Nr. 48/2008 vom 27.11.2008

Transparenz total

Wie kann man sein Erspartes ethisch korrekt und ohne grosses Risiko anlegen? Viele Möglichkeiten gibt es in der Schweiz nicht.

Von Andreas Missbach

Das Enttäuschende gleich vorweg. Das meiste Geld, das in der Schweiz in den letzten Jahren im weitesten Sinne nachhaltig angelegt wurde, floss in Aktienfonds. Dadurch sind diese Fonds genauso vom Wertverlust an den Börsen betroffen wie gewöhnliche Aktien (vgl. Kasten). Seit dem Ausbruch der Finanzkrise hat sich der Wert aller Aktien weltweit mehr als halbiert.

Das bestehende Angebot an nachhaltigen Anlagen ist grundsätzlich auf folgende drei Bedürfnisse abgestimmt. Es gibt Anlageprodukte, die es ermöglichen,

nicht von bestimmten Geschäften und Branchen zu profitieren wie beispielsweise von der Rüstungsindustrie, der Gentechnologie oder der Atomwirtschaft;

genau zu wissen, was mit dem angelegten Geld geschieht und woher die Rendite stammt;

mit dem angelegten Geld soziale und ökologisch sinnvolle Projekte zu finanzieren.

Die meisten der nachhaltigen Aktien- und Obligationenfonds arbeiten mit einfachen Ausschlusskriterien. Damit wird jedoch bereits das zweite Kriterium nicht erfüllt: Beim Kauf von Fondsanteilen landet das Geld nämlich nicht direkt bei den Firmen, die im Fonds sind, sondern bei den VerkäuferInnen der Aktien. Es kann also durchaus sein, dass ein nachhaltiger Fonds von einem Investor Aktien kauft, der mit dem Ertrag aus dem Geschäft dann etwa auf die Malediven fliegt oder in eine Rüstungsfirma investiert. Nochmals schwieriger wird es, wenn man den Anspruch hat, dass die eigene Geldanlage zusätzlich eine positive Wirkung in der Realwirtschaft hat.

Grün mit Wermutstropfen

Auf das Bedürfnis, genau wissen zu wollen, wie und wofür das eigene Geld verwendet wird, reagieren Förderobligationen der Alternativen Bank Schweiz (ABS) oder Konten der Freien Gemeinschaftsbank. Beide Banken publizieren jährlich eine Liste aller KreditnehmerInnen, die dafür auf das Bankgeheimnis verzichten. So wissen die AnlegerInnen genau, woher ihre Rendite stammt. Zudem können sie so den Anlagebereich bis zu einem gewissen Grad mitbestimmen.

Dennoch bleibt ein Wermutstropfen: Beide Banken finanzieren primär in Immobilien. Von der ABS gingen 2007 rund 73 Prozent der Kredite an Immobilienprojekte, die nachhaltig produzierende Landwirtschaft und alternative Energien erhielten lediglich je 2,5 Prozent der Kredite.

Es ist paradox: Die Abkehr von fossilen Energieträgern, die notwendig ist, um eine Klimakatastrophe zu verhindern, erfordert eigentlich gigantische Investitionen in effiziente und energiesparende Technologien sowie in den Aufbau einer kleinräumigen, dezentralen Energieversorgung auf der Basis erneuerbarer Energieformen. Und trotzdem gibt es für KleinanlegerInnen in der Schweiz kaum Möglichkeiten, ihr Geld in konkrete Projekte für alternative Energieformen anzulegen.

Natürlich existieren auch in der Schweiz viele Pionierfirmen, die auf der Suche nach Kapital sind – hier liesse sich durch den Aufbau neuer Firmen mit einem wirklich nachhaltigen Geschäftsmodell wohl am meisten bewegen. Doch dabei würde es sich um klassisches Risikokapital handeln: Die AktionärInnen tragen in einem solchen Fall das volle unternehmerische Risiko. Zudem ist der Aufwand hoch, herauszufinden, welche Firmen am ehesten das Potenzial haben, langfristig erfolgreich zu sein. Für KleinanlegerInnen, die für ihr angelegtes Geld eine hohe Sicherheit erwarten, ist dies keine empfehlenswerte Strategie. Dennoch bieten die Solarspargenossenschaft, die ADEV Energiegenossenschaft sowie die Firma Edisun Power AG die Möglichkeit, Geld etwas risikoärmer in Energieprojekte anzulegen.

Kein Geld für den Süden

Ein weiteres Paradox besteht darin, dass in den letzten Jahren massiv Kapital aus dem Süden in die Industrieländer des Nordens geflossen ist. Dies obwohl genau in den Entwicklungsländern die grössten unbefriedigten Bedürfnisse bestehen. Wäre es nicht schön, diese Prozesse liessen sich im Kleinen umkehren, während dabei sogar noch eine bescheidene Rendite herausspringen würde?

Derzeit gibt es keine Möglichkeit, jemandem in einem Entwicklungsland direkt von der Schweiz aus einen Mikrokredit zu gewähren. Doch man kann sich an einer Kreditgenossenschaft (Oikocredit) oder an einem Fonds wie beispielsweise dem Global Microfinance Fund der Erklärung von Bern beteiligen, die Mikrofinanzinstitutionen refinanzieren und ihnen so Kapital verschaffen, damit sie mehr Mikrokredite vergeben können. Wer bereit ist, ganz auf eine Rendite zu verzichten, kann sein Geld auch in einem Garantiefonds (Fonds International de Garantie) anlegen.

Die ideale Anlagemöglichkeit, die den hohen Ansprüchen nach sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit genügt und gleichzeitig eine überdurchschnittliche Rendite abwirft, gibt es also nicht. Kompromisse sind unausweichlich. Selbst die Alternative Bank, die versucht, alles anders als die Grossbanken zu machen, kam anfänglich nicht ohne Kompromisse aus: 37 Prozent ihres Gründungskapitals stammte aus Erträgen von konventionellen Anlagen.

Andreas Missbach arbeitet bei der Erklärung von Bern zum Thema «Banken und Finanzplatz». Er ist Autor von «Saubere Renditen, ökologisch und sozial verantwortungsvoll investieren» (2007).

www.evb.ch/geld

 

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