Nr. 14/2009 vom 02.04.2009

Wie hungrig sind die USA?

In den USA leben rund 400 MilliardärInnen - 40 Millionen Menschen haben nicht einmal genug zu essen. Viele der Hilfsbedürftigen haben vor kurzem noch selbst Lebensmittel gespendet.

Von Lotta Suter, Boston

Das ausgemergelte afrikanische Kind mit den grossen Augen und dem aufgeblähten Bauch ist eindeutig ein Hungeropfer – aber doch nicht der ältere fette weisse Amerikaner. Ist Nahrungsmangel in der «supersize me nation» wirklich ein ernsthaftes Problem? Wie kommt es, dass in einem Land, das die ganze Welt ernähren könnte, einer von acht EinwohnerInnen nicht jeden Tag genug zu essen hat?

Seit Jahrzehnten sagen die US-amerikanischen PolitikerInnen von links bis rechts, dass Hunger in einem entwickelten Land mit landwirtschaftlicher Überproduktion eine Schande sei. Aber immer noch gibt es in den USA viele Familien, die zwischen ­Miete oder Medikamenten, zwischen ­Erdöl und ­Essen wählen müssen und deren Kinder hungrig zur Schule gehen, wo sie – sofern ihre Familien offiziell als bedürftig registriert sind – zumindest einen Gratislunch erhalten. In der Wirtschaftskrise hat sich in den USA die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufgetan. Das unabhängige Forschungsinstitut Center on Budget and Policy Priorities, das die Auswirkungen der US-Budgetentscheide auf verschiedene Einkommensschichten untersucht, schätzt, dass in den USA allein im laufenden Jahr weitere zehn Millionen Männer, ­Frauen und vor allem Kinder vom unteren Mittelstand in die Armut fallen werden. Die neue Not in den USA ist drastisch, und viele ÖkonomInnen sagen, das Schlimmste sei noch nicht vorbei.

Besitzergesellschaft in der Krise

Während die US-Regierung immer noch mit Milliardenbeträgen die Hochfinanz «rettet», fehlt vielen US-AmerikanerInnen bereits das Nötigste zum Überleben. Die Zahl der Menschen, die auf Nahrungshilfe angewiesen sind, nimmt rasch zu – in den letzten fünf ­Jahren um 45 Prozent. Im ­Dezember 2008 bezogen 31,7 Millionen Menschen, davon 18 Millionen Kinder, in den USA Lebensmittelmarken, sogenannte Food Stamps. Aber HungerexpertInnen schätzen, dass die staatliche Nahrungshilfe wegen der vielen bürokratischen Hürden und Schikanen bloss etwa die Hälfte der hungergefährdeten Bevölkerung erreicht. Ein Grossteil der Hungrigen appelliert an die private Wohltätigkeit und klopft bei einer der rund 40 000 karitativen Einrichtungen des Landes an, die Nahrungsmittel direkt an die Not leidende Bevölkerung verteilen. Die meisten dieser Food Banks (wörtlich: Essensbanken) und Suppenküchen entstanden in den achtziger Jahren als Reaktion auf die neoliberale Wirtschafts- und Sozial­politik von Ronald Reagan. Was von den Gründer­Innen als temporäre ­Nothilfe gedacht war, ist mangels kohärenter staatlicher Sozialpolitik zu einer permanenten Institution geworden.

Demontierter New Deal

Es war ausgerechnet ein demokratischer Präsident, Bill Clinton, der in den wirtschaftlich optimistischen neunziger Jahren auf Drängen der republikanischen Parlamentsmehrheit in den USA das Recht der BürgerInnen auf staatliche Sozialhilfe abgeschafft hatte. Was jetzt in der Krise übrig geblieben ist, ist lediglich die lückenhafte, uneinheitliche und unkoordinierte Nothilfe in den einzelnen Bundesstaaten, die selbst unter finanziellen Zwängen leiden. Weil die Bundesstaaten in den USA im Gegensatz zur Zentralregierung keine Defizite aufweisen dürfen, wurden vielerorts ausgerechnet in der Krise die mageren Sozialleistungen weiter gekürzt – auf das tiefste Niveau seit vierzig Jahren.

Präsident Obama hat in den letzten Monaten wohl versucht, im Rahmen seiner Stimulusidee auch die Arbeitslosen- und Hungerhilfe auszudehnen, aber das sind Tropfen auf einen heissen Stein. Was es aufgrund von Franklin Roosevelts New Deal in den USA an Sozialstaat gab, ist in den letzten dreissig Jahren unter dem Banner der Besitzer­gesellschaft systematisch demontiert worden, und zwar materiell wie ideell. Erst als George W. Bush auch noch die staatlich garantierte Altersversicherung in individuelle Börsenspekulation überführen wollte, regte sich ein wenig Widerstand. Doch für Menschen im erwerbsfähigen Alter gibt es heute, wenn die paar Monate Arbeitslosengeld ausbezahlt sind, in den USA kein Sicherheitsnetz und keinen Rechtsanspruch auf Sozialhilfe mehr, nicht einmal auf Lebensmittelmarken.

Wer in den USA verarmt, ist abhängig von der «Freundlichkeit von Fremden», wie es Tennessee Williams in seinem Stück «Endstation Sehnsucht» so schön sagt. Die privaten Suppenküchen und die Obdachlosenunterkünfte werden denn auch von Gesuchen überrannt. Doch die dort servierten Mahlzeiten und die gefüllten Lebensmittel­taschen werden immer kleiner, die Wartezeiten immer länger. Denn die Hungerhilfestellen müssen mit immer weniger geschenkter Nahrung immer mehr Nahrungssuchende versorgen. Nicht wenige der Hilfsbedürftigen haben bis vor kurzem selbst noch Lebensmittel gespendet oder Freiwilligenarbeit in den Suppenküchen geleistet. Als die ersten dieser «Grenzgänger» in den Warteschlangen der Food Banks auftauchten, erregten sie noch grosses Aufsehen. Mittlerweile ist der Wechsel vom Geben zum Nehmen kaum mehr der Rede wert. Mehr als die Hälfte ihrer neuen Klientel, sagen die überforderten Nahrungshelfer­Innen, komme aus dem abgestürzten Mittelstand.

Arme? Mittelstand!

Zahlenmässig sind die wirtschaftlich benachteiligten, das heisst die in ­Armut lebenden oder armutgefährdeten US-AmerikanerInnen eine beachtliche gesellschaftliche Gruppe. Doch politischen Einfluss haben sie kaum. «Es ist verdammt hart, Menschen politisch zu organisieren, deren oberstes Ziel es ist, nicht länger Teil der Gruppe zu sein, die da organisiert werden soll», sagt der Bürgeraktivist Joel Berg, der seit 2001 die Nahrungshilfeorganisation New York City Coalition Against Hunger ­leitet. «Die meisten Afroamerikaner sind stolz darauf, Afroamerikaner zu sein, die Umweltschützer sind stolz darauf, Umweltschützer zu sein, ­Lesben und Schwule sind stolz darauf, Lesben und Schwule zu sein. Für arme und Hunger leidende Menschen hingegen ist es das oberste Ziel, ihrer Situation zu entkommen.» Niemand will als «Loser», als Verlierer und Versager, gelten. Deshalb scheuen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die PolitikerInnen die Assoziation mit Armut und Elend.

Barack Obama zum Beispiel hat ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Millionen von US-AmerikanerInnen verelendeten, die Kategorie der Armen rhetorisch fallen lassen. Er spricht nur noch vom Mittelstand. Es ist ein Mittelstand, der sich seit Jahren irgendwie durchmauschelt – unter anderem durch Verschuldung zu Wucherzinsen. JedeR kennt in den USA Menschen, die aus finanziellen Gründen auf den Arztbesuch oder ein Medikament verzichten oder die nach Stellenverlust und Zwangsräumung ihrer Häuser vorübergehend bei FreundInnen oder Verwandten oder im Auto wohnen. Einerseits sind das Improvisationstalent und der individuelle Heroismus dieser Leute bewundernswert. Andererseits signalisieren viele Statistiken – etwa über die abnehmende Lebenserwartung in unteren Einkommensschichten oder über die zunehmende häusliche Gewalt in arbeitslosen Familien – wie angespannt oder überspannt das soziale Netz bereits ist.

Hungerbäuche wie in Afrika oder Indien sieht man in den USA kaum. Hingegen gibt es über vierzig Millionen mangel- und fehlernährte Menschen, die mit den Brosamen der Reichen auskommen müssen. Sie erleben die Not im Überfluss oder Drittweltverhältnisse mitten in der Ersten Welt.

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