Nr. 05/2009 vom 29.01.2009

Kampf im Klassenzimmer

Laurent Cantets beeindruckender Film aus dem Schulalltag erhielt die Goldene Palme in Cannes und ist jetzt auch für den Oscar nominiert.

Von Michèle Wannaz

Ein Film, der zu neunzig Prozent in einem Klassenzimmer spielt, in dem SchülerInnen die Hände recken oder auch nicht (weil sie lieber die Füsse auf den Tisch legen), in dem ein Lehrer sich abmüht, lacht und manchmal auch kurz verzweifelt - das klingt eigentlich nicht sonderlich aufregend. Ist es aber: so aufregend, dass Laurent Cantets «La Classe - Entre les Murs» nicht nur als erster französischer Film seit 21 Jahren wieder einmal die Goldene Palme in Cannes gewann, sondern vergangene Woche gleich noch für den Oscar nominiert wurde - in der Kategorie «bester nicht englischsprachiger Film».

Die Schule des Lebens

Der Film verdankt dies seiner Wahrhaftigkeit. Einer Wahrhaftigkeit, die darauf vertraut, dass das vordergründig Unspektakuläre, das er zu erzählen hat, sehr wohl genügt. Weder spielen sich grosse Liebesdramen ab, noch kommt es auf dem Pausenplatz zu schlimmen Raufereien. Und dies, obwohl 25 SchülerInnen zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren, im Alter der grossen Selbstfindung also, ein (fiktives) Jahr lang begleitet werden - und das erst noch in einem Pariser Vorort, wo zahlreiche Ethnien aufeinandertreffen. In einer Zeit, in der Diskussionen um Überfremdung und Gewalt an den Schulen die Medien dominieren, ist Cantets Verzicht auf Sensationshascherei wohltuend.

Der Verzicht resultiert nicht aus einem mühsam konstruierten Antikonzept, sondern direkt aus der Art, wie der Film zustande kam: Regisseur Laurent Cantet - der bereits in der Vergangenheit mit eindrücklichen Sozialstudien wie «Ressources humaines» oder «Vers le Sud» auffiel - las das Buch «Entre les Murs» des Lehrers François Bégaudeau. Dieser schildert Lust und Frust eines ganz normalen Schuljahres, wie er es mit seiner Klasse erlebt hat. Und Cantet wusste gleich: Das ist der Stoff, den er gesucht hat! Er traf Bégaudeau und war so begeistert von ihm, dass er ihm auf der Stelle die Hauptrolle in seinem Film anbot: Er sollte sich selber spielen. Gemeinsam schrieben die beiden den Roman in ein Drehbuch um, arbeiteten an kleinen Spannungsbögen und ersten Szenenskizzen.

Bei der Suche nach den SchülerInnen für den Film gingen sie pragmatisch vor. Es gab kein gross angelegtes Casting mit Tausenden von BewerberInnen. Die beiden boten an einer Pariser Schule einen Workshop an, an dem man einmal pro Woche teilnehmen konnte. Von den fünfzig SchülerInnen zu Beginn blieb Ende Jahr noch etwa die Hälfte übrig - all jene eben, die die Lust am Projekt nicht verloren hatten.

Lustig, klug, anrührend

Mit ihnen entwickelten Cantet und Bégaudeau Figuren, die einerseits vorgegebene Eigenschaften besassen, in die die Jugendlichen aber auch viel von sich selbst einfliessen lassen konnten. Und schliesslich wurde nach groben Vorgaben drauflos improvisiert - immer innerhalb des engen Rasters Schulunterricht. Es geht um Machtkämpfe, um Chancenungleichheit, die Unbill des Leistungsprinzips, aber auch um familiäre Dramen, die im Hintergrund ablaufen. Bégaudeau will seinen SchülerInnen aber vor allem Selbstachtung und gegenseitigen Respekt beibringen.

Dabei entstanden Szenen, in denen die Grenze zwischen Realität und Fiktion permanent verwischt werden und die oft erstaunlich lustig, klug und anrührend sind. So etwa, wenn der Totalverweigerer Souleymane zum ersten Mal ein Lob erhält und dabei seinen Stolz allen Bemühungen um Coolness zum Trotz kaum verbergen kann. Oder wenn sich eine Diskussion um Schamgefühl entfacht oder um den Nutzen des Subjonctif passé. Schüler: «So spricht doch heute keiner mehr! Wann haben sie zum letzten Mal jemanden so sprechen gehört?» Lehrer: «Gestern Abend meine Freunde.» Schüler: «Ja gut, ich meine natürlich, jemand Normaler!»

Fragen und keine Antworten

Schön ist, dass der (hierarchische) Sieger am Ende manchmal gleichzeitig der (moralische) Verlierer ist, und dass auch Bégaudeau Schwächen offenbart, die denen seiner SchülerInnen aufs Haar gleichen: Wenn er sich nicht respektiert fühlt, kann er genauso verletzt überreagieren, um sich dann mit ähnlichen Scheinargumenten wieder aus der misslichen Lage zu winden. Der Film wertet nicht, verfällt in kein Schwarz-Weiss-Schema und liefert vor allen Dingen keine Antworten. Vielmehr bildet er die Realität ab, wie sie ist, sodass man sich dieselben Fragen stellen muss wie der Lehrer und die SchülerInnen: Was ist richtig, was ist falsch, wie soll man sich verhalten, was bewirkt am meisten, und was soll es überhaupt bewirken? Erzählstränge werden oftmals nicht aufgelöst, Handlungsmotive teilweise nicht klar. Und doch oder gerade deshalb schliesst man hier in kürzester Zeit ein paar Menschen ins Herz, an die man wohl noch öfter denken wird, nachdem man das Kino längst verlassen hat.

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