Nr. 08/2009 vom 19.02.2009

Das Recht auf Liebe in allen Variationen

In ihrem Buch versucht die Literaturwissenschaftlerin Monika Antes, Denken und Fühlen der Dichterin und Wegbereiterin des italienischen Feminismus näherzubringen.

Von Christiana Puschak

Wenn der Name Sibilla Aleramo alias Rina Faccio (1876-1960) fällt, so wird er vor allem mit ihrem Bekenntnisbuch «Una donna» (1906) verbunden. Dieser stark autobiografisch gefärbte Roman beschreibt die unglückliche Ehe einer jungen Frau, die sich gezwungen sieht, einen Mann zu heiraten, der sie vergewaltigt hat. Zehn Jahre der Erniedrigungen in dem «orientalischen Gefängnis» folgen, bis die Protagonistin sich entschliesst, ihren Mann und den geliebten Sohn zu verlassen: «Und jetzt wusste ich, dass aller Schmerz, der mich erwartete, niemals so gross sein würde wie der, den ich jetzt empfand.»

Weibliche Existenzerfahrung

Seit seinem Erscheinen ist dieser Roman als Manifest für die Rechte der Frauen gelesen worden, in dem über die Rolle der Frau in der italienischen Gesellschaft reflektiert wird. Die Protagonistin wird als Prototyp einer selbstbestimmten Frau gedeutet, die sich von allen Konventionen befreit. Mit «Una donna» liegt ein Bericht einer weiblichen Existenzerfahrung vor, der als eine Form weiblicher Identitätssuche, als Kampf gegen die eigene Selbstverleugnung gelesen werden kann und dessen Autorin als Wegbereiterin der Frauenemanzipation zu betrachten ist.

Wer mehr über die Autorin und ihr Werk erfahren will, kann nun zum Buch «Ich liebe, also bin ich» der Literaturwissenschaftlerin Monika Antes greifen. Bereits in ihrer Einführung betont sie, dass «ein ungeschminktes Bild» über Aleramos vielschichtiges und schwieriges Leben nur zu erhalten ist, wenn man ihr umfangreiches literarisches Werk kennt, von dem bisher nur drei Bücher in deutscher Sprache vorliegen. Deshalb läge es in ihrer Absicht, die Texte Aleramos in Deutschland bekannt zu machen und stärker deren Inhalt zu präsentieren, als auf deren Bewertung zu achten. So stellt sie drei weitere Romane, zwei Prosatexte, eine Novelle, ein Theaterstück, einige Gedichte und Briefe wie Tagebuchauszüge vor und spürt der autobiografischen Dimension der Werke nach.

Laut Antes literarisiert Sibilla Aleramo im Roman «Il Passaggio» (Übergang), einer Art lyrischer Autobiografie, ihre homoerotische Beziehung zu einem «männlichen Mädchen» als «Apokalypse der Liebe» und Absage an das Dogma der katholischen Kirche, das Sexualität nur innerhalb der Ehe erlaubt. Im titelgebenden «Amo dunque sono» (Ich liebe, also bin ich) wird Aleramos Liebesbeziehung zu einem jüngeren Mann als ein privates Selbstbild einer «wehrlosen Rebellin» erzählt und ein Italienbild der zwanziger Jahre vor dem Faschismus entworfen. Der Roman «Il Frustino» (Reitgerte) gestaltet die Utopie einer Liebe als Akt zwischen zwei gleichberechtigten Menschen. Grundthemen aller Romane sind die Liebe in all ihren Variationen und Aleramos Plädoyer für das Recht auf freie Liebe von Frauen.

Berühmte Bekanntschaften

In der Prosasammlung «Andando e stando» (Gehend und stehend), so Monika Antes weiter, erinnert sich Aleramo an ihre Begegnungen mit und Beziehungen zu Colette, Katherine Mansfield, Eleonora Duse, Maxim Gorki, Stefan Zweig und anderen; im Text «Orsa minore» (Kleiner Bär) reflektiert sie Werke von Goethe und Nietzsche. Allen Texten sei eigen, dass sie Mosaiksteine zu einer Lebensdokumentation liefern und einen umfangreichen Einblick in Denken und Fühlen Aleramos geben.

Diesem Anspruch genügt die Literaturwissenschaftlerin Monika Antes nicht ganz. Zum einen erfährt die Bewertung und Deutung der Texte ein zu starkes Gewicht, zum anderen bindet sie Aleramos Werke nicht in deren unmittelbaren Lebenskontext ein, sodass ihr als Resumee Aleramos politische und feministische Positionierung zu diffus gerät. Besser für das Verständnis der facettenreichen Person Sibilla Aleramo und ihrer Entwicklung wäre eine chronologische Präsentation der Werke gewesen, aus denen sich Aleramos Denk- und Lebenswege gemäss ihrem Credo eines selbstbestimmten Lebens hätten ableiten und vermitteln lassen: «Ich bin sicher, dass ich so leben muss, wie ich lebe.»

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