Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

«Krasse Kontrolle»

Wie ist das Leben in einem Flüchtlingscamp? Ein Innerschweizer Aktivist spricht über seine Erfahrungen mit Panzern, Geheimdiensten, verwöhnten Hilfsorganisationen und einer starren palästinensischen Gesellschaft. Aus Angst vor Sanktionen will er anonym bleiben.

Aufgezeichnet von Rachel Vogt

«Ich habe eine Hassliebe für Flüchtlingslager. Sie sehen grau und ghettoähnlich aus, aber sie sind auch sehr lebendig. Seit langem lebe ich ein paar Monate pro Jahr in palästinensischen Camps, früher meist in Palästina, heute im Libanon. Ich helfe beim Wiederaufbau, mache journalistische Arbeit und Videoworkshops.

Dabei bleibe ich immer anonym, um mir Probleme zu ersparen. Trotzdem wurde ich schon vom israelischen Inlandgeheimdienst Schin Bet ins Kreuzverhör genommen - von vier Leuten gleichzeitig. Sie hatten nichts gegen mich in der Hand, obwohl ich schon einiges gemacht habe. Früher, im Westjordanland, war ich etwa menschlicher Schutzschild gegen israelische Panzer. Oder wir deckten militärische Undercover-Einsätze der Israeli auf. Für Palästinenser ist das viel gefährlicher als für Ausländer.

Doch auch für die ausländischen Aktivisten wurde es ab 2003, mit Beginn des Irakkriegs, riskanter. Die israelische Armee hatte die Schnauze voll vom International Solidarity Movement ISM - einer internationalen Bewegung, die sich für Palästina einsetzt - und machte es sich zunutze, dass die Aufmerksamkeit der Medien im Irak lag: Sie griff Aktivisten gezielt an. Zwei ausländische Kollegen starben, und ein amerikanischer Freund von mir wurde schwer verletzt durch einen Kopfschuss.

Doch selbst die Gefahr wird zur Routine. Man muss sich richtig verhalten, ein paar Tricks kennen. Wenn ich mich vor einen Panzer stellte, damit meine Kollegen Verletzte rausholen konnten, dann versuchte ich für den Soldaten sichtbar zu bleiben und hoffte, er wolle mich nicht umlegen. Was er ja meist gar nicht vorhatte. Unberechenbarer als Panzer sind Jeeps, da aus ihnen in alle Richtungen geschossen werden kann. Brenzlig sind zudem bewaffnete innerpalästinensische Kämpfe. Wenn es mich dabei erwischen würde, das würde mich wahnsinnig nerven. Oft half ich den Ambulanzen, holte Verletzte aus der Schusslinie. Palästinensische Hilfskräfte machen das seit Jahren, und das Letzte, was sie hören wollen, ist, dass jemand das heldenhaft findet. Das sind Profis, die haben andere Sorgen. Auch die Ärzte sind sehr professionell, gerade bei Schussverletzungen.

Im Vergleich zu Palästina ist meine Arbeit im Libanon anders, und es kann mir nicht viel passieren, sie können mich bloss in den Knast stecken und ausschaffen. Meine palästinensischen Kollegen können aber für sieben Wochen in einem Foltergefängnis in Beirut verschwinden, sieben Stockwerke unter der Erde, und sie kommen als Krüppel wieder raus.

Weisse Jeeps, fette Hotels

Man muss cool und rational bleiben bei dieser Arbeit, man braucht etwas Zynismus. Wenn Leute in der Schweiz auf einem Video ein totes Kind sehen, dann heulen sie. Das bringt nichts. Mit befreundeten Aktivistinnen und Aktivisten kann ich nüchtern über die Dinge reden. Doch eigentlich bin ich ein Einzelgänger. Damit ich unabhängig bleiben kann, finanziere ich mich selbst, ich arbeite in der Schweiz meist auf dem Bau. Zuerst hing ich in Palästina noch mit Leuten vom ISM rum. Aber ich bin Anarchist und fand die Bewegung hierarchisch und hatte inhaltliche Differenzen. Mühe habe ich auch mit Hilfsorganisationen, die kann ich nicht ausstehen. Sie sind kolonialistisch und oft kontraproduktiv. Nehmen wir das Beispiel des Palästinensercamps Nahr al-Bared bei Tripolis im Nordlibanon. Die libanesische Armee hat es 2007 in einem dreieinhalbmonatigen Krieg komplett zerstört, rund 40 000 Menschen wurden vertrieben: Meetings von NGOs und Uno im teuersten Hotel von Tripolis beispielsweise gehen aufs Uno-Budget für den Wiederaufbau des Flüchtlingslagers. Die Leute von den Hilfsorganisationen fahren seit dem Ende des Kriegs in weissen Jeeps herum und wohnen in fetten Hotels. Die Flüchtlinge halten oft nicht viel von diesen Leuten, auch wenn sie das nicht laut sagen können.

Bei europäischen und US-amerikanischen Aktivisten gibt es viele, die schwarz-weiss denken. Die haben ein Problem damit, wenn sie kein Israel-Bashing betreiben können. Für sie ist Nahr al-Bared nicht attraktiv, es gibt nur eine Handvoll Aktivisten in diesem riesigen, zerstörten Flüchtlingslager. Dort sind Zehntausende obdachlos, die Lebensbedingungen sind äusserst schwierig, ein Teil des Camps ist immer noch abgeriegelt. Aber all diese jungen, abenteuerlustigen Leute gehen nach Palästina, um dort ein paar Demos zu machen. Wenn ich in der Schweiz meine Filme aus Nahr al-Bared zeige, dann fragen mich die Leute bald, ob denn da nicht Israel und der Mossad beteiligt seien. Sie könnten ja mal einen anderen analytischen Raster anwenden als die alten linken Verschwörungstheorien. Im Libanon ist die Situation doch viel komplexer!

Ich spreche Arabisch, das ist Voraussetzung für meine Arbeit. Inzwischen habe ich überall Kontakte, auch zu politischen Gruppierungen. In Palästina hätten wir ohne den Schutz und das Vertrauen der lokalen Widerstandsgruppen nicht arbeiten können. Man muss einige Schlüsselpersonen kennen.

Anschlag für die Falschen

Meine Motivation? Ich finde mein Engagement normal. Natürlich habe ich einen emanzipatorischen Ansatz, habe ich Ideale, auch wenn ich sie nie erreichen werde. Für mich gibt es nicht viele Grenzen auf dieser Welt. Wenn du ein kleines Stück beitragen kannst, dann musst du das machen. In den Flüchtlingscamps ziehen wir autonome Videokollektive auf, damit die Leute nachher selbstständig arbeiten können. Ich hoffe, dass sie das für ihre politischen Kämpfe einsetzen, dass sie ihre eigene Gesellschaft etwas genauer anschauen - und nicht, dass sie einfach Hochzeiten filmen. Aber das geht mich letztlich nichts an.

Wir haben in Nahr al-Bared Kameras hineingeschmuggelt, um zu dokumentieren, wie die libanesische Armee nach dem Krieg systematisch Häuser angezündet und geplündert hat. Die arabischen TV-Kanäle al-Dschasira, al-Arabija und al-Manar strahlten unsere Aufnahmen aus, aber nur das humanitäre Material, nicht das brisante politische. Wenn die Sender solche Dokumentationen brächten, dann würde ihr Büro in Beirut geschlossen, keine Frage. Auch Morde an Journalisten sind im Libanon keine Seltenheit.

Das Leben in den Camps ist kompliziert. Es herrscht eine krasse soziale Kontrolle. Die Gesellschaft ist autoritär, in der politischen Arbeit wird nichts fundamental hinterfragt. Und ich muss sagen: Ich habe die Schnauze voll vom traditionellen palästinensischen Aktivismus. Das läuft seit vierzig, fünfzig Jahren gleich ab: Die Leute beschränken sich darauf, eine blöde Demo zu machen mit stundenlangen Reden, die keiner hören will. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das Problem einer extrem autoritären, starren und patriarchalen Gesellschaft, die auf keine neuen Ideen kommt. Das liegt nicht einfach daran, dass die Lager teilweise abgeschlossen sind. Im Libanon bekommen die Lager massenhaft europäische Spendengelder, es gibt Workshops, es gibt eine Infrastruktur, es gäbe also durchaus Möglichkeiten. Hinderlich für einen Aufbruch ist, dass in den Lagern die politischen Parteien soziale Kontrolle ausüben und dass sich Partei- und Clanstrukturen überlagern. Wenn ich in einem Gemeinschaftszentrum einen Workshop anbiete, dann nehmen nur Leute von jener Organisation teil, die das Zentrum betreibt. Wenn jemand zum Beispiel von Fatah ist, dann geht diese Person nicht an eine Veranstaltung der Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP. Ich wohnte mal eine Zeit lang in der Westbankstadt Nablus bei einer Fatah-Familie, deren Sohn eines Tages den Plan fasste, eine Armeebasis anzugreifen - aber nicht für Fatah, sondern für die PFLP. Das gab Probleme. Die Parteizugehörigkeit, etwa zu Fatah oder Hamas, sagt übrigens in vielen Fällen nichts aus über den Grad von Konservatismus und Religiosität.

Eine solche Gesellschaft ist schwach. Nehmen wir Nahr al-Bared: Früher, das Lager gibt es ja seit sechzig Jahren, war es ein wichtiger Marktplatz im Norden von Tripolis. Heute ist es zerstört, die Leute sind völlig aufgeschmissen, der libanesische Geheimdienst heuert Kollaborateure an, es gibt kaum Jobs. Wir dokumentieren Verbrechen der Armee, doch es ist schwer, die Menschen zur Mithilfe zu motivieren. Viele sitzen den ganzen Tag rum, trinken Tee und albern herum. Es gibt wenig Solidarität, manchmal selbst innerhalb von Grossfamilien. Die Leute sind einfach müde. Zudem glaube ich, dass die Abhängigkeit von europäischem Geld sehr viel kaputt gemacht hat. Es hält dieses lähmende System des Paternalismus und Klientelismus am Leben.

Ich bringe meine Kritik vor Ort an. Vereinzelt trifft man auf sehr aufgeschlossene, intellektuelle Leute. Aber es spielen so viele Interessen eine Rolle: Die Leute, die etwas zu sagen haben, und davon gibt es immer sehr viele, zapfen europäische Spendengelder an, die haben nicht das geringste Interesse daran, dass sich etwas ändert.

Pornos statt Politik

Generell ist der interne Zusammenhalt in Camps gross, aus verwandtschaftlichen und aus nationalistischen Gründen: Man hat gemeinsam jahrzehntelang Unterdrückung erlebt, man teilt die schlechten Bedingungen. Es wird bevorzugt innerhalb des Flüchtlingslagers geheiratet, und wenn Fussballmannschaften von verschiedenen Camps gegeneinander antreten, dann haut man sich schon mal eins auf die Nase - obwohl du vielleicht aus dem gleichen Dorf in Palästina stammst wie der Typ aus dem anderen Lager. Die Flüchtlinge in der Diaspora haben meist keinen blassen Schimmer von dem, was in Palästina wirklich abgeht. Zwar gibt es Internetcafés an jeder Ecke, aber das Internet wird vor allem zum Chatten, Gamen und zum Herunterladen von Pornos genutzt, nicht für die politische Arbeit.

Trotzdem: Es gibt durchaus ein palästinensisches Selbstverständnis. Es beruht auf der Märtyrerkultur, aber auch auf dem Flüchtlingslager als Repräsentation ihres Schicksals, der Nakba - die als «Katastrophe» bezeichnete Gründung des Staates Israel 1948. An der Bezeichnung des «Flüchtlingscamps» wird festgehalten. Doch diese Identität ist brüchig. Im Libanon sind die palästinensischen Flüchtlinge unterdrückt und stigmatisiert, sie dürfen mehr als siebzig Berufe nicht ausüben. Vor allem in den Camps ist ihre palästinensische Identität relativ stark - und trotzdem wollen viele junge Palästinenser nicht zurück nach Palästina. Aber das können sie nicht laut sagen. In Syrien haben die palästinensischen Flüchtlinge einen besseren Status als im Libanon, dort sind die jungen Leute noch skeptischer gegenüber einer Rückkehr.

Die meisten jungen Leute träumen sowieso von einem Visum für Europa. Sie denken gar nicht mehr darüber nach, was sie in ihrer Gesellschaft verändern könnten. Sie wollen nur noch weg. Es gibt eine grosse Schizophrenie: einerseits der Rückfall in den religiös gefärbten Konservatismus, andererseits der Traum vom reichen, freien Europa. Die Schwester muss sich verhüllen oder darf das Haus nicht verlassen, aber am Abend guckt man Pornos und säuft Alkohol bis zum Umfallen. Es gibt wenige neue gesellschaftliche Konzepte. Selbst bekannte palästinensische Künstler werden kaum wahrgenommen, es werden keine Bücher gelesen, höchstens irgendwelche Verschwörungstheorien und ähnlicher Schrott. Dafür wird permanent Fernsehen geschaut. Vor ein paar Jahren waren die Dinge etwas in Bewegung. Doch diese Entwicklung wurde von der US-amerikanischen Invasion im Irak abgewürgt. Das hat auch im Libanon und in Palästina so viel kaputt gemacht. Es ist einer der wichtigen Gründe für die krasse Rückkehr des Konservativismus und politisch motivierter Religiosität.

Eingefärbte Küken

Das Leben im Camp ist geprägt von Schwierigkeiten: Unverheiratete können ihre Liebesbeziehungen nicht offen leben. Und eine Heirat können sich die wenigsten leisten. In einem libanesischen Camp kostet eine Standardhochzeit mit allem Drum und Dran rund 10 000 Franken. Plus: Du musst ein Haus oder eine Wohnung bauen, kaufen oder zumindest mieten. Ganze Generationen bleiben unverheiratet. Ein riesiges Problem.

Zudem sind die Güter knapp, vieles muss hineingeschmuggelt werden, man schmiert Soldaten, gräbt Tunnels. Das Geld im Lager kommt oft von Verwandten aus Europa. Denn es ist schwierig, einen Job zu finden. Ein wichtiger Arbeitgeber ist die UNRWA, das Uno-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge, sie stellt Lehrer, Sozialarbeiter, medizinisches Personal, eigentlich die ganze Infrastruktur. Andere arbeiten als Tagelöhner. Viele dieser Jobs sind Gelegenheitsjobs. Im Frühling etwa werden männliche Küken als Spielzeuge verkauft, manche werden sogar vorher in Farbkübel getunkt. Solche Jobs sind das.

Schlechte Träume habe ich nicht, obwohl ich hin und wieder Furchtbares gesehen habe. Ich bin wohl erfolgreich im Verdrängen. Die Arbeit ist manchmal ernüchternd, aber irgendwann bist du genug ernüchtert, und du machst trotzdem weiter. Das Kreative, Unkonventionelle an meiner Arbeit in den Camps gefällt mir. Was ich am meisten vermisse, ist die Freiheit. Die Freiheit, auf mein altes Velo zu steigen, an einen See zu fahren, ohne dass mich ein halbes Dorf dabei beobachtet.»

 

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