare Einigkeit bald auf. Die linke Klimadiskussion ist heute tief gespalten: Das eine Lager glaubt noch an Lösungen innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft, das andere nicht mehr. Eindeutig zur zweiten Gruppe gehört der Umweltjournalist und WOZ-Autor Hanspeter Guggenbühl: Fundiert zerpflückt er die Ideen vom «grünen Wachstum», aber auch das populäre Schlagwort der Suffizienz (Genügsamkeit, «gutes Leben», statt viel Konsum): «Naturschonende Suffizienz führt die heutige Wirtschaft in den Ruin.» Guggenbühl fordert «ein alternatives Wirtschaftssystem, das die herrschende Wachstumszwangs-Wirtschaft ersetzt». Und er erinnert daran, dass diese Forderung auch schon populärer war: In den siebziger Jahren kamen sogar die TeilnehmerInnen eines nationalen Forschungsprogramms - mit dabei der heutige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber - zu solchen revolutionären Schlüssen.

Vergesst doch mal den Markt

Auch andere AutorInnen bringen im neuen «Widerspruch» aufschlussreiche Bezüge zur Vergangenheit. Sie zeigen, wie sehr die Sicht auf das «Umweltproblem» von gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt ist. Genauso wie die Lösungsvorschläge: Heute propagieren auch viele Linke und Grüne Marktlösungen, vom Emissionshandel bis zum «ökologischen Konsum». Das passt zum neoliberalen Denken, das sich in den letzten Jahrzehnten in fast allen Köpfen festgesetzt hat.

Dieses Denken hat den Blick auf mögliche Strategien verengt. Das wird klar beim Lesen von Beat Ringgers Beitrag, der nacherzählt, wie die Schweizer Umweltbewegung ihren Schwung verlor: Zuerst wurde ein Teil ihrer Forderungen durchgesetzt - auch mit Verboten (Katalysatorobligatorium, Entschwefelung des Heizöls). Dann folgte eine ideologische Offensive gegen weiter gehende Massnahmen: Verbote «wurden - obwohl eben gerade noch äusserst erfolgreich angewandt - als freiheitsfeindlich diffamiert». Ringger glaubt, dass sich «eine erneuerte Umweltbewegung radikal von einer marktwirtschaftlichen Orientierung verabschieden» müsse.

Auch Balthasar Glättli fragt sich, «ob eine systemimmanent gedachte ‹ökologische Marktwirtschaft› (...) jene politische Kraft des Wandels freisetzen kann, welche angesichts der heutigen dramatischen Problemlage erforderlich ist». Sein lesenswerter Beitrag richtet sich in erster Linie an die Grünen. Glättli fordert eine Repolitisierung der Klimadiskussion und eine Verknüpfung mit sozialen Forderungen: Demokratisierung der Wirtschaft, Kritik von Arbeits- und Wachstumsideologie.

Vom Haushalt lernen

Es ist ein Verdienst des «Widerspruchs», dass in jeder Ausgabe feministische Autorinnen zu Wort kommen. In dieser Nummer sind es Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister. Sie bringen die ökologische Krise mit der Krise der Reproduktionsarbeit in Verbindung. Grund für die Misere sei in beiden Fällen die Trennung zwischen dem Produktiven («der Wirtschaft») und dem Reproduktiven (Pflege- und Sorgearbeiten ausserhalb der Geldwirtschaft). An zwei ganz verschiedenen Beispielen, dem Biosphärenreservat und der sogenannten Work-Life-Balance, zeigen die Autorinnen, was sie meinen. Ihre Analyse ist hoch spannend, ihre Lösungsvorschläge bleiben allerdings diffus.

Fragen der Reproduktionsarbeit haben auf jeden Fall viel mit dem Thema Energie zu tun - erst das Auseinanderreissen von Produktion und Reproduktion, Arbeiten und Wohnen hat zum heutigen energieintensiven, zerstörerischen Lebensstil geführt. Darum ist es schade, dass die anderen Texte (abgesehen von Rita Schäfers kurzem Beitrag zu Frauen in Afrika) auf dieses Thema kaum oder gar nicht eingehen.

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