Nr. 06/2009 vom 05.02.2009

Das Schweigen brechen

Von Yves Wegelin

«Dieses Buch ist keine weitere Analyse des politischen Stillstands», wird den LeserInnen im Klappentext versprochen; vielmehr gewähre es «einen höchst persönlichen und erschütternden Einblick» in das Leben derjenigen, die von den politischen Entscheidungen betroffen sind. «Checkpoint Huwara», das über den israelisch-palästinensischen Konflikt erzählt, hält dieses Versprechen. Das Erstlingswerk der jungen NZZ-Journalistin Karin Wenger lässt ganz normale Menschen zu Wort kommen, Menschen, deren Vertrauen die Autorin während ihrer monatelangen Recherchen in Israel und den besetzten Gebieten gewinnen konnte.

So etwa Mohammed, ein junger Palästinenser aus dem Flüchtlingslager Balata im Westjordanland. Mohammed erzählt von seiner Kindheit in Jordanien und von der Zeit der zweiten Intifada 2000, während der er infolge einer Schussverletzung zum Krüppel wurde. Er schildert, wie er an einem israelischen Checkpoint verhaftet, über mehrere Wochen verhört und gefoltert wurde und anschliessend zwei Jahre in israelischen Gefängnissen verbrachte - und berichtet von seinem Freund Khalil, der bei den Al-Aksa-Brigaden kämpft. Auch Israelis kommen zu Wort. So etwa der junge Fallschirmjäger Shai, der einst im Flüchtlingslager Balata im Einsatz war und sich später der armeekritischen Vereinigung Breaking the Silence anschloss.

Karin Wenger lässt nicht nur die Menschen aus Israel und Palästina zu Wort kommen. Sie gewährt auch Einblicke in ihr eigenes Notizbuch. Darin schreibt sie über ihren Lebensalltag in Ramallah, über nächtliche Gespräche mit Al-Aksa-Kämpfern in Nablus oder über den Strand von Gaza. Und schliesslich greift die Autorin auch selbst ein Stück weit in die Geschichte ihrer Protagonisten ein: Sie arrangiert ein Treffen zwischen Mohammed und Shai in Ramallah. Sie verbringen einen gemeinsamen Abend - bevor beide am nächsten Morgen wieder in ihre eigene Welt verschwinden. Ein kleiner Versuch, die «Mauer des Schweigens» zu durchbrechen und den Dialog zu fördern.

Leider wird Dialog allein den jahrzehntealten Konflikt nicht lösen können. Zu fest sind die Menschen auf beiden Seiten in überliefertem Denken gefangen - eine der wesentlichen Erkenntnisse, die sich aus dem Buch gewinnen lassen. Die Lösung des Konflikts liegt wohl eher auf dem Gebiet der Politik. Ohne Druck von aussen wird es in Israel-Palästina keinen Frieden geben.

 

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